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Antikörpertest für zu Hause bleibt in Sachsen verboten

Im Internet gibt es Corona-Test-Sets zu kaufen, auch in Apotheken in Berlin. Virologen empfehlen eine Freigabe für alle.

Zu Hause entnommen, im Labor untersucht – Selbsttests auf Corona-Antikörper.
Zu Hause entnommen, im Labor untersucht – Selbsttests auf Corona-Antikörper. © Hendrik Schmidt/dpa

In Coronazeiten wollen viele wissen, ob sie sich infiziert haben, ohne wirklich krank geworden zu sein. Tests auf Antikörper können diesen Nachweis erbringen. Dazu genügt ein Blutstropfen, der zum Beispiel auf einen Teststreifen gegeben wird. Das geht auch zu Hause. Doch Apotheken in Sachsen dürfen die Test-Sets nicht verkaufen, sehr zum Ärger der Kunden, denn im Internet sind sie erhältlich.

Grund für die Zurückhaltung ist die Medizinprodukte-Abgabeverordnung. Sie verbietet medizinischen Laien, Tests auf Krankheitserreger durchzuführen, stellt die Abgabe durch Apotheker sogar unter Strafe. Daran orientieren sich sächsische Apotheken – auch das Sozialministerium des Freistaates als Aufsichtsbehörde.

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Widerspruch kommt hingegen vom Bundesgesundheitsministerium, weil die Abgabeverordnung nicht auf alle verfügbaren Tests anwendbar sei. So fielen reine Probeentnahme-Sets, die zur Untersuchung an ein zertifiziertes Labor geschickt werden, nicht unter die Beschränkung. Sächsische Forscher aus Leipzig haben kürzlich einen solchen Test präsentiert. „Das Interesse der Kunden ist groß. Wir haben innerhalb weniger Tage schon hunderte Tests verkauft“, sagt Professor Jörg Gabert von der Leipziger Firma Adversis Pharma. „Im Internet, leider nicht in sächsischen Apotheken.“ Denn das letzte Wort für einen Verkauf sprechen die Behörden der Länder. „Wir stehen derzeit in regem Austausch mit dem Bundesgesundheitsministerium und den anderen Bundesländern, um ein einheitliches Vorgehen zu gewährleisten“, heißt es aus dem sächsischen Sozialministerium. Deshalb halte man am Verkaufsverbot zunächst weiterhin fest.

Keine Zulassung notwendig

Der Berliner Senat und die Apothekerkammer Berlin haben anders entschieden. Sie erlauben nun den Verkauf der Sets, auch in örtlichen Apotheken. Der Flickenteppich unterschiedlicher Testvorschriften, der verhindert werden sollte, ist nun Realität. Einig sind sich Behörden und Apotheken jedoch, dass sogenannte Schnelltests für zu Hause – das sind solche, die direkt ein Ergebnis liefern – nicht in Laienhände gehören und auch nicht in Apotheken durchgeführt werden dürfen.

Der Virologe Professor Alexander Kekulé kann die Bedenken nicht nachvollziehen. Er würde auch die Schnelltests freigeben – sowohl solche auf frische Infektionen, als auch auf Antikörper aus dem Blut. Um eine Probe eines Abstrichs auf ein Plastikkärtchen zu geben, brauche man keinen Arzt. „Die korrekte Probenentnahme kann jeder vor dem Spiegel erlernen, so wie Kinder das Zähneputzen“, sagte er in einem Postcast im Mitteldeutschen Rundfunk. Das gleiche gelte für Antikörpertests, bei denen ein Blutstropfen auf ein Untersuchungsmedium gegeben und der Befund abgelesen werde. Eine Handlung, die Diabetiker mehrmals täglich praktizieren müssen.

Um ein gesundheitsbewusstes Verhalten der Menschen zu fördern, müssten diese Tests so einfach wie möglich zu bekommen sein, sagt der Virologe. Bei Coronatests sei auch keine Zulassung durch die Arzneimittelbehörde notwendig, ein CE-Zertifikat, das Sicherheit und Genauigkeit bescheinigt, genüge. Zulassungen durch Behörden seien unter anderem aus ethischen Gründen wichtig, wenn ein Testergebnis in das Leben des Probanden eingreifen könnte. Kekulé: „Doch Corona ist nicht Ebola. Bei einem positiven Testergebnis springt niemand aus dem Fenster.“

In anderen Ländern Routine

In anderen Ländern sind Schnelltests längst Routine. Der Präsident des Deutschen Apothekerverbandes Friedemann Schmidt möchte die Diskussion darum versachlichen. Es brauche noch mehr Klarheit über die Verlässlichkeit der verschiedenen Tests. Qualitativ gebe es da große Unterschiede. Die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen empfiehlt, möglichst zwei Antikörpertests nacheinander durchzuführen – einen Suchtest und einen Bestätigungstest, um die Schwächen des einen beim anderen auszugleichen. Nur dann sei die Trefferquote hoch genug. Schnelltests, die sofort ein Ergebnis anzeigen, bieten diese Möglichkeit nicht.

Klar werden müsse man sich Friedemann Schmidt zufolge außerdem darüber, wie nach einem positiven Ergebnis verfahren werden müsse und welchen Zweck man mit der Testung verfolgt. Denn die Bedeutung der Antikörper sei immer noch unklar. Ihr Vorhandensein sage nichts über eine mögliche Immunität, so Kekulé. Er regt an, ein positives Testergebnis, das zu Hause gewonnen wurde, durch einen Arzt bestätigen zu lassen. Damit würden die Laborkapazitäten nur für jene genutzt, die diese auch brauchen. Außerdem könne so der Meldepflicht nachgekommen werden.

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Ob auch in Sachsen bald Probeentnahme-Sets oder Schnelltests zugelassen werden, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden müssen. Viel wichtiger ist aber, die Aussagekraft solcher Untersuchungen richtig einzuschätzen. Fakt sei, so Kekulé, dass ein Test auf eine akute Infektion – zum Beispiel der Rachen- oder Nasenabstrich – eine Momentaufnahme sei. „Wenn ich heute negativ bin, kann ich morgen schon positiv sein.“ Niemand sollte sich dadurch in falscher Sicherheit wiegen und die Abstands- und Hygieneregeln außer Acht lassen.

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