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Astrazeneca für alle: Gibt’s das überhaupt?

Der Vektorimpfstoff darf schon jetzt ohne Priorisierung abgegeben werden. Was Ärzte und Impfwillige wissen sollten.

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca darf in Sachsen bei den Hausärzten bereits an alle Impfwilligen abgegeben werden.
Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca darf in Sachsen bei den Hausärzten bereits an alle Impfwilligen abgegeben werden. © Stefan Sauer/dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn bekommen, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ebenso: den Impfstoff Vaxzevria des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca. Widersprüchliche Empfehlungen haben zwar an seinem Ruf gekratzt. Dennoch gibt es viele Menschen, die ihm vertrauen und sich damit gern gegen Covid-19 impfen lassen würden. Die wichtigsten Fragen und Antworten auf einen Blick.

Wer kann den Impfstoff von Astrazeneca erhalten?

Die Priorisierung für Vaxzevria ist bundesweit aufgehoben worden – genauso wie für den anderen bereits zugelassenen Vektorimpfstoff Janssen des Herstellers Johnson & Johnson. Damit steht er prinzipiell allen Erwachsenen in Deutschland zur Verfügung – auch Menschen unter 60 Jahren, wie das Bundesgesundheitsministerium betont. Diese Altersempfehlung gab es bereits am Anfang der Impfkampagne, wurde dann aber nach Meldungen über Komplikationen und Todesfälle wieder aufgehoben. Nun die erneute Kehrtwende – allerdings mit dem klaren Auftrag zur ärztlichen Aufklärung und individuellen Risikoakzeptanz durch den Patienten. „Für die individuelle Risikoabschätzung durch die zu impfende Person sollten einerseits das Risiko der beschriebenen Komplikationen und andererseits das Risiko für eine Infektion mit Sars-CoV-2 oder eine Covid-19-Erkrankung abgewogen werden“, heißt es dazu im aktualisierten Aufklärungsbogen.

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Die Sächsische Impfkommission grenzt das Alter weiter ein: Insbesondere im Alter unter 40 Jahren sollte aufgrund des individuellen und epidemiologischen Risikos für ein VITT-Syndrom (venöse Thrombosen) diese Impfentscheidung geprüft werden. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, sagte kürzlich, er würde lediglich bei den unter 30-Jährigen zur Verwendung eines mRNA-Impfstoffes raten.

Bei der Zweitimpfung geht die Ständige Impfkommission auf Nummer sicher: Weil noch nicht genügend Daten vorliegen, sollen alle unter 60-Jährigen, die die Erstimpfung mit Vaxzevria erhalten haben, bei der zweiten Impfung einen mRNA-Impfstoff bekommen.

Demgegenüber gibt es bei der Abgabe des Impfstoffs an Ältere gar keine Bedenken mehr. Im Gegenteil: „Ich kann tatsächlich nur appellieren an über 60-Jährige, die ein Astrazeneca oder Johnson-&-Johnson-Impfangebot bekommen, es auch anzunehmen. Die Impfstoffe sind sehr gut und sehr wirksam, gerade bei Älteren zum Teil sogar wirksamer als Biontech“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn.

Welche Risiken sind mit Vaxzevria verbunden?

Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen sind typische Nebenwirkungen aller Covid-19-Schutzimpfungen. Auch schwerere – in Einzelfällen sogar tödliche – Ereignisse werden nicht nur bei Astrazeneca beobachtet – hier aber häufiger. Für Schlagzeilen haben Meldungen über Hirnvenenthrombosen gesorgt, insbesondere bei jüngeren Frauen. Daraufhin wurde die Anwendung des Impfstoffs in mehreren Staaten, darunter auch Deutschland, zunächst gestoppt. Die Blutgerinnsel gehen mit einem Mangel an Blutplättchen einher; die Folge ist eine überschießende Immunreaktion. Wissenschaftler wollen sich bisher aber weder auf eine Risikogruppe noch einen bestimmten Risikofaktor festlegen. Die Häufung bei jüngeren Frauen erklärt Andreas Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald vor allem damit, dass anfangs überwiegend diese Personengruppe mit Vaxzevria geimpft wurde.

Wer haftet bei möglichen Impfschäden?

Ein Impfschaden ist laut Gesetz „die gesundheitliche und wirtschaftliche Folge einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch die Schutzimpfung.“ Bei Covid-19-Impfungen blieb zunächst unklar, wer im Falle eines Impfschadens haftbar gemacht werden kann – ein wesentlicher Grund, weshalb nicht alle Ärzte ihre Bereitschaft zum Impfen erklärten. Nun liegt dem Bundestag ein Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen vor, der das Haftungsrisiko auf den Staat überträgt. Aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung besteht damit Rechtssicherheit: „Einen Versorgungsanspruch gegen den Staat haben dann auch unter 60-Jährige, die sich für den Impfstoff von Astrazeneca entscheiden. Der Arzt trägt somit kein Haftungsrisiko für Impfschäden, wenn er die Impfung ordnungsgemäß durchführt.“

Wo kann man eine Impfung mit Vaxzevria erhalten?

Den Impfstoff von Astrazeneca gibt es sowohl in Impfzentren als auch in Arztpraxen – allerdings mit diversen Einschränkungen. Laut Sächsischem Gesundheitsministerium wird Vaxzevria nur noch in den drei großen Impfzentren in Dresden, Leipzig und Chemnitz für die Erstimpfung eingesetzt. Und auch hier ist damit an diesem Wochenende Schluss. „Wir vergeben schon seit einigen Wochen keine neuen Termine mit Astrazeneca mehr“, sagte der Sprecher des DRK Sachsen, Kai Kranich, der SZ. Dafür gebe es zwei wesentliche Gründe: Einerseits wolle man damit garantieren, dass Erst- und Zweitimpfung am gleichen Ort erfolgt – lange Zeit war aber unklar, wie lange die Impfzentren aktiv sind. Andererseits könnten niedergelassene Ärzte dem erhöhten Beratungsaufwand besser gerecht werden.

Das sieht man in den Praxen freilich nicht immer genauso. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen teilte auf Anfrage mit, dass sich derzeit 1 906 von knapp 2 700 Hausärzten im Freistaat an der Impfkampagne beteiligen. Von denen haben wiederum nur 1 566 bereits den Impfstoff von Astrazeneca verwendet. Mit anderen Worten: Weniger als 60 Prozent der sächsischen Hausärzte verimpfen überhaupt Vaxzevria. Der höhere Zeitaufwand für die Beratung ist dabei nur ein Grund. Auch die Befürchtung, dass Geimpfte wegen leichterer Nebenwirkungen wie Fieber, Kopf- oder Bauchschmerzen vermehrt die Praxis aufsuchen, ist weit verbreitet.

Gibt es überhaupt genügend Impfstoff von Astrazeneca?

„Die Nachfrage nach Astrazeneca ist gut zu befriedigen, da hier genügend Impfstoff vorhanden ist“, sagt Erik Bodendieck, Präsidenten der Sächsischen Landesärztekammer. In seiner Praxis in Wurzen habe er damit bereits rund 500 Patienten mit einer Erstimpfung versorgt. Inzwischen steigt bundesweit die Nachfrage. Ob der Nachschub auch in Zukunft gesichert ist, kann aber niemand mit Gewissheit sagen. Die Herstellerfirma kündigt ihre Lieferungen stets sehr kurzfristig an. Für die kommende Woche konnten die Praxen das Vakzin von Astrazeneca ohne Limit nach oben bestellen – während für den Impfstoff von Biontech/Pfizer gerade mal zwölf Dosen pro Arzt in Aussicht gestellt wurden.

Wie lange muss man auf die Zweitimpfung warten?

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Für Vaxzevria ist ein Abstand von vier bis zwölf Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung möglich. Die Ständige Impfkommission empfiehlt zwölf Wochen. Je größer das Intervall, desto besser die Wirksamkeit des Vakzins, hat eine Studie aus Oxford belegt. (mit dpa)

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