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Innenansichten einer Pandemie

Die Krise hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor, legt Stärken und Schwächen offen. Im besseren Fall reißen sie uns aus unserer Gleichgültigkeit. Ein Gastbeitrag.

Alles sieht nach Um- und Aufbruch aus. Doch wird das noch unter Bundeskanzlerin Angela Merkel beginnen?
Alles sieht nach Um- und Aufbruch aus. Doch wird das noch unter Bundeskanzlerin Angela Merkel beginnen? © dpa

Von Katja Gloger

Ein Virus, eine Pandemie, eine neue Realität, die wahlweise als Wendepunkt, Epochenbruch, Jahrhundertaufgabe oder als neue Normalität beschrieben wird. Neue Begriffe bestimmen Alltag und Ängste, Sorgen und Hoffnungen: die 7-Tage-Inzidenz, die FFP2-Maske, Lockdowns und Lockerungen, das Präventionsparadox, eine angebliche Corona-Diktatur. Beatmete Betten. Hybridunterricht. Sozialdistanz. Leben auf Abstand.

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Der Schrecken, darauf darf man hoffen, wird mithilfe von Impfstoffen eingehegt werden. Aber das tiefe Erschrecken ist begründet. Ein Virus, bequem reisend auf den Pfaden der Globalisierung, brachte die Welt schneller an den Abgrund, als man es sich vorstellen wollte. Dabei ist die Pandemie des Jahres 2020 ebenso wenig ein „schwarzer Schwan“, wie es die globale Finanzkrise von 2008 war. Alle Zeichen standen an der Wand. In dem „alten Leben“, in das sich so viele zurücksehnen, wurde das Risiko einer Pandemie ignoriert, einfachste Vorkehrungen nicht getroffen. Erst so wurde aus der Krise eine Katastrophe.

Die von Politikerinnen und Politikern getroffenen Entscheidungen, die guten wie die schlechten, zu analysieren und aufzuarbeiten, mit bedingungsloser Offenheit, aber auch mit Fairness und gebotener Demut, wird lange eine Pflichtaufgabe bleiben. Schon, weil niemand sagen kann, wann SARS-CoV-3 oder CoV-4 oder ein ganz anderes Virus die Welt heimsuchen wird. Und weil in jeder Krise zwei gleichbedeutende Aufgaben erwachsen: sie so gut als möglich zu bewältigen und dafür zu sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Willensbildung beginnt immer mit Wissensbildung

Alle von den vielzähligen Experten noch so präzise berechneten Voraussagen und Simulationen der verheerenden medizinischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen einer Pandemie reichten nicht aus, die Welt aus ihrem Tiefschlaf zu wecken. Pandemien können verhindert werden. Prävention ist ein Muss, der kleinste gemeinsame internationale Nenner, zu erreichen zu einem Bruchteil der Kosten und Folgekosten allein dieser einen Pandemie.

Allein die Milliarden einer einzigen deutschen Novemberhilfe würden einen großen Unterschied machen. Dazu gehören Forschung und Fabriken für Impfstoffe, gut gefüllte Lager für Schutzausrüstung, staatliche Investitionen in öffentliche Gesundheit und regelmäßige Übungen – nicht nur für einen möglichen Krieg, sondern auch für den Gesundheitsnotstand. Und eine Warn-App für den Pandemiefall, die ihren Namen auch verdient. Prävention bedeutet aber auch die Entwicklung von Risikokompetenz: Resilienz. Die Bereitschaft und Fähigkeit, mit fortwährender Unsicherheit umzugehen, Komplexität zu ertragen und Balance auf schwankendem Grund zu finden.

Dazu gehört die Bereitschaft, aus den Erfolgen anderer zu lernen. Unverzichtbar die stete Mühe, Fakten von Fake News zu unterscheiden. Willensbildung beginnt immer mit Wissensbildung. Notwendig hierfür ist ein Typus in der Politik, der sich auf ein anderes Verhältnis zurzeit einlässt, längerfristig denkt und proaktiv handelt. Es geht darum, tätig zu werden, bevor die Schäden sichtbar werden.

Sie finden uns, bevor wir sie finden

Pandemien müssen global bewältigt werden. Niemand ist sicher, solange nicht alle sicher sind, mahnt man bei WHO und Vereinten Nationen, es klingt eher nach Zweckoptimismus als nach begründeter Zuversicht. Mit Prognosen gilt es vorsichtig umzugehen. Die steilsten Thesen klicken sich gut, sind aber meist falsch. Und doch steht es zu befürchten, dass die postpandemische Welt noch ungleicher, noch ungerechter sein wird.

Erst mit Zeitverzögerung einsetzend, dafür spricht derzeit alles, werden die Folgen umso härter sein. Die Hauptlast werden die Menschen im globalen Süden tragen, wieder einmal. Schon jetzt hoch verschuldete Staaten werden sich in Europa, den USA und China weiter verschulden müssen. Impfstoffe, so bewundernswert schnell entwickelt, werden als „globales öffentliches Gut“ propagiert, gleichberechtigter Zugang versprochen. Und werden doch zuerst in den reichen Ländern verimpft. Als ob das selbstverständlich wäre.

Die vermeintlich „soften Themen“ sind oft die härtesten: Das 0,7-Prozent-Ziel für Entwicklungshilfe hat mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie das Zwei-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben. Eine unabhängig handelnde, mit ausreichend Kompetenz und Geld ausgestattete Weltgesundheitsorganisation ist ebenso wichtig wie die Nato. Seit ihrer Gründung vor mehr als 70 Jahren durfte die WHO nicht werden, was die Welt dringend braucht: ein effizientes Pandemie-Frühwarnsystem.

Pandemien sind unbestechliche Lehrmeister

Pandemien sind unbestechliche Lehrmeister. Sie kennen weder Freund noch Feind, weder Ideologie noch Moral. Erbarmungslos halten sie Gesellschaften den Spiegel vor, legen ihre Stärken und Schwächen offen. Im besseren Fall reißen sie uns aus unserer Gleichgültigkeit. Denn sie haben: Konsequenzen. Sie können wie Brandbeschleuniger wirken, Misstrauen gegen die Eliten des demokratischen Staates verstärken. Dann weicht das Recht auf Teilhabe dem Anspruch auf die Durchsetzung vermeintlich allein gültiger Wahrheiten.

Solidarische Gesellschaften aber bewältigen die komplexe Krise „Pandemie“ besser als unsolidarische. Aus Sozialdistanz kann neuer Gemeinsinn wachsen. Demokratische Regierungen müssen ihre Bürgerinnen und Bürger immer wieder neu überzeugen, Vertrauen neu begründen – zumal, wenn sie ihnen massive Grundrechtseinschränkungen zumuten. Das Dilemma zwischen Recht auf Freiheit und Recht auf Gesundheit wird sich nie widerspruchsfrei auflösen lassen. Transparenz und Glaubwürdigkeit, Entschlossenheit und Einigkeit gehören zu den wichtigsten vertrauensbildenden Maßnahmen. Es ist ein Charaktertest auch für die Politik, ein immer neues Tasten, die Suche nach dem besseren Weg, denn einen Masterplan gibt es nicht.

Deutschland bewältigte diese Bewährungsprobe im Frühjahr mit Bravour. In einem Sommer der Sorglosigkeit aber ging viel von dieser Geschlossenheit verloren. Als zu viele auch unter den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten glaubten, man habe die das Virus im Grunde im Griff und jeden Hotspot unter Kontrolle. Das große Selbstbewusstsein, die erste Phase der Pandemie so erfolgreich gemeistert zu haben, trug zu Fehlentscheidungen bei.

Soll niemand sagen, man habe es nicht gewusst

Und doch wäre es falsch, die Verantwortung allein den unter enormem Druck Handelnden aufzubürden. Die Vorstellung, dass der Staat mit immer ausgefeilteren Verordnungen das Virus kleinkriegen kann, war falsch. Er kann und will auch nicht jede Kontaktbeschränkung bis ins Wohnzimmer oder den Partykeller hinein durchsetzen. Eine diffus wachsende Minderheit, mal müde und erschöpft, mal verbohrt und ignorant, wollte nicht mehr weiter immer mit dem Schlimmsten rechnen. Konnte vielleicht auch nicht immer weiter Verzicht üben. Die Geduld wurde noch vor den Klinikbetten knapp, Einsicht war schon immer wichtiger als Vorschrift. Ein Virus aber lässt sich nicht wegwünschen.

Das nächste wird vielleicht noch gefährlicher, noch tödlicher sein. SARS-CoV-2 verließ seine natürliche Heimat, in diesem Fall wohl eine Fledermausart, es fand seinen verschlungenen Weg zu einem neuen, ergiebigen Wirt, dem Menschen. Sein Siegeszug ist – wie womöglich der so vieler anderer, noch unbekannter Viren mit pandemischem Potenzial – untrennbar verbunden mit Raubbau der rasch wachsenden Spezies Mensch an der Natur, der systematischen Ausbeutung und Plünderung des Planeten. Denn weiterhin dringen Menschen in die letzten unberührten Wildnisse vor, Schatzkammern der Biodiversität. Aus Profitgier ebenso wie aus nackter Not. Sie brandroden Urwälder für Weideflächen und gigantische Monokulturen; sie graben nach Bodenschätzen. Sie bauen Dörfer, die rasch zu Städten wachsen; viel zu nah kommen sie den ursprünglichen Virenwirten. Zuchtfarmen, Wildtiermärkte und industrielle Massentierhaltung – jährlich 70 Milliarden geschlachteter Nutztiere – sind wie Petrischalen für neu entstehende Viren. Sie finden uns, bevor wir sie finden. Und sie verhandeln nicht.

Soll niemand sagen, man habe es nicht gewusst. Soll niemand sagen, man habe nicht gewusst, was zu tun sei. Wie immer ist die Zukunft das, was die Menschen, lernend, aus ihr machen.

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Unsere Autorin Katja Gloger, 1960 in Koblenz geboren, ist Redakteurin des Wochenmagazins Stern. Unlängst veröffentlichte sie mit ihrem Mann Georg Mascolo das Buch „Ausbruch: Innenansichten einer Pandemie – Die Corona-Protokolle“, aus dem wir hier einen Auszug veröffentlichen (Piper, 336 S., 22 Euro).

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