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Großsedlitz: Gärtnern im Corona-Rhythmus

Besucher zu ungewohnten Zeiten, ein Kran an ungewohnter Stelle, ungewohnte Pflanzen: Wie der Gärtnermeister des Barockgartens den Park organisiert.

Bei schönem Wetter verständlich, aber auch sonst ist die Arbeit im Barockgarten für Gartenmeister Helge Klügel ein Fest.
Bei schönem Wetter verständlich, aber auch sonst ist die Arbeit im Barockgarten für Gartenmeister Helge Klügel ein Fest. © Daniel Schäfer

Wenn Helge Klügel von Dresden mit dem Fahrrad nach Großsedlitz kommt, fällt die Last der Großstadt von ihm ab und es ist ihm ein Fest. Seit 2017 ist er im Barockgarten Gartenmeister, zuvor war er das im Großen Garten in Dresden. Den großen Park, den alle für sich beanspruchen, hat er gegen den barocken vor den Toren der Landeshauptstadt getauscht. Ein Tausch, den er nicht bereut. Auch wenn der kleinere Garten nicht weniger Arbeit bedeutet.

Erstmals wächst die Ananasblume

Gerade werden die Rabatten neu bepflanzt. Die Frühjahrsbepflanzung hielt dieses Jahr aufgrund des Wetters extrem lange. Dann gab es, auch wegen des Wetters, Lieferschwierigkeiten bei den Pflanzen. Einige sehen deshalb noch etwas mickrig aus. Klügels Pflanzplan beinhaltet viele Pastelltöne. "Bei mir gibt es keine farblichen Kracher", sagt er. Ziertabak, Pantoffelblume, Wolfsmilchgewächs, Leberbalsam, Gummibärchenblume und Ananasblume. Die hat Klügel im Katalog gefunden und erstmals bestellt. Alles wird schön symmetrisch angeordnet. Das ist ein barockes Gesetz.

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Zwischen den insgesamt 8.400 Pflanzen 20 verschiedener Sorten und Arten liegen Schläuche. Sie sorgen dieses Jahr erstmals für die Tröpfenbewässerung. Die Schläuche sind schon in Kürze nicht mehr sichtbar, helfen den Gärtnern aber, viel Zeit zu sparen.

Die fliegenden Zitruskübel

Corona scheint an den Barockgärtnern vorübergegangen zu sein. Dennoch war die Anlage keine Insel der Glückseligkeit. Als der Garten im vorigen Jahr eher als wie gewohnt zu Ostern bzw. zum 1. April öffnete und auch noch über den 31. Oktober hinaus geöffnet hatte, brachte das die Gärtner schon durcheinander. Die Winterpause wurde verkürzt, damit war weniger Zeit für die dafür vorgesehenen Arbeiten. Dazu kamen die Leute, die manchmal nicht viel von Abstand hielten und den Gärtnern recht nahe kamen. Dort, wo sie sonst allein im Garten waren und auch mal einen Schlauch liegen lassen konnten, mussten sie nun doppelt aufpassen.

An den Arbeiten aber hat Corona nichts geändert, trotzdem änderte sich einiges. Das Einpacken der Skulpturen zum Beispiel. Bisher war das eine aufwendige Arbeit vor und nach dem Winter. Die Figuren wurden hinter Brettern vor der Kälte und dem Schnee versteckt. Der neueste Schrei sind textile Einhausungen. Aber auch die haben ihre Tücke, wenn sie zum Beispiel direkt aufliegen. Also wurden Gestelle gebaut, über die die Textilüberzüge geworfen werden.

Kommt eine Kübelpflanze angeschwebt: Erstmals wurde dieses Jahr ein Kran beim Transport der Kübel von der Orangerie in den Park eingesetzt.
Kommt eine Kübelpflanze angeschwebt: Erstmals wurde dieses Jahr ein Kran beim Transport der Kübel von der Orangerie in den Park eingesetzt. © Barockgarten

Oder der Transport der Kübelpflanzen. Insgesamt 340 gibt es. 110 davon sind die Zitrusbäumchen, die vor der unteren Orangerie stehen. Ihr Weg dahin war dieses Jahr eine Premiere. Per Hand, das ist nicht mehr machbar. Immerhin wiegen die Pflanzen samt Kübel bis zu 200 Kilogramm. Ein Hilfsmittel wie einen Kran zu nutzen, lag auf der Hand. Nur wie kommt der an die Stelle, an der er gebraucht wird? Überall Treppen.

Also wurde der kleine Kran auf Umwegen in Stellung gebracht. Womit sonst etliche Mitarbeiter zwei Wochen beschäftigt waren, schaffte der Kran in drei Tagen. Dass nun ganz unterschiedlich hohe Pflanzen nebeneinander stehen, tut zwar dem barockgeschulten Auge des Gärtnermeisters weh, ist aber nicht zu ändern, wenn man alle Pflanzen aufstellen und keine ausrangieren will.

Rasenmäher statt Mähroboter

Die meiste Zeit arbeiten die Gärtner unter den Augen der Besucher. Und das waren in Corona-Zeiten besonders viele. Wer den Park am Wochenende besucht, sieht kaum Gärtner. Anders in der Woche. Da schnurren derzeit schon zum zweiten Mal die Rasenmäher über die zum Teil großen Flächen. Mähroboter wären eine feine Sache. Doch weil die den Mulch nicht aufnehmen, eignen sie sich nicht für Trockenwiesen, auf denen zudem noch geschützte Pflanzen und Kräuter wachsen.

An den über vier Kilometern Hecke schaffen die Gärtner nur einen Schnitt pro Jahr. Der Garten ist groß, die Natur schreibt den Arbeitsplan, und im Wettlauf mit dem Unkraut hat selbiges immer einen kleinen Vorsprung. Im Großen Garten hatte Klügel 120 Mitarbeiter, in Großsedlitz sind es mit Lehrling und Saisonkräften zehn.

Die Arbeit im Barockgarten bestimmt die Natur, das ist auch mit Corona nicht anders. Doch die Pandemie hat den Rhythmus etwas aus dem Takt gebracht. Jetzt bringen Garten, Gärtner und Besucher ihre verschiedenen Rhythmen wieder in Einklang. "Wenn man uns nicht sieht, sich aber an der schönen Bepflanzung und dem Garten erfreut, dann haben wir alles richtig gemacht", sagt Helge Klügel.

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