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Antikörpertherapie könnte Corona schneller lindern

Eine neue Studie, an der auch Dresdner Patienten teilnahmen, lässt Covid-19-Patienten hoffen – und hat auch Folgen fürs Impfen.

Auf Antikörper Genesener stützt sich derzeit die Coronatherapie. Die Aufbereitung ist kompliziert.
Auf Antikörper Genesener stützt sich derzeit die Coronatherapie. Die Aufbereitung ist kompliziert. © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Gegen schwere Coronaverläufe gibt es noch immer keine zielgerichteten Medikamente, die eine nachhaltige Besserung bringt. Bereits seit Beginn der Pandemie wird an einer Behandlung mit Antikörpern geforscht, die aus dem Blutplasma von Genesenen gewonnen wird. Die Idee dazu geht auf Emil von Behring zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts Diphtherie- und Tetanuspatienten damit behandelte.

Doch im Gegensatz zu diesen Krankheiten zeigte die Behandlung von Covid 19 mit Antikörpern bislang nur mäßige Erfolge. Eine neue Studie gibt jetzt Hoffnung und könnte eine Trendwende in der Coronatherapie einleiten. Die Ergebnisse hat die Gesellschaft für Transfusionsmedizin am Dienstag in Ulm vorgestellt.

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„So konnte die deutschlandweite Studie an 105 Patienten zeigen, dass eine frühe Gabe von hoch dosierten Antikörpern aus dem Blutplasma von Genesenen zur raschen Besserung der klinischen Symptome führt“, sagt Professor Hubert Schrezenmeier, Vorsitzender der Gesellschaft für Transfusionsmedizin. Die Patienten konnten im Schnitt bereits nach 21 Tagen das Krankenhaus verlassen und wurden auch früher von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Der Klinikaufenthalt der Kontrollgruppe dauerte dagegen 51 Tage im Mittel. Noch mehr hätte sich die Antikörpertherapie auf die Überlebensrate ausgewirkt. Von den damit behandelten Patienten überlebten fast 92 Prozent die schwere Infektion, in der Kontrollgruppe nur 68 Prozent.

„Maßgeblich für den Erfolg ist eine hohe Konzentration von Antikörpern im Plasma“, sagt Torsten Tonn, Professor für Transfusionsmedizin an der Universität Dresden. Das Uniklinikum Dresden hat mit Patienten der Intensivstation an der Studie mitgewirkt. „Dort wurde das Blutserum auch erfolgreich in der Notfallbehandlung eingesetzt. Mehr als 240-mal machten sächsische Kliniken von dieser Behandlungsform Gebrauch“, sagt er. Besonders bei immungeschwächten Menschen, die keine Abwehrstoffe gegen Covid 19 bilden können, habe die Transfusionsbehandlung in vielen Fällen zu einer raschen Verbesserung des Gesundheitszustandes geführt.

Eine frühe Übertragung von Spenderserum bedeutet Schrezenmeier zufolge, dass spätestens drei Tage nach Symptombeginn der Coronaerkrankung die Therapie einsetzen müsse. „Das würde aber einen viel zu großen Patientenkreis einschließen, der diese Therapie möglicherweise auch gar nicht benötigt.“ Denn die Mehrzahl der Coronainfektionen verlaufe mild und komplikationslos. Deshalb nutzen die behandelnden Ärzte einen von Wissenschaftlern entwickelten Prognose-Score, mit dem eingeschätzt wird, wann ein schwerer Coronaverlauf droht. „Maßgeblich hierfür sind das Alter der Patienten, eventuelle Vorerkrankungen des Atmungssystems oder die Einnahme immununterdrückender Medikamente“, so Schrezenmeier.

Blutserum der Region am stärksten

Die Studie untersuchte auch, woran man Spendewillige mit einer hohen Antikörperkonzentration erkennt. „Es hat sich gezeigt, dass die Stärke und Höhe der im Blut nachweisbaren Antikörper von der Schwere der Symptome abhängt“, erklärt Torsten Tonn. Deshalb wurden Spender ausgewählt, die schwere grippeähnliche Coronasymptome hatten, aber wieder vollständig genesen sind. „Menschen, die keine oder nur leichte Symptome hatten, wiesen einen geringen Antikörperspiegel auf.“

Bekamen die mild Erkrankten aber eine Coronaimpfung, stieg ihr Antikörperspiegel rasant an und übertraf zum Teil sogar die von Genesenen mit zuvor schweren Symptomen. Diese Gruppe der Geimpften sei demnach besonders interessant für Plasmaspenden. „Wer sein Plasma spenden möchte, kann sich an seinen regionalen Blutspendedienst wenden. Denn um die Sicherheit der Blutprodukte zu garantieren, müssen neben einer durchgemachten Covid-Erkrankung weitere Voraussetzungen berücksichtigt werden“, so Schrezenmeier.

Der Transfusionsmediziner verweist außerdem auf interessante Ergebnisse aus den USA zur Antikörperforschung. So hätte Plasma, das von Spendern aus der Region des Patienten gewonnen wurde, eine stärkere Wirkung als solches aus anderen geografischen Gebieten. „Wir erklären uns das mit der Immunreaktion des Spenders auf Virusvarianten, die konkret in der unmittelbaren Umgebung grassieren und damit für den dort Erkrankten von größerem Nutzen sind.“ Der Blutspendedienst, zum Beispiel des DRK, sollte also weiter an seinem Prinzip festhalten, Blutprodukte überwiegend für Krankenhäuser der Region vorzuhalten.

Das genaue Schema, wie Coronakranke mit Spenderserum behandelt werden, stünde indes noch nicht fest. Schrezenmeier: „In der Studie wurden den Patienten 850 Milliliter antikörperhaltiges Serum in drei Dosen übertragen. Andere Untersuchungen zeigten aber auch, dass eine einmalige Gabe von 200 bis 250 Milliliter ausgereicht hat.“ Hier sei noch weitere Forschung nötig.

Genesene sprechen besonders gut auf Impfung an

Doch warum gingen so viele vorherige Studien schief? Die Mediziner vermuten zu geringe Antikörperspiegel oder einen zu späten Therapiebeginn. „In der neuen Studie haben wir gesehen, dass Plasma von Genesenen bei Patienten mit einem fortgeschrittenen Krankheitsverlauf – also bei jenen, die bereits hospitalisiert waren und Atemunterstützung brauchten – nicht mehr wirksam ist“, sagt Schrezenmeier.

Die Ergebnisse aus der Behandlung von Coronapatienten ließen aber auch Schlussfolgerungen auf die Immunität von Genesenen und Geimpften zu, so Torsten Tonn. Aktuell zeige sich, dass Genesene besonders gut auf eine Impfung ansprechen.

„Schon eine einmalige Coronaimpfung führt zu einem so starken Anstieg der Antikörper, der weit über die von zweifach Geimpften hinausgeht, die zuvor nicht erkrankt waren.“ Es scheine auch so zu sein, dass die Immunantwort nach Genesung und einmaliger Impfung sehr breit ist. Das biete einen guten Schutz auch vor aktuellen Mutationen des Coronavirus. Tonn empfiehlt deshalb allen, die eine Erkrankung überstanden haben, eine einmalige Impfung, um in den nächsten Wochen einen guten Immunschutz aufzubauen.

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