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Corona auf Arbeit, Quarantäne zu Hause

Nicht positiv getestet, aber trotzdem isoliert, um den Betrieb in Betreuungseinrichtungen abzusichern: Eine Betroffene erzählt, was das bedeutet.

Arbeitsquarantäne trifft Angestellte in sozialen Berufen dann, wenn sie täglich mit Erkrankten arbeiten, deren Versorgung andernfalls nicht garantiert werden könnte. Für die Betroffenen bedeutet das harte Einschnitte in ihren Alltag.
Arbeitsquarantäne trifft Angestellte in sozialen Berufen dann, wenn sie täglich mit Erkrankten arbeiten, deren Versorgung andernfalls nicht garantiert werden könnte. Für die Betroffenen bedeutet das harte Einschnitte in ihren Alltag. © SZ/Uwe Soeder

Sohland. Alles begann mit einer kleinen Erkältung, erinnert sich Silvia H. Doch nicht sie erkrankte, sondern einer der Bewohner einer Betreuungseinrichtung im Landkreis Görlitz, in der die Frau aus Sohland arbeitet. Silvia H. heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen - aus Angst, ihr Arbeitgeber oder einer ihrer Kollegen könnte ihren Gang an die Öffentlichkeit als Angriff verstehen. Aber darum, das versichert sie, gehe es ihr nicht.

Stattdessen findet sie, die Geschichte, die sie erlebt hat, verdiene es einfach, erzählt zu werden. Weil sie die Machtlosigkeit des Gesundheitsamtes im Kampf gegen die Pandemie demonstriere - und das Vertrauen in die Selbstverantwortung von Pflegekräften wie ihr, wenn es darum geht, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

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Aber der Reihe nach: An jenem Donnerstag, nachdem bei einem Bewohner ihrer Station die Erkältung festgestellt worden war, ging es diesem immer schlechter. Ein weiterer Bewohner litt unter hohem Fieber. Beide und zwei weitere Patienten wurden auf das Coronavirus getestet, und auch bei zwei Mitarbeitern der Einrichtung wurde eine Infektion festgestellt.

Auf Anordnung des Amtes: Soziale Kontakte unterlassen

Als am Freitag ein Schreiben ihrer Geschäftsführung eintraf, freute sich Silvia H. gerade auf eine Woche Urlaub. Gemeinsam mit ihrer Mutter wollte sie wegfahren. Doch daraus wurde nichts.

Nach Anordnung des Görlitzer Gesundheitsamtes teilte die Geschäftsführung mit: "Für alle anderen [nicht positiv getesteten Mitarbeiter - Anm. d. Red.] wurde ab sofort für eine Woche eine erweiterte Quarantäne angeordnet. Diese sagt aus, dass der Mitarbeiter seine Tätigkeit verrichten kann und sich danach sofort in das häusliche Umfeld begibt. Alle weiteren sozialen Kontakte außerhalb der Familie sind zu unterlassen." Eine Testung der Betreuer und Bewohner, heißt es in dem Schreiben weiter, sehe das Gesundheitsamt nicht vor. Lediglich wer Symptome habe, könne sich beim Hausarzt testen lassen.

Erst gut eine Woche später, als die Lage in der Einrichtung immer prekärer wurde, beschlossen die Chefs von Silvia H., alle Bewohner testen zu lassen. Am darauffolgenden Montag, es war der 2. November, folgte eine eben solche Anordnung für alle Mitarbeiter. H. hatte sich da bereits bei ihrem Hausarzt testen lassen. Ihr Testergebnis: negativ.

Wer keine Symptome hat, soll weiterarbeiten

Dieses Glück hatten nicht alle auf der Station. Rund Dreiviertel der Mitarbeiter und knapp die Hälfte der Bewohner hatten sich angesteckt. Wer vom Personal positiv getestet wurde, aber keine Symptome hatte, so die Order, sollte trotzdem zur Arbeit erscheinen. Die Betreuung der Bewohner könne sonst nicht mehr garantiert werden.

Die Arbeitsquarantäne für Silvia H. und ihre Kollegen wurde auf drei Wochen verlängert, ihre Einrichtung zum Corona-Hotspot erklärt. Zur Arbeit mussten die Mitarbeiter verpflichtend mit FFP2-Maske und Schutzkittel antreten. Die Bewohner wurden durch Atemschutzmasken geschützt; mussten teils auf ihren Zimmern bleiben. Schwer zu erklären, wenn man wie Silvia H. mit geistig Behinderten arbeitet.

H., Mutter zweier Kinder, sagt, sie habe sich an die Vorschriften gehalten, so gut es ging - sie verzichtete darauf, ihre Kinder zur Schule zu bringen; erklärte ihnen die harschen Einschnitte in ihren Alltag; baute auf Unterstützung durch ihren Partner; verzichtete auf Besuche bei Eltern und Nachbarn. "Aber wo machst du da Schluss?", fragt sie. Schließlich wohne die Familie zusammen, die Kinder gehen zur Schule, kommen mit Lehrern und weiteren Kindern in Kontakt. Silvia H.s Urteil: "Das ist alles extrem kurz gedacht."

Ein mulmiges Gefühl bleibt zurück

Inzwischen ist die dreiwöchige Arbeitsquarantäne für Silvia H. beendet. Ein ungutes Gefühl bleibt, denn: Erneut getestet habe das Gesundheitsamt weder die Bewohner noch die Angestellten. "Man geht immer noch mit einem mulmigen Gefühl auf Arbeit, und man kommt sich verarscht vor", sagt sie. Auch weil Schutzkleidung für die Angestellten inzwischen nicht mehr vorgeschrieben, ja sogar der sparsame Umgang mit den Ressourcen angemahnt sei. Nur wer Verantwortung trage, so Silvia H., arbeite derzeit noch mit Einmal-Mundschutz.

Erklären kann sie sich das Verhalten des Gesundheitsamtes nur auf eine Weise: "Die Durchseuchung ist erwünscht." An die Gefahr, selbst Trägerin des Virus' zu sein, hat sie sich inzwischen gewöhnt. Nur manchmal blitzt die Angst, selbst zum Überträger zu werden, noch auf. Etwa dann, wenn Leute an der Supermarkt-Kasse zu nah an sie heranrücken. Am liebsten würde sie dann sagen: "Vorsicht, ich habe den ganzen Tag mit erkrankten Patienten gearbeitet."

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