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Bleiben Corona-Zahlen so hoch, sind Schulen bald dicht

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer informiert sich am Görlitzer Klinikum über die Lage. Seine Botschaft ist klar.

Ministerpräsident Michael Kretschmer am Freitag im Städtischen Klinikum Görlitz: Er war nicht auf der Coronastation, sondern in dem Teil des Intensivmedizinischen Zentrums, in dem die anderen schwerstkranken Patienten betreut werden.
Ministerpräsident Michael Kretschmer am Freitag im Städtischen Klinikum Görlitz: Er war nicht auf der Coronastation, sondern in dem Teil des Intensivmedizinischen Zentrums, in dem die anderen schwerstkranken Patienten betreut werden. © Klinikum Görlitz

Chefarzt Jörg-Uwe Bleyl ist ein erfahrener Intensivmediziner. Seit Jahren leitet er das Intensivmedizinische Zentrum am Städtischen Klinikum in Görlitz. Doch was sich in diesen Tagen auf seiner Station abspielt, das kannte er auch noch nicht. "In so einem Maße habe ich das noch nie erlebt", sagt Bleyl über die Belastung durch die Corona-Pandemie. Ganz ähnliche Erfahrungen macht seine Chefin, Klinikum-Geschäftsführerin Ulrike Holtzsch: "Das ist eine so ungewöhnlich ernste Situation, wie ich sie in 30 Jahren Krankenhaus-Erfahrung noch nie erlebt habe."

Dank fürs Personal: Kretschmer bringt Stollen

Bleyl und Holtzsch sind gefragte Gesprächspartner der Politik in diesen Tagen. Am Freitag kommt Ministerpräsident Michael Kretschmer ins Städtische Klinikum. Er will einerseits den Krankenschwestern und Pflegern Dank sagen, 40 Stollen hat er im Gepäck, die er zusammen mit dem Görlitzer OB Octavian Ursu bringt. Der Görlitzer Bäcker Michael Tschirch hat noch ein paar Liegnitzer Bomben oben draufgelegt. Doch Kretschmer will von Bleyl und der Krankenhausleitung eben auch wissen, wie die Situation ist. Zuvor besuchte Kretschmer auch schon das Krankenhaus in Pirna, am Montag ist er in Bischofswerda.

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Ministerpräsident Michael Kretschmer am Freitag im Görlitzer Klinikum, zusammen mit Chefarzt Jörg-Uwe Bleyl (li.), der Pflegeleiterin Birgit Bieder und dem Görlitzer OB Octavian Ursu (re).
Ministerpräsident Michael Kretschmer am Freitag im Görlitzer Klinikum, zusammen mit Chefarzt Jörg-Uwe Bleyl (li.), der Pflegeleiterin Birgit Bieder und dem Görlitzer OB Octavian Ursu (re). © André Schulze

Die Lage ist extrem angespannt, bestätigt Jörg-Uwe Bleyl. Es müssen ja nicht nur die Covid-19-Patienten versorgt und behandelt werden, sondern auch die Notfälle wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Im Januar rechnet man auch mit den ersten Grippe-Patienten. Und dann eben die Patienten, die sich mit dem neuartigen Coronavirus Sars-2 infiziert haben und schwer erkrankt sind. Ein Drittel aller Intensivbetten sind für sie vorbehalten, 7 an der Zahl. Während die durchschnittliche Liegedauer von Patienten im Klinikum im vergangenen Jahr bei sieben Tagen lag, verbringt ein Covid-19-Patient 17 Tage im Schnitt auf der Intensivstation. "Wir bekommen dadurch natürlich die Betten nicht so schnell leer, um die nächsten Patienten aufnehmen zu können", sagt Bleyl.

Klinikum vermeidet Urlaubssperre fürs Personal

Doch die Intensivpatienten sind ja nicht alles. Von den 250 Patienten im Krankenhaus sind derzeit 52 Covid-19-Fälle. Sie brauchen besonders viel Pflege und Zuwendung. Als Verstärkung unterstützen Bundeswehr-Soldaten das Krankenhaus. "Das sage ich jetzt mal als Pazifistin: Ich bin extrem dankbar der Bundeswehr, die Soldaten machen einen Klasse-Job", sagt Klinikum-Geschäftsführerin Ulrike Holtzsch. Pflegeleiterin Birgit Bieder pflichtet ihr bei, denn sie weiß um die Probleme. Jeder vierte Mitarbeiter auf der Intensivstation ist derzeit krank, nicht wegen Corona unbedingt. Mal ist das Kind krank, mal sind die Mitarbeiter selbst in Quarantäne. Trotzdem greift Frau Bieder noch nicht zum Mittel der Urlaubssperre. Sie weiß genauso gut wie Jörg-Uwe Bleyl, dass die Mitarbeiter an die Grenze der Belastbarkeit kommen. Je länger die Pandemie dauert, erklärt Ulrike Holtzsch, umso größer wird die psychische Belastung bei allen. Da wäre ein solcher Schritt demotivierend. Noch hofft man am Klinikum, daran vorbeizukommen.

Das wird aber nur gelingen, wie Bleyl wenig später in einem Internet-Forum der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung erklärt, wenn die Zahlen runtergehen. "Wir brauchen dringend eine Reduktion der Neuinfektionen", sagt er. Noch können die Krankenhäuser im Kreis alle Corona- und Notfallpatienten versorgen oder ihnen doch eine angemessene Pflege in einer anderen Klinik verschaffen. Anders als in Italien oder in Frankreich im Frühjahr, als Ärzte entscheiden mussten, welchem Patienten sie das Beatmungsgerät geben und damit wem nicht - was für Tausende der Tod bedeutete. Triage nennt sich dieses Verfahren. Bleyl muss das in Görlitz noch nicht anwenden. "Ich bin froh, dass wir das in Deutschland noch nicht machen müssen," sagt der Anästhesist und Intensivmediziner. "Deshalb appelliere ich auch an die Bevölkerung, sich an die Regeln zu halten, um den Medizinern diese Entscheidung zu ersparen. Ich bin Arzt geworden, um jedem zu helfen, nicht um zu triagieren."

Die Belastung des Gesundheitswesens, die hohe Sterberate bei den Hochbetagten hat auch weitere Folgen. In der Pathologie, wo die Leichen bis zur Überführung ins Krematorium liegen, ist kaum noch Platz. Auch dem Krematorium geht es so, wie dessen Leiterin Evelin Mühle, gegenüber der SZ bestätigt. Vor Weihnachten gibt es immer viele Sterbefälle, nun kommt noch Corona hinzu.

Kretschmer: Altenheime müssen besser geschützt werden

Ministerpräsident Michael Kretschmer will nun vor allem die Altenheime besser schützen. Es sind die Hotspots der Pandemie in Sachsen derzeit, nicht die großen Betriebe, nicht die Schulen und Kitas, auch wenn die Zahl der infizierten Kinder zuletzt an der Neiße zunahm.

Kretschmer kündigt an, dass Besucher und Personal nur noch mit negativem Corona-Test Heime betreten dürfen und will dafür Schnelltests zur Verfügung stellen. Er zeigte sich verärgert, dass diese Maßnahmen nicht bereits ergriffen worden sind. Die ersten 10.000 Schnelltests, die der Freistaat Hotspot-Kreisen bereitstellt, verteilt der Landkreis Görlitz an die Krankenhäuser weiter, wie eine Sprecherin des Landratsamtes gegenüber der SZ am Wochenende erklärte.

Bis Mitte dieser Woche wolle Kretschmer noch die Entwicklung verfolgen. Sollte sie sich nicht verbessern oder wenigstens stabilisieren, dann kündigt er die nächsten Schritte in Görlitz an: "Dann werden wir Schulen und Kitas schließen, mit aller Konsequenz".

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