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Blutspenden während Corona: Ist das nicht riskant?

Die Blutlager drohen leerzulaufen, gleichzeitig ist es schwierig, wie nie freiwillige Spender zu finden. Ein Besuch beim Blutspende-Aktionstag in Meißen.

Nur skeptisch ist unser Redakteur Blutspenden gegangen. Doch DRK-Sprecherin Olivia Köcher hat überzeugende Argumente.
Nur skeptisch ist unser Redakteur Blutspenden gegangen. Doch DRK-Sprecherin Olivia Köcher hat überzeugende Argumente. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ohne Fiebermessen komme ich nicht ins Finanzamt Meißen. Es piepst kurz: 36,4 Grad, ich darf eintreten, obwohl ich keinen Termin habe. Die aktuelle Situation sei viel zu angespannt, um Blutspender wegzuschicken, unterstreicht DRK-Sprecherin Olivia Köcher: "Unsere Blutlager sind so leer wie schon lange nicht mehr". Dabei gebe es auch in schwierigen Zeiten Krebspatienten, die darauf angewiesen sind.

Früher bin ich regelmäßig Blutspenden gegangen, seit Corona erschien es mir zu heikel: Volle Wartezimmer und die Angst, das Virus unbewusst irgendeinem Intensivpatienten in die Adern zu jagen. So wie mir geht es vielen Spendern, besonders groß war die Verunsicherung während der Ausgangssperre - obwohl Blutspenden ausdrücklich erlaubt war. Seitdem schrumpfen die Blutreserven. Mit den Schulferien hat sich auch noch jeder Auslandsurlauber, als Spender disqualifiziert. Außerdem fallen viele firmeninterne Blutspende-Aktionen aus. Immer noch sind zu viele Mitarbeiter im Home-Office. Das DRK versucht, das mit Zusatzterminen auszugleichen.

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Nach dem Fiebermessen reicht mir die Frau im weißen Kittel mit einer Pinzette eine neue Maske. Meine Sorge scheint unbegründet - so penibel wie hier wird wirklich nirgends auf den Infektionsschutz geachtet. Dementsprechend leer ist auch der Gang des Finanzamts, in dem ich auf einem Zettel ankreuzen muss, ob ich während der letzten vier Monaten im Gefängnis war oder geimpft worden bin. Dann soll ich meine Maske sogar abnehmen und eine Packung Fruchtsaft leerschlürfen - schließlich wird mir gleich ein halber Liter Blut abgepumpt.

Nächste Station: Arztgespräch. Auf der Bank vor dem Arztzimmer fühlt sich eine andere Spenderin endlich wieder unbeobachtet, reißt ihre Maske vom Gesicht und atmet tief ein. Als ich hereingebeten werde, zieht der Arzt die Nase hoch und fragt mich, ob ich in letzter Zeit Kontakt zu Corona-Patienten hatte. Woher soll ich das denn wissen? Ich hätte mich schließlich in der Bahn oder sonst wo mit dem Virus anstecken können. "Keine Sorge", beruhigt er mich. Schließlich würde sich Corona - zumindest nach aktuellem Stand - nicht übers Blut übertragen, viel eher seien die Mitarbeiter gefährdet. Auch die Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) kennt keinen Fall, in dem das Corona-Virus über eine Blutspende übertragen wurde. Mein Blut werde deshalb auch nicht auf Antikörper getestet.

Operationen häufen sich

Eine einheitliche Übersicht, wie viel Blutreserven im Land vorhanden ist, gibt es nicht: Natürlich würden die Blutspendedienste in Deutschland bei Engpässen zusammenarbeiten: "Aber darauf können wir uns nicht immer verlassen, vor allem, wenn so wie jetzt mehrere Faktoren zusammenkommen", erklärt der DGTI-Vorsitzende Hermann Eichler. Ausgerechnet jetzt, wo die Operationen in Krankenhäusern zunehmen, würden sich die Spender zurückhalten. Vor diesem Hintergrund wird sogar darüber diskutiert, die Blutspende-Beschränkungen für Homosexuelle weiter zu lockern.

Gierig fließt das Blut aus meinen Venen und verteilt sich schlierig im Plastikbeutel. Als der halb voll ist, wird mir ein Wasser-Tetrapack gereicht: Weil ich so lang bin, da bräuchte mein Blut länger zum Herz. Den Andrang, den die Mitarbeiter bei Blutspende-Aktionen erleben, ist ein ewiges auf und ab. Als am Anfang der Pandemie zum Spenden aufgerufen wurde, sei eine große Welle an Spendern gekommen, berichtet Eichler. Danach komme erfahrungsgemäß immer ein großes Tal. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil auch meine Blutkonserve keine anderthalb Monate gelagert werden kann.

Kurz bleibe ich noch liegen. Dann werde ich zum ersten Mal überhaupt gefragt, ob ich nicht von der Liege aufstehen möchte. Das kenne ich sonst gar nicht. Normalerweise muss ich die Mitarbeiter überzeugen, dass es mir gut geht und ich ohne Probleme aufstehen kann. Normalerweise ist ein Raum wie dieser, aber auch mit Liegen vollgepackt - die meisten davon gar nicht belegt. Heute wartet der nächste Spender schon in der Tür.

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