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Drei Lehren aus #allesdichtmachen

Prominente Schauspieler kritisieren die Corona-Politik, und wieder dreht sich die Diskussion im Kreis. Wir brauchen eine bessere Debattenkultur.

Dutzende Schauspieler kritisierten bei der Aktion #allesdichtmachen den Umgang von Politik und Medien mit der Corona-Pandemie.
Dutzende Schauspieler kritisierten bei der Aktion #allesdichtmachen den Umgang von Politik und Medien mit der Corona-Pandemie. © #allesdichtmachen via Youtube/dpa

Professor Karl-Friedrich Boerne ist ein schräger Typ. Aber ein Querdenker? „Unverrückbare Überzeugungen haben nur schlechte Ärzte, Heilpraktiker, Taxifahrer – und meine Schwester Hannelore.“ Das ist einer dieser Sprüche, für den das Publikum den Pathologen aus dem „Tatort“ Münster liebt. Er ist ein eitler Schnösel. Aber selbst Kommissar Thiel, sein brummiger Nachbar, hält es seit fast 20 Jahren mit Boerne aus. Dabei sind die beiden ein Paar voller Gegensätze. St.-Pauli-Fan trifft Wagner-Liebhaber. Wie machen die das?

Boerne heißt im echten Leben Jan Josef Liefers. Der Schauspieler, geboren und aufgewachsen in Dresden, sorgte dieser Tage für Aufsehen, als einer der Wortführer der Protestaktion #allesdichtmachen. Dutzende Darsteller, darunter prominente mit „Tatort“-Rollen, kritisierten in kurzen Videos den Umgang von Politik und Medien mit der Corona-Pandemie. Die dann folgende Debatte war so vorhersehbar wie die Handlung eines schlechten „Tatort“-Drehbuchs. Hier die Guten, da die Bösen. Durchsichtiges Motiv, schlechtes Alibi. Öde Dialoge.

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Wenn man dem Ganzen nach einer Woche irgendetwas Gutes abgewinnen will, dann dies: So exemplarisch, wie die Diskussion verlaufen ist, könnte sie nicht nur ein vorläufiger Tiefpunkt unserer Debattenkultur sein, sondern auch ein Wendepunkt zum Besseren. Man kann aus den immer gleichen Missverständnissen lernen. Greifen wir drei heraus.

1. Nicht die Moralkeule schwingen

Erstens: Geht’s auch eine Nummer kleiner? Es ist ein Merkmal vieler Debatten heute, dass gleich die ganz große Moralkeule geschwungen wird. Die Aktion #allesdichtmachen wurde von einigen Journalisten sofort als „grauenhaft“ und „eklig“ gebrandmarkt. Die Videos seien eine „Verhöhnung der Corona-Toten“. Man fragt sich, welche Worte wir noch finden wollen, wenn mal etwas wirklich Grauenhaftes passiert.

Auf der anderen Seite müssen sich die Schauspieler fragen lassen, warum sie mit ihren satirischen Videos das ganze Register der populistischen Stimmungsmache ziehen: Diktatur, Lügenpresse, dumme Untertanen – auch wenn die Begriffe so nicht fallen: So blöd ist die Masse nicht, dass sie plumpe Anspielungen nicht verstehen könnte. Noch immer gilt Tucholskys Motto: Satire darf alles. Was aber oft vergessen wird: Sie darf auch intelligent sein.

2. Erst denken, dann reden

Womit wir beim zweiten Punkt wären. Wie wär’s mal wieder mit dem guten alten Grundsatz: erst denken, dann reden? Das Tempo, mit dem man heute seine Meinung bei Twitter oder Facebook loswerden kann, führt offenbar nicht dazu, dass wir alle klüger und nachdenklicher werden. Wir sollten diese Plattformen als das betrachten, was sie sind: digitale Stammtische.

Nichts gegen bierselige Runden. Im Gegenteil, man muss in einer Demokratie auch mal auf den Tisch hauen können. Aber niemand wäre früher auf die Idee gekommen, Stammtisch-Stimmungen zu einem Richtwert öffentlicher Debatten zu machen. „In den sozialen Netzwerken wurde XY kritisiert …“ So eine Feststellung ist etwa so relevant wie die Aussage: „Der Stammtisch Pichmännel-Palaver im Löbauer Eck lehnte die Maßnahmen ab.“

Zugleich zeigt die Aktion #allesdichtmachen, dass auch lange geplanter Protest nicht automatisch klug und durchdacht sein muss. Etliche Schauspielerinnen und Schauspieler haben inzwischen ihre Videos zurückgezogen, weil sie ihnen selber peinlich sind. Auch das ist eine Lehre: Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist ein wertvolles Gut. Wir sollten es öfter auch so behandeln, mit Respekt und Verantwortung. Stattdessen herrscht die Einstellung vor: Ich will jetzt auch mal was sagen – her mit der Tröte!

3. Die Perspektive wechseln

Der dritte Punkt fällt am schwersten: Wer debattieren will, sollte versuchen, die Perspektive zu wechseln. Dass viele Journalisten beleidigt auf Jan Josef Liefers’ Medienschelte reagieren, ist menschlich verständlich. Die allermeisten bemühen sich um sachliche Aufklärung in der Corona-Krise. Und es stimmt nachweislich nicht, dass skeptische Stimmen in den Medien kaum zu Wort kämen, wie Liefers in seinem Video nahelegt.

Trotzdem sollte die selbstkritische Frage nicht tabuisiert werden: Warum haben so viele Menschen den Eindruck, die Corona-Berichterstattung sei oft einseitig, belehrend und alarmistisch? Es sind ja nicht nur Schauspieler, die das offenbar denken. Man hört es auch beim Bäcker, in der Arztpraxis, an der Schule, im Freundeskreis. Alles nur Hirngespinste?

Die große Mehrheit vertraut den Medien und hält die Corona-Politik für richtig. Das zeigen Umfragen, Einschaltquoten und Wahlergebnisse. Doch es gibt eine beträchtliche Minderheit, die es anders sieht. In einer Demokratie kommt es darauf an, Minderheitsmeinungen ernst zu nehmen. Andersdenkende haben nicht nur ein Recht zu reden, man soll ihnen auch zuhören – was wäre dieses Recht sonst wert? Ebenso muss die Minderheit akzeptieren: Die Mehrheit entscheidet.

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Zum Schluss eine gute Nachricht: Am Sonntag kommt ein neuer „Tatort“ aus Münster. Endlich wieder Dialoge mit Witz. „Der Klügere gibt nach!“ Das hat Kommissar Thiel mal zu Professor Boerne gesagt. Darauf Boerne, entrüstet: „Ich gebe ja gar nicht nach!“ Besser kann man die letzten Tage nicht zusammenfassen.

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