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Förderschule - Schule zweiter Klasse?

Leon Geier besucht eine 9. Klasse in Bautzen. Seit Wochen lernt er zu Hause, obwohl er individuelle Förderung braucht. Nach viel Hin und Her gibt es eine Lösung.

Leon Geier lernt seit Mitte Dezember am heimischen Schreibtisch. Seine Mutter Lysann Geier findet das einen unerträglichen Zustand.
Leon Geier lernt seit Mitte Dezember am heimischen Schreibtisch. Seine Mutter Lysann Geier findet das einen unerträglichen Zustand. © SZ/Timotheus Eimert

Bautzen/Weißenberg. Leon Geier würde gern wieder zur Schule gehen. „Das Lernen zu Hause ist sehr anstrengend. Wenn ich etwas nicht verstehe, kann es mir keiner so richtig erklären“, sagt er. Seit dem 14. Dezember 2020 muss der Neuntklässler des Förderzentrums Am Schützenplatz in Bautzen zu Hause in Weißenberg lernen.

Wie die anderen Schulen im Landkreis Bautzen hat auch die Förderschule aufgrund der sachsenweit geltenden Corona-Regeln geschlossen. Ausnahmen gelten für die Abschlussklassen, die seit dem 18. Januar wieder Präsenzunterricht haben, und für die Grundschulen, die seit einer Woche wieder gemeinsam vor Ort lernen.

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Für Leons Mutter Lysann Geier ist dieser Zustand nicht verständlich. Sie ist der Meinung, dass auch die Vorabschlussklassen wieder im Präsenzunterricht lernen sollten. Dazu würde auch ihr Sohn als Förderschüler einer neunten Klasse zählen. Im nächsten Jahr würde er normalerweise an einer weiterführenden Berufsschule seinen Hauptschullabschluss machen. „Doch wir überlegen ernsthaft, unseren Sohn zurückzustellen. Und wir sind nicht die einzigen Eltern, die so denken“, sagt Lysann Geier, die auch Elternsprecherin ist.

Man sei bereits an die Schulleitung herangetreten, aber auch sie könne nichts machen. Denn es ist eine Entscheidung des Sächsischen Kultusministerium und der Sächsischen Regierung. So werden derzeit neben den Abschlussklassen nur die 11. Klassen der Gymnasien in der Schule unterrichtet.

Abschlusszeugnis für weiterführende Schulen wichtig

Wie Susann Meerheim vom Kultusministerium mitteilt, war das „Kriterium für die Zulassung zum Präsenzunterricht die Vorbereitung auf zentral gestellte Abschlussprüfungen.“ So werden in der 11. Klasse eines Gymnasiums bereits Punkte für das Abitur eingebracht. An Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen dagegen würde es keine Abschlussprüfungen geben.

Lysann Geier sieht das ein wenig anders. „Sie müssen in der Praxis sehr wohl Abschlussprüfungen in Deutsch, Mathe und Informatik ablegen, diese heißen aber nicht Abschlussprüfungen“, meint sie. In die Zeugnisnoten würden diese Prüfungen einfließen. „Und das ist wiederum für die Berufsschulen entscheidend. Viele Förderschüler mit dem Schwerpunkt Lernen, wie unser Sohn, machen ihren Hauptschulabschluss auf der Berufsschule. Deswegen ist wichtig, dass sie auch ein gutes Abschlusszeugnis am Ende der 9. Klasse bekommen.“

Derzeit dürfen nur die Abschlussklassen der Förderschulen, die nach den Lehrplänen der Oberschule unterrichtet werden, wieder in die Schule. „Das sind Klassen in den Schulen mit den Förderschwerpunkten Sehen, Hören, körperliche und motorische Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache, die sich auf die zentral gestellten Abschlussprüfungen zum Hauptschulabschluss oder zum Realschulabschluss vorbereiten“, erklärt Susann Meerheim auf Nachfrage von Sächsische.de.

Abschluss nur mit einer Facharbeit möglich

Ebenso werden Schüler der Abschlussklasse 10 an Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen in Präsenz unterrichtet, da „diese Schüler ebenfalls die Möglichkeit haben, an den zentral gestellten Prüfungen zum Hauptschulabschluss teilzunehmen.“

Für Leon Geier trifft das alles nicht zu. Seine Mutter kann das nicht nachvollziehen. „Kinder, die auf eine Förderschule gehen, sind nicht dümmer als andere Kinder. Sie benötigen einfach nur mehr Zeit. Die Leistung müssen sie genauso bringen“, sagt sie. Förderschulen werden ihrer Meinung nach „wie Schulen zweiter Klasse behandelt.“

Außerdem müsse Leon eine weitere Abschlussarbeit ablegen, um das Abschlusszeugnis zu bekommen. Denn laut der Schulordnung für Förderschulen muss er für einen erfolgreichen Abschluss am Ende der Klassenstufe 9 in allen Fächern mindestens die Note „ausreichend“ haben sowie eine Komplexe Leistung erbringen. „Das ist eine Art Facharbeit. Dafür müsste er sich eigentlich regelmäßig mit seinem Mentor treffen. Bisher hatte er im gesamten Schuljahr aber erst sechs Treffen. Mehr ist durch die Umstände derzeit nicht möglich“, sagt Lysann Geier.

Normalerweise würden Schüler wie Leon mehr Zuwendung, mehr Erklärungen, mehr Treffen benötigen. „Doch wenn kein Präsenzunterricht stattfindet, sind die Schüler mehr oder weniger auf sich alleine gestellt“, sagt die Elternsprecherin weiter.

Ab dem 22. Februar wieder Präsenzunterricht

Die Referentin des Kultusministeriums erklärt dazu: „Es ist richtig, dass der Abschluss im Förderschwerpunkt Lernen in der Klassenstufe 9 keineswegs voraussetzungslos vergeben wird. Die dort zu erbringende ,Lebenspraktisch orientierte Komplexe Leistung´ ist eine Aufgabenstellung, in der es um die Herstellung eines Produktes, die Dokumentation dieses Prozesses und die Präsentation des Ergebnisses geht.“

Mit dieser Arbeit würden die Schüler nachweisen, dass sie sich „ein anschlussfähiges, anwendungsorientiertes Grundwissen angeeignet haben und über Kompetenzen verfügen, die es ihnen ermöglichen, aktuelle und zukünftige Lebensaufgaben in Familie und Freizeit, Berufs-und Arbeitswelt sowie in Natur und Umwelt zu bewältigen“, erklärt Susann Meerheim weiter.

Diese Arbeit habe einen hohen Stellenwert, sei laut Angaben der Referentin allerdings keine zentral gestellte Abschlussprüfung. „Dennoch ist es uns wichtig, dass dieser Schüler zeitnah wieder in Präsenz unterrichtet werden und damit von ihren Schulen besser als in der häuslichen Lernzeit gerade auch bei der Erbringung dieser Leistung unterstützt und begleitet werden können“, sagt sie. Ab kommenden Montag sollen die Schüler deswegen wieder in Präsenz unterrichtet werden. Darüber freut sich Leon Geier. Seine Mutter ist erleichtert.

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