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Bizarre Diskussion um Lizenz für Corona-Impfstoff

Keiner kann die neue Corona-Schutzimpfung so gut und so schnell produzieren wie das Duo Biontech/Pfizer – warum ihnen die Lizenz wegnehmen?

Das Impfen gegen Corona hat begonnen. Jetzt diskutieren Politiker über die Frage, ob und wie die Produktion des Impfstoffs beschleunigt werden kann.
Das Impfen gegen Corona hat begonnen. Jetzt diskutieren Politiker über die Frage, ob und wie die Produktion des Impfstoffs beschleunigt werden kann. © Kay Nietfeld/dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk

Die Forderung wurde laut, sobald die ersten Bilder von Corona-Impfungen in Deutschland liefen: Es müsse mehr von dem Impfstoff geben – der Staat sollte den Hersteller Biontech zwingen, das Rezept und die Rechte zu seiner Nutzung an andere Anbieter herauszugeben. Diese könnten die Substanz dann parallel herstellen. Diese Idee ist aber im Falle des hochtechnischen mRNA-Impfstoffs ebenso unsinnig wie gefährlich.

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Das Denkmuster von der erzwungenen Rechte-Übertragung ist vom Umgang mit HIV-Medikamenten bekannt. Erst die Vergabe von Lizenzen an preiswerte Massenproduzenten hat die Versorgung Afrikas ermöglicht. Das war sinnvoll. Doch in der Corona-Pandemie ist der Fall völlig anders gelagert: Der Unterschied liegt in der Zeit, die bis zum Produktionsstart zur Verfügung steht. Die Generika-Hersteller hatten selbst im Fall der gut etablierten HIV-Blocker monate- und jahrelang Zeit, sich mit den Wirkstoffen vertraut zu machen und neue Anlagen einzurichten. Die HIV-Epidemie läuft langsam. Es kam bei HIV nicht auf ein halbes Jahr mehr oder weniger an.

Technische Komplexität ist enorm

Im Falle der Corona-Pandemie ist die Ungeduld nun jedoch gigantisch, jeder Tag zählt, alle Länder wollen den Impfstoff haben – und zwar sofort. Doch jeder andere Hersteller, der jetzt eine Lizenz von Biontech erhält, bräuchte mindestens ein Dreivierteljahr, um die Maschinen zu beschaffen und die Produktion vorzubereiten. Auch der US-Konzern Pfizer, der von Biontech regulär eine Lizenz erhielt, hat mehrere Monate gebraucht, um in den USA die Anlagen für die Herstellung für den nordamerikanischen Markt einzurichten. Dabei kannte Pfizer sich aufgrund eigener Forschung bereits mit mRNA aus und arbeitet schon seit 2018 mit Biontech in der Entwicklung von Medikamenten zusammen. Die Herstellung der Impfungen dieser neuen Generation hat eben nur wenig mit traditioneller Arzneimittelproduktion zu tun. Hoch spezialisierte Geräte verketten erst DNA-Moleküle und übertragen den Strang dann in RNA. Bei diesem Vorgang ist kein Fehler erlaubt. Parallel wird die Hülle aus Fettmolekülen gebildet, die die RNA dann einschließt. Beide Substanzen, der mRNA-Strang und die Hülle, sind hochempfindlich, weshalb später auch die Tiefkühlung nötig ist. Ein durchschnittlicher Pharmaproduzent beschäftigt gar keine Fachleute, die die Details dieser Techniken verstehen. Allein die nötigen Geräte zu beschaffen, dürfte Monate dauern.

Eine Zwangsvergabe der Lizenz an einen anderen Hersteller entspricht daher von der technischen Komplexität her ungefähr der Idee, den 7er-BMW auch bei anderen Autoherstellern vom Band laufen zu lassen. Das Produkt muss dabei im kleinsten Detail identisch sein, sonst gilt die Zulassung nicht. Das würden auch Renault und Fiat sicherlich irgendwann hinbekommen. Doch wie lange dauert es, bis der erste in Lizenz produzierte 7er-BMW wirklich ausgeliefert werden kann? Sicherlich ein Jahr. Ist die Qualität dann dieselbe? Vermutlich nicht.

Der Schaden wäre immens

Ab Sommer kommen jedoch ohnehin weitere Impfstoffe auf den Markt – fast alle Pharmahersteller sind ja an dem Rennen beteiligt, darunter die Biontech-Rivalen Curevac und Moderna mit wohl ebenfalls herausragenden Mitteln. Es wäre für Generika-Hersteller übrigens einfacher, simplere Impfstoffe wie den von Sinopharm in Lizenz zu produzieren. Denn ein weiteres Hemmnis ist die Versorgung mit den Molekülen für die Fetthülle, die dem Impfstoff seine besonderen Eigenschaften gibt. Biontech und Pfizer fällt es bereits schwer, auf dem Markt genug von dem Ausgangsstoff zu beschaffen. Warum sollte eine dritte Firma hier mehr Glück haben? Biontech und Pfizer produzieren allerdings schon so schnell wie möglich. Sie errichten in Marburg neue Anlagen und bauen ein Netz von Partnern auf.

Es spricht ethisch nichts dagegen, wenn der Staat eine Pharma-Firma zwingt, Exklusivrechte aufzugeben, um Menschenleben zu retten. Im Fall des Corona-Impfstoffs würde es jedoch nichts nützen. Der Schaden dieses Eingriffs für die Wirtschaft wäre immens. Die Botschaft an forschende Unternehmen lautet: Der finanzielle Aufwand, das hohe Risiko und die endlosen Nachtschichten, um eine begehrte Arznei schnell zu entwickeln, lohnen nicht, wenn der Staat einem hinterher die Exklusivrechte wegnimmt. Auch in Musik, Medien, Design und so weiter gilt schließlich: Der größte Ansporn, etwas Neues zu schaffen, ist das Copyright. Es sollte heilig sein.

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Dass solch ein Vorschlag die Unterstützung von FDP-Chef Christian Lindner erhält, ist bizarr. Es zeigt, dass Lindner sich gar nicht über die Eigenheiten des Wirkstoffs und das bereits entstehende Produktionsnetzwerk von Biontech informiert hat. Zumindest die FDP sollte sich für einen privatwirtschaftlichen Ansatz stark machen – schließlich kann niemand so gut Medikamente entwickeln und produzieren wie freie Unternehmen. Nur wenn deren Gewinnstreben konkret Menschenleben gefährden, ist ein Eingriff gerechtfertigt – wie bei den einst hohen Preisen für die HIV-Medizin. Biontech und Pfizer tun jedoch schon das Menschenmögliche, um möglichst viel von dem Impfstoff herzustellen – immerhin über eine Milliarde Dosen pro Jahr. Ob die EU genug davon für ihre Mitgliedsstaaten vorbestellt hat, ist eine andere Frage.

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