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Auf ein Wort, Herr Ministerpräsident

Der Vorstandsvorsitzende der RHG Mittelsachsen spricht mit Michael Kretschmer über Strategien in der Corona-Krise.

In einer zweistündigen Videokonferenz hat Torsten Hamann, Vorstandsvorsitzender der RHG Mittelsachsen, mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (kl. Foto) über weitere Strategien während der Corona-Pandemie gesprochen.
In einer zweistündigen Videokonferenz hat Torsten Hamann, Vorstandsvorsitzender der RHG Mittelsachsen, mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (kl. Foto) über weitere Strategien während der Corona-Pandemie gesprochen. © www.schleychwerbung.de

Region Döbeln. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will wissen, wie es den Gewerbetreibenden in der Corona-Krise geht. Dabei verlässt er sich nicht auf Informationen aus den Ministerien. Kretschmer sucht den persönlichen Kontakt.

Nachdem sich ein Lieferant der RHG mit Fragen über die weitere Strategie in der Pandemie an die Staatskanzlei gewandt hatte, meldete sich Kretschmer bei ihm und bat um Kontakt zu einem Vertreter des Handels.

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Es folgte eine zweistündige Videokonferenz mit Torsten Hamann, Vorstandsvorsitzender der RHG Mittelsachsen, und einem RHG-Kollegen aus Kamenz. Beide vermittelten die Erfahrungen des RHG-Verbundes, in dem neun eigenständige RHG mit rund 100 Filialen in Sachsen sowie Teilen von Brandenburg und Thüringen vereint sind.

Baumärkte haben gute Möglichkeiten, die Infektionsgefahr einzudämmen

Der Ministerpräsident sei sehr daran interessiert gewesen, Informationen von der Basis zu erhalten und habe in Bezug auf den Lockdown nach Lösungsansätzen gefragt. „Wir in Sachsen haben ja aus dem vergangenen Frühjahr einige Erfahrungen“, meint Hamann. Die Baumärkte seien beim Eindämmen der Infektionsgefahr vorbildlich und hätten andere Möglichkeiten als Supermärkte und kleine Läden.

„Die Baumärkte haben große Verkaufsflächen, hohe Räume, eine gute Durchlüftung, zwei Ein- und Ausgänge und Freiflächen“, so Hamann. Aufgrund ihres Angebots hätten sie auch sehr schnell den Spritzschutz herstellen und die entsprechenden Bereiche in den Märkten damit ausstatten können.

Menschen sind frustriert und brauchen eine Motivation

Hamann habe Kretschmer auch verdeutlicht, dass bei den Menschen inzwischen ein gewisses Frustrationspotenzial zu spüren sei. „Wir wissen, dass die Viren und deren Mutationen nicht von heute auf morgen verschwinden werden und wir noch ein ganzes Stück Weg vor uns haben“, so der RHG-Chef.

Es werde auf absehbare Zeit bei wenigen Kontakten bleiben und die Menschen werden – auch aufgrund des Homeoffice – viel Zeit Zuhause verbringen. „Deshalb ist es wichtig, dass sich die Leute beschäftigen können“, so Hamann.

Dass der Lockdown im Winter erfolgt ist, sei Glück gewesen. Aber im Frühjahr, wenn die Gartenzeit beginnt und es keine Möglichkeit gibt, zu pflanzen und das Umfeld zu verschönern, werde es nicht nur für die Kunden schwierig, sondern zum Beispiel auch für die Gartenbaubetriebe.

„Wenn sie keine Absatzkanäle haben, können sie ihre Produkte nur vernichten“, verdeutlicht Hamann. Es sei wichtig, für die Menschen eine Motivation zu schaffen, Zuhause zu bleiben.

Mehr Geschäfte öffnen, um die Menschen zu verteilen

Immer wieder sei vonseiten des Ministerpräsidenten die Frage aufgetaucht: Wie macht und wie formuliert man es richtig? Es sei zu spüren gewesen, dass Kretschmer mit sich ringe, was geht und was nicht.

Bisher durften nur Geschäfte für die Grundversorgung öffnen. Doch dabei könne nicht jedes einzelne Produkt aufgeführt werden. Die Kommunen seien gezwungen, die Vorgaben zu interpretieren. „Die Sichtweisen sind sehr unterschiedlich“, hat Torsten Hamann festgestellt. Dabei entstehe ein großes Spannungsfeld. „Die Verantwortlichen sollten versuchen, mit gesundem Menschenverstand zu agieren.“

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Zudem habe sich das Sortiment der Supermärkte stark verändert. Auch dort werden jetzt zum Beispiel Schneeschieber und Streusalz angeboten. Die gehören normalerweise zum Sortiment der Baumärkte. Nicht nur dadurch konzentrieren sich auf weniger Fläche mehr Menschen.

„Wenn alle Einkaufswagen unterwegs sind, spürt man die Enge“, meint der RHG-Chef. Denn die Zahl der Körbe gebe nicht vor, ob damit nur eine Person einkaufen gehen darf oder die ganze Familie. Pragmatischer sei es, mehr Geschäfte zu öffnen, um die Menschen zu verteilen. Der Online-Handel könne nicht alles auffangen.

Click & Collect in Sachsen voraussichtlich ab 15. Februar

Deshalb habe Kretschmer auch die Frage gestellt, welcher Weg und welche Öffnungsstrategie dabei die Richtige sei. Click & Collect habe Sachsen zuletzt als einziges Bundesland untersagt, um unnötige Kontakte beim Abholen der Waren am Geschäft zu vermeiden. Hintergrund seien die sehr hohen Infektionszahlen gewesen.

Da sie inzwischen gesunken sind, hat Kretschmer die Möglichkeit eingeräumt, Click & Collect zeitnah, voraussichtlich ab dem 15. Februar, zu genehmigen. Das sei die Legitimation, dass die Händler ihre Produkte wieder verkaufen dürfen.

Hamann meint jedoch, Click & Collect sei für die Bedarfssättigung nicht geschaffen. Zum einen wollen die Kunden die Waren vor Ort aussuchen. Zum anderen sei auch die Logistik des Einzelhändlers darauf orientiert, und dass der Kunde an der Kasse bezahlt und nicht per Paypal.

Vorhandene Infrastruktur muss anders genutzt werden

Dabei entsteht die nächste Frage: Wie kann bei einer kompletten Öffnung der Läden die Ansammlung von Menschenmassen verhindert werden? Das beginne schon bei überfüllten Parkplätzen vor Einkaufszentren. Komplett sei dies nicht zu verhindern, meint Hamann.

Aber man müsse darüber nachdenken, wie die vorhandene Infrastruktur genutzt werden könnte. Ein Ansatz seien große Eingänge, wo es möglich ist, ein Ausgang an anderer Stelle, und alle Kassen zu besetzen, um dort keine Schlangen entstehen zu lassen.

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, informiert sich an der Basis über den Lockdown und sucht Lösungsansätze.
Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, informiert sich an der Basis über den Lockdown und sucht Lösungsansätze. © dpa-Zentralbild

Einen Mittelweg finden und jede Branche individuell betrachten

Bei allen Entscheidungen sei die Maßgabe, die Menschen zu schützen. Beim Umgang mit dem Virus müsse ein Mittelweg zwischen der kompletten Schließung und Öffnung des Handels gefunden werden. Dabei müsse jede Branche individuell betrachtet werden.

Die Reisebüros und die Gastronomie seien wahrscheinlich später dran. „Andere Unternehmen sollten die Möglichkeit erhalten, wieder Verantwortung zu übernehmen. Das entlastet auch die staatlichen Subventionen“, so Hamann.

Michael Kretschmer sei bewusst, dass kleine Handelsbetriebe die derzeitige Situation nicht lange durchhalten. Gleichzeitig bestehe die Angst, dass durch die Virusmutationen eine noch größere Infektionswelle entsteht.

Auf jeden Fall seien wir noch nicht über den Berg. Bei allen Entscheidungen sei es wichtig, alles zu tun, damit die Zahl der Infizierten nicht wieder steigt und weniger, idealerweise keine Menschen an Covid-19 sterben.

RHG-Chef überlässt Regierung überarbeitetes Sicherheitskonzept

Der Ministerpräsident habe sich für den Input bedankt. Das Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der RHG Mittelsachsen habe ihm geholfen, die Situation anders wahrzunehmen und aus der Sicht der Betroffenen zu sehen. „Das klang ehrlich“, meint Hamann. Denn innerhalb des Kabinetts werde die Lage sehr unterschiedlich bewertet, stark diskutiert und schwer um einen Konsens gerungen.

Hamann und Kretschmer haben vereinbart, in Verbindung zu bleiben. Die Baumärkte seien in puncto Sicherheits- und Hygienekonzept Vorreiter. Deshalb werde Hamann dem Ministerpräsidenten ein solches zuarbeiten und zusätzliche Gedanken einfließen lassen.

„Wir könnten uns zum Beispiel verpflichten, Schnelltests durchzuführen. Dazu müssten aber Mitarbeiter geschult werden“, so Hamann. Außerdem, so die Vereinbarung, soll beim Entstehen einer neuen Verfügung ein geeigneter Personenkreis der Basis einbezogen werden.

Bundesländer sollten Strategien miteinander abstimmen

Am Rande des Gesprächs über die Situation im Handel wurde Torsten Hamann auch einige Kritik los – unter anderen am Gesundheitsamt. „Ich habe noch nie erlebt, dass die Behörde Bescheide zeitnah rausgeschickt hat. Das ist fatal. In der Zwischenzeit kann eine infizierte Person andere anstecken“, sagt er.

Außerdem sollten die Überlegungen zur Bewältigung der Corona-Krise länderübergreifend sein. Die Bundesländer sollten versuchen, Strategien, die entwickelt werden, miteinander abzustimmen. Denn bisher interpretiere jedes Bundesland die Vorgaben der Regierung anders und lasse unterschiedliche Dinge zu. Das führe dazu, dass die Bevölkerung über Landesgrenzen „wandert“, wenn im Nachbarland etwas erlaubt ist, das im eigenen Land verboten ist.

Außerdem fühle sich Hamann unbehaglich, wenn Sachsen vorgeworfen wird, so hohe Inzidenzzahlen zu haben, weil es hier viele Corona-Leugner gibt. „Es gibt auf jeden Fall Gruppen, die realitätsfern sind. Aber das ist niemals die Mehrheit der Bevölkerung“, sagt er. Für den Freistaat sei eher die Grenze zu Tschechien problematisch. Das beziehe sich sowohl auf die zahlreichen Gastarbeiter aus dem Land, als auch auf die Deutschen, die zum Tanken und Einkaufen nach Tschechien fahren.

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