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Wie Berg-Ikone Messner auch im Lockdown begeistern kann

Der Südtiroler hat sein Massenpublikum und der Radebeuler Holger Fritzsche seinen Anteil daran. Abschluss der Serie „Wenn Abenteuer auf Corona trifft“.

Reinhold Messner begeistert die Massen - jetzt via Internet. Der Programmtitel „ÜberLeben“ war ohnehin mehrdeutig gedacht und erhält in Zeiten des ausgebremsten Alltags einen weiteren Sinn.
Reinhold Messner begeistert die Massen - jetzt via Internet. Der Programmtitel „ÜberLeben“ war ohnehin mehrdeutig gedacht und erhält in Zeiten des ausgebremsten Alltags einen weiteren Sinn. © dpa/Roland Weihrauch

Dresden. Seine Auftritte sind gefragt und meistens schnell ausverkauft. Kommt Reinhold Messner, werden die Vorverkaufskassen gestürmt – bis Corona auch diesen Veranstaltungen das Publikum raubte. Der Südtiroler Extrembergsteiger war als Gipfelsammler an den höchsten Bergen der Welt sowie in Eis- und Sandwüsten in neue Dimensionen vorgestoßen. Und das gelang ihm jetzt erneut. Vor wenigen Wochen begeisterte der 76-Jährige trotz aller Pandemie-Stopps wieder Massen mit seinem Programm „ÜberLeben“. Der Titel war mehrdeutig gedacht und erhält in Zeiten des ausgebremsten Alltags einen weiteren Sinn.

Messner gab es allerdings nur im Internet. Gewohnt bild- und wortgewaltig agierte der Präsentations-Profi auf den Bildschirmen. Das wirkte optisch längst nicht so perfekt und großformatig wie in den Sälen oder Kinos, wo er sonst über einstige Heldentaten in Grenzbereichen berichtet. Zudem war der gut vierstündige Auftritt angereichert mit drei Interview-Blöcken zu Beginn und am Ende sowie in der sonst üblichen Pause. Das bot als Ausgleich zum reduzierten Sehgenuss sogar einen informellen Mehrwert.

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„Rund 10.000 Zuschauer verfolgten in der Spitze den Auftritt im Internet“, sagt Holger Fritzsche. Der Radebeuler war mit seiner Vortragsreihe „Bilder der Erde“ ein Mitsponsor von Messners Corona-Alternative. Anfang 2020 hatte Fritzsche bei seinem Festival im Alten Dresdner Schlachthof die Berg-Ikone noch vor ausverkauftem Haus begrüßt. Zweimal rund 1.000 Zuschauer waren dabei. Danach war bald alles anders. Auch die „Bilder der Erde“ erstarrten im Lockdown.

„Anfang Oktober konnte ich noch fünf aus dem Frühjahr verschobene Veranstaltungen nachholen. Dann kam der nächste Lockdown“, erzählt Fritzsche, der jetzt eigentlich Vortrags-Hochsaison hätte mit seinen Veranstaltungen im Dresdner Filmtheater „Schauburg“, im Alten Schlachthof und im Radebeuler Weingut Schloss Wackerbarth. Doch das Winter-Programm ist komplett ausgefallen. Manche Termine wurden auf bessere Zeiten verschoben. Aber auch Markus Lanz war mit einem Grönland- und Arktis-Vortrag gebucht, der „seinen Preis hat“, wie Fritzsche sagt. „Bei den Stars ist es etwas schwieriger mit den Verträgen. Aber die Vortragsreihen funktionieren eben nicht so gut ohne große Namen“, sagt Fritzsche.

Die Lage scheint frustrierend für einen Einzelkämpfer und Selbstständigen wie ihn zu sein. „Frust passt aber einfach nicht zu meiner Mentalität“, sagt Fritzsche und berichtet von unterschiedlichen Reaktionen aus der Branche: „Die großen Veranstalter sind noch relativ entspannt. Doch bei den Kleinen gibt es auch großen Frust. Besonders denen in den kleinen Städten, wo mehr Leidenschaft als Verdienst dahintersteht, geht es schlecht. Es ist schwer für sie, sofort Alternativen zu finden.“

Auch Fritzsche muss auf finanzielle Rücklagen zugreifen. „Die waren eigentlich für meine Rente gedacht, für die ich selbst aufkommen muss. Ich kann froh sein, dass es die vergangenen zwei, drei Jahre ganz gut lief, dass die Angebote vom Publikum so angenommen wurden. Trotzdem werde ich wohl bis 70 arbeiten müssen“, sagt der 56-Jährige.

Es ist ein Bild aus besseren Tagen. Vorträge auf Bühnen und in großen Sälen mit vielen Zuschauern – derzeit unmöglich. Das weiß auch Holger Fritzsche. Der Radebeuler hat eine Alternative gefunden.
Es ist ein Bild aus besseren Tagen. Vorträge auf Bühnen und in großen Sälen mit vielen Zuschauern – derzeit unmöglich. Das weiß auch Holger Fritzsche. Der Radebeuler hat eine Alternative gefunden. © René Meinig

Ein Lichtblick in dieser Corona-Auszeit war Messners Auftritt im Internet, organisiert von „Welt und Wir“, die Online-Präsenz der Agentur „Erdanziehung“ mit Sitz in Stuttgart und einer der vier großen Vortrags-Veranstalter in Deutschland. Schon im ersten Lockdown stellte sich auch Fritzsche die Frage: Umsatteln auf Online-Vorträge? Er entschied sich dagegen. „Ich dachte ja, es geht im Herbst weiter“, sagt Fritzsche und spricht von notwendigen Investitionen von 40.000 bis 50.000 Euro für ein Online-Studio.

Mittlerweile unterstützt Fritzsche die Stuttgarter Agentur – ein richtiger Schritt, wie er findet, nicht nur wegen Messner, der am vergangenen Sonntag wieder einen Auftritt hatte. Im April folgen mit Gregor Sieböck („Der Weltwanderer – 20.000 Kilometer zu Fuß um die Welt“ am 13. April) und dem Extremkletterer Alexander Huber („Best of Berge“ am 18. April) die nächsten Auftritte im Internet, und wer den Newsletter unter www.bilder-der-erde.de abonniert, bekommt den Link zur Veranstaltung frei Haus geliefert. „Bei anderen, kleineren Anbietern, da gibt es inzwischen schon keine Veranstaltung mehr im Online-Programm“, sagt Fritzsche.

Anfangs sei er sehr skeptisch über das Internet-Angebot gewesen. Die Vortragsszene zeigte sich generell gespalten. Schließlich entstand durch den zusätzlichen Online-Kanal eine neue Konkurrenz im eigenen Lager. Es wirkte wie die Kannibalisierung eines funktionierenden Geschäftsmodells. „Außerdem dachte ich, dass der kleine Bildschirm ja nicht viel hermacht“, sagt Fritzsche und stellt fest: „Das mag immer noch stimmen. Aber es ist ein Lebenszeichen, ein Angebot mit Extra-Interviews als Zugabe. Ich habe meine Meinung korrigiert. Das passt. Und am Ende ist es Vertrauenssache, was das Finanzielle betrifft.“

Wie 2020 hofft Fritzsche nun wieder auf den Herbst. Sein Programm steht bis ins Frühjahr 2022. Tickets sind online erhältlich. Dabei weiß er inzwischen genau, was es bedeuten kann, wenn der Karten-Vorverkauf im Lockdown rückabgewickelt werden muss: stornieren, rückbuchen, vertagen, neu organisieren. 90 Prozent seiner Käufer waren dabei „mega-entspannt“, wie er sagt. Jetzt ist der Vorverkauf für die nächste Saison zwar machbar, wird aber kaum genutzt. „Die Leute haben ihre Lektion gelernt. Sie warten ab, wie es weitergeht“, sagt Fritzsche.

Als Anbieter, Vermarkter und Macher von Vorträgen versucht er längst, das Beste aus der vertrackten Situation zu machen und die Zeit zu nutzen. Sein Häuschen am Waldrand und ein Garten beschäftigen ihn. Er half auch seinem Sohn, der als Baumpfleger und Baumsteiger unterwegs ist. Und Fritzsche macht sich in Sachen moderner Videoschnitt fit, freut sich, bei der Kampagne „So geht sächsisch!“ einen Trailer zu haben. Ein neues Buch will er auch schreiben. Sein Band über die Transsibirische Eisenbahn, Russland und Sibirien wird einen Nachfolger bekommen.

„Es gab Zeiten, da ging es mir schlechter“, sagt Fritzsche. „Da habe ich aber genauso viel gelacht wie heute. So gesehen ist es jetzt nicht ganz so hoffnungslos. Man kann weiter Pläne schmieden, Dinge verbessern oder Freunden helfen. Wer wie ich in der Kategorie der Selbstverwirklicher unterwegs ist, fühlt sich gerade nicht unbedingt fair behandelt. Aber es ist müßig, darüber zu klagen und sich mit anderen zu vergleichen. Wir haben dieses Leben selbst gewählt, was in normalen Zeiten einiges bietet an Freiheiten.“

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