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Bestatter: „Erschreckend, was hier los ist“

Die vielen Corona-Todesfälle bringen die Bestatter in und um Radeberg an ihre Grenzen - körperlich, aber auch emotional.

"Natürlich gibt es eine Übersterblichkeit in dieser Zeit", sagt Jan Tschörtner vom Bestattungshaus Winkler in Radeberg.
"Natürlich gibt es eine Übersterblichkeit in dieser Zeit", sagt Jan Tschörtner vom Bestattungshaus Winkler in Radeberg. © Marion Doering

Radeberg. An diesem Vormittag ist es wieder einmal soweit, da geht die Fahrt mit den Toten nach Sachsen-Anhalt, zu einem kleinen Ort unmittelbar hinter der Landesgrenze. Dort befindet sich ein Krematorium, dass der Ottendorfer Bestatter Benjamin Wolf in den vergangenen Tagen oft angesteuert hat. Zwangsläufig, denn „in Sachsen sind alle Krematorien überlastet“, sagt er.

Die vielen Corona-Todesfälle in diesem Winter stellen die Bestattungsunternehmen im Rödertal mittlerweile vor große Herausforderungen. Vor allem in logistischer Hinsicht.„Ich muss in diesen Tagen immer zusehen, dass ich genügend Särge vorrätig, genug Platz in der Kühlkammer habe“, erklärt Wolf, der Inhaber des Bestattungshauses Muschter in Ottendorf-Okrilla.

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„Da musste ich mit meinen Tränen kämpfen"

Auf die Frage, wie er die Situation während des verschärften Lockdowns, so kurz vor dem Jahreswechsel, betrachtet, sagt er, dass die „erschreckend“ sei. Das Erschreckende sei nicht die Tatsache, das er nun oft auch Tag und Nacht durcharbeiten müsse, sondern das diese Pandemie, ihre Auswirkungen auf die Familien der Verstorbenen mittlerweile selbst ihm nun manches Mal unter die Haut geht. „Es hat zuletzt Situationen gegeben, da musste ich mit meinen Tränen kämpfen. Weil vieles so kompliziert geworden ist im Umgang mit den trauernden Angehörigen, die auch infiziert sein könnten.

Was sich in diesen Tagen und Wochen in den Bestattungsunternehmen abspielt, „habe ich so noch nie erlebt und möchte es, ehrlich gesagt, auch nicht mehr erleben“, beschreibt es Benjamin Wolf, der auch von diesem Befremden erzählt, dass ihn ergreift, wenn die Besucher bei der Beerdigung im Abstand zueinander stehen, sich nur die engsten Angehörigen des Verstorbenen umarmen dürfen. Die Trauerarbeit werde durch Corona erschwert, beschreibt es der Ottendorfer Bestatter. Der immer wieder darauf hinweist, dass es ihm ungemein wichtig ist, sich gerade in dieser Pandemie „die Zeit für die betroffenen Familien zu nehmen“.

50 Prozent mehr Sterbefälle

Auch im Radeberger Bestattungshaus Winkler GmbH läuft das Geschäft in diesen Tagen intensiver als sonst ab. Allerdings, darauf weist der Geschäftsführer des Bestattungshauses, Jan Tschörtner, hin, „ist hier nicht jede Leiche, die durch unsere Hände geht, Corona-positiv“. Gestorben wird in diesen Tagen auch an Krebs, Herzinfarkten oder bei Verkehrsunfällen. Das ist etwas, worauf Tschörtner in dieser auch für sein Bestattungsunternehmen noch nie da gewesenen Zeit hinweisen möchte.

Natürlich gebe es eine Übersterblichkeit in dieser Zeit. Wobei aber auch Folgeerkrankungen, durch Covid-19 ausgelöst, eine Rolle spielten, so Tschörtner weiter. Genau in Zahlen lasse sich das noch nicht festmachen.

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Bestatter führen keine Listen, welcher Tote an oder mit Corona gestorben ist. Diese Statistik wird beim Gesundheitsamt des Landkreises geführt. Eine Frage ist in diesen Tagen auch, was diese Pandemie mit den Bestattern macht. „Das Geschehen in der Corona-Zeit geht allmählich an die eigene Substanz“, beschreibt es Marko Paschke. Der Inhaber des gleichnamigen Radeberger Bestattungsinstitutes erklärt, warum: „Die psychische Belastung der Angehörigen in dieser Zeit tragen wir ja auch mit.“ Man sei halt nur ein Mensch und keine Maschine, man nehme diese Ausnahmesituation deutlich wahr, könne und wolle sich der auch gar nicht verschließen.

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Das ist ja etwas, worauf der Ottendorfer Benjamin Wolf ebenfalls immer hinweist, dass man ja würdevoll mit den Angehörigen trauern wolle. Dafür müsse man sich die Zeit nehmen, erklärt Wolf, der seit acht Jahren in der Branche arbeitet. Und der bei dieser Gelegenheit erwähnt, dass er sich nicht habe vorstellen können, dass sich diese Pandemie, nach den Erfahrungen dieses Frühjahrs, so entwickeln würde. „Beim ersten Lockdown haben die beschlossenen Maßnahmen was bewirkt.“ Aber jetzt sehe das vollkommen anders aus. Er habe derzeit 50 Prozent mehr Sterbefälle als zum gleichen Zeitraum im Vorjahr. Es gebe jetzt Phasen, da „habe ich in zehn Tagen mehr Trauerfälle als in einem ganzen Monat“. Wolf erzählt, dass er und seine Mitarbeiter mittlerweile an die Belastungsgrenze angekommen sei.

Bestatter rechnet nicht mit Beruhigung in nächster Zeit

Unterstützung bekommt er durch Freunde und Bekannte, die für ihn etwa behördliche Dinge beim Standesamt übernähmen. Denn die seien oft zeitraubend, erklärt er. Hilfe hat sich auch Marko Paschke gesucht. Pauschalkräfte unterstützen ihn und seine Mitarbeiter. Mit einem ruhigen Jahreswechsel rechnet der Radeberger in diesem Jahr nicht. „Wenn es klingelt, und es wird sicher an den Feiertagen bei mir klingeln“, erzählt er, werde er für die Angehörigen da sein. „Ich habe mir schließlich diesen Beruf ausgesucht, der für mich eine Berufung ist“, so Marko Paschke weiter.

Entspannung sieht er für sich und seine Branche in den folgenden Monaten nicht. Die Zahl der Corona-Toten werde weiter ansteigen. Er hoffe jedoch inständig, dass man hier nicht solche Verhältnisse bekommen werde, wie man sie vom Frühjahr im italienischen Bergamo gesehen habe. Die Bilder von Lkw-Konvois der italienischen Armee, die Särge aus der Stadt abtransportierten, hatten seinerzeit die ganze Welt geschockt. Ganz ausschließen will Marko Paschke ein solches Szenario aber auch nicht.

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