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Corona macht Sachsens Biotech-Firmen Tempo

Hilfsmittel aus dem Plaste-Drucker, Covid-Tests aus einem Dresdner Labor: Sachsens Biotech-Branche will zeigen, was sie jetzt kann.

Zusammen gegen Corona: An einer Übungspuppe lässt sich sächsische Notfall-Beatmungstechnik zeigen - hier mit dem Leipziger Professor Dirk Winkler (von links), Biosaxony-Vorstandschef Oliver Uecke und Biotype-Geschäftsführer Wilhelm Zörgiebel.
Zusammen gegen Corona: An einer Übungspuppe lässt sich sächsische Notfall-Beatmungstechnik zeigen - hier mit dem Leipziger Professor Dirk Winkler (von links), Biosaxony-Vorstandschef Oliver Uecke und Biotype-Geschäftsführer Wilhelm Zörgiebel. © Biosaxony, Frank Grätz

Dresden. Eigenlob für Erste Hilfe: Sachsens Biotech-Firmen finden, dass sie in der Corona-Krise leistungsstark waren und dank Zusammenarbeit anderen helfen konnten. Nun wollen sie in einer Werbekampagne auf ihr Können hinweisen – und dafür sorgen, dass der Staat sie weiter fördert. Bei einem Pressegespräch am Dienstag zeigte André Hofmann, Geschäftsführer des Branchenverbands Biosaxony, als Beispiel für den gemeinsamen Corona-Einsatz ein Visier aus Kunststoff vor.

Solche Schutzausrüstungen fehlten zu Beginn der Pandemie. Also taten sich sächsische Firmen und Forscher zusammen: Zunächst stellten sie die Kopfhalterungen per 3D-Druck her. Dann gelang die Produktion im Spritzguss – mithilfe der Firma 1st Mould aus Pirna, des Instituts für Leichtbau und Kunststofftechnik der TU Dresden und der Kunststoffschmiede e. V.

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Per Laserschnitt lieferte das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik die Scheiben zum Visier. Mit 8.000 Exemplaren unterstützte Biosaxony schließlich Kliniken, Praxen und Heime.

Sächsisches Notfall-Gerät "zum Glück" nicht benutzt

Innerhalb nur einer Woche fand eine andere Forschergruppe einen Weg, den 3D-Druck für ein Notfall-Beatmungsgerät zu nutzen. Der Forscher Ronny Grunert von der Gruppe Next-3D erinnert sich an die Bilder von Särgen aus Italien vom vorigen Frühjahr und an die Sorge, dass Beatmungstechnik knapp würde. Die Sachsen entwickelten ein Gerät, das „schnell einsetzbar und leicht bedienbar“ ist, berichtet Professor Dirk Winkler, stellvertretender Direktor der Leipziger Uniklinik für Neurochirurgie.

Mit einer Übungspuppe für Ersthelfer führte er am Dienstag in Dresden die Technik vor. Das Gerät komme „zum Glück nirgendwo“ zum Einsatz, sagte er auf Nachfrage. Es sei für Notfälle gedacht. Die Entwickler wollen ihr Wissen jetzt „an Entwicklungsländer“ weitergeben. Der Bedarf sei hoch, unabhängig von Corona. Anfragen kamen aus Liberia, Georgien, den USA und Vietnam.

Schutzvisier aus eigener Produktion: Biosaxony-Geschäftsführer André Hofmann ließ 8.000 Halterungen herstellen – erst im 3D-Druck, dann per Spritzguss. Im Hintergrund eine Beatmungspuppe mit Technik aus dem 3D-Drucker.
Schutzvisier aus eigener Produktion: Biosaxony-Geschäftsführer André Hofmann ließ 8.000 Halterungen herstellen – erst im 3D-Druck, dann per Spritzguss. Im Hintergrund eine Beatmungspuppe mit Technik aus dem 3D-Drucker. © Biosaxony, Frank Grätz

"Dass unser Land sich auf uns verlassen kann"

Grunert sagte, gemeinsam wollten die Forscher und Firmen ein Zeichen setzen, „dass unser Land sich auf uns verlassen kann, wenn es darauf ankommt“. Laut Verbandsgeschäftsführer Hofmann hat die schnelle Reaktion in der Krise die Zusammenarbeit gefördert und damit auch „den Zugang zum internationalen Markt für smarte Medizinprodukte und innovative Therapien“ erleichtert.

Während die Entwickler der Kunststofftechnik mit ihren Erzeugnissen zunächst kein Geld verdienten, richtete sich das Dresdner Biotechnologie-Unternehmen Biotype GmbH für ein Vierteljahr völlig neu aus und wuchs dabei: Inhaber Wilhelm Zörgiebel berichtet, dass er „die ganze Firma auf den Kopf gestellt“ habe, um rasch PCR-Tests herzustellen. Biotype sei vorher „mehr ein Forschungsunternehmen“ gewesen, doch nach zwei Wochen begann in Dresden-Hellerau die Produktion der Corona-Tests.

Mehr als 18 Millionen Corona-Tests aus Dresden-Hellerau

Mehr als 18 Millionen Stück wurden ausgeliefert. Die Zahl der Arbeitsplätze bei Biotype stieg um rund 20 auf 80. Inzwischen hat Zörgiebel die Produktion der PCR-Tests beendet, weil vorwiegend Schnelltests benötigt wurden. „Der Markt hat sich gedreht“, sagt er. Bei Biotype habe es viel Handarbeit gegeben, große Hersteller setzten dagegen Tag und Nacht laufende Maschinen ein.

Doch Biotype habe mit der Produktion Geld verdient und gelernt, im Markt schnell und gemeinsam mit Kunden zu agieren. Das Dresdner Unternehmen wolle Produkt- und Systemanbieter werden. Derzeit erweitert Biotype seine Laborflächen.

Biosaxony-Vorstandschef Oliver Uecke sagte, die Biotechnologie sei der „Wegbereiter aus der Krise“. Sachsen sei einer der dynamischsten Standorte für Life Sciences in Europa. Corona sei allerdings noch nicht überwunden, betonte Geschäftsführer Hofmann. Mutanten, Spätfolgen und Therapien machten weiter Arbeit der Unternehmen nötig. In einer Internet-Kampagne will der Verband in den kommenden Wochen mehr Beispiele für Entwicklungen der Branche aus Sachsen zeigen.

Viel Handarbeit, etwa beim Anbringen der Aufkleber: Die Biotype GmbH in Dresden hat sich für einige Monate auf die Produktion von Covid-PCR-Tests umgestellt.
Viel Handarbeit, etwa beim Anbringen der Aufkleber: Die Biotype GmbH in Dresden hat sich für einige Monate auf die Produktion von Covid-PCR-Tests umgestellt. © Biotype

Leipziger Messe macht Platz für Biotechnologie

Etwa 50 Biotechnologie-Unternehmen wirken laut Verband in Leipzig und Dresden. Im Corona-Jahr seien keine Umsatzeinbrüche festgestellt worden. Forschende Unternehmen müssten weiter vom Staat geförderte werden, sagte Hofmann und bedauerte, dass ein Sonderprogramm Biotechnologie ausgelaufen sei. Die Firmen drohten zudem von der Förderung ausgeschlossen zu werden, weil eine EU-Verordnung in manchen Bundesländern zu eng ausgelegt werde – Darlehen würden nicht mehr als Eigenkapital-Ersatz anerkannt.

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Doch Hofmann sagte, er wolle nicht klagen, vieles entwickle sich am Standort Sachsen positiv. In Leipzig stünden Neubauten bevor, in Dresden fehle es allerdings an geeigneten Räumen für die Unternehmen. Nächstes Jahr erwartet die Branche auf der Messe Bio-Europe in Leipzig 2.500 Unternehmen zur Leistungsschau. Der Biosaxony-Geschäftsführer freut sich, dass Kollegen aus aller Welt sich wieder persönlich treffen, und das in Sachsen. Nach seinen Angaben ist die Bio-Europe die zweitwichtigste Messe der Branche.

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