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Wie Fliegen trotz Corona möglich wird

Für das Fliegen in Corona-Zeiten muss das Boarding ohne Gedränge und Chaos ablaufen. Forscher an der TU Dresden wissen, wie das geht.

Fliegen in der Pandemie: Im Gedränge beim Einsteigen ist es schwierig, Abstände einzuhalten. Ein Dresdner Forscher hat die Lösung dafür am Computer simuliert.
Fliegen in der Pandemie: Im Gedränge beim Einsteigen ist es schwierig, Abstände einzuhalten. Ein Dresdner Forscher hat die Lösung dafür am Computer simuliert. © imago images

Gedränge im Flugzeug, Mensch an Mensch im schmalen Gang zwischen den Sitzen. Noch vor einem Jahr war das zwar unangenehm, aber verkraftbar. Doch seit Corona hat sich das verändert. Es sind die typischen Szenen beim Einsteigen, die dem Virus beste Chancen auf Verbreitung geben. Das Verharren im Gang, wenn der Vordermann noch sein Handgepäck unterbringen muss. Das Vorbeidrängeln zum Fensterplatz, wenn die anderen schon sitzen.

Boardings, so der Fachausdruck braucht Zeit – und ist mit Körperkontakt verbunden. Das müsste doch effektiver und besser gehen, dachte sich Michael Schultz, Privatdozent an der Professur für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden. Es sind nicht die ersten Menschenströme, in die er Ordnung bringt.

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Eigentlich hatte Schultz Wirtschaftswissenschaften an der TU Dresden studiert. Doch das Thema Luftverkehr fasziniert ihn seit jeher. Über verschiedene Forschungsprojekte gelangt er schließlich in dieses Wissenschaftsfeld. Was ihm dabei immer wieder auffällt: „Ich hatte oft das Gefühl, dass die Luftverkehrsforschung vergisst, dass da Menschen im Flugzeug sitzen.“ Forschungsprojekte zum Thema Passagiere gab es bislang nur vereinzelt.

Computersimulationen der Menschenströme

Am Flughafen Dresden schauen sich Schultz und seine Kollegen deshalb später erstmals an, wie Flugreisende dort per Ausschilderung zu ihrem Flug finden. Ziel sind Computersimulationen der Ströme. „Ströme, die dabei sichtbar werden, haben nichts mit dem Fließen von zum Beispiel Wasser gemein“, beschreibt es der promovierte Verkehrswissenschaftler. Denn solch ein Menschenstrom besteht aus vielen intelligenten Teilchen. Und die können spontan auch ihre Richtung ändern und in die Gegenrichtung laufen.

Wichtige Erkenntnisse, wie sich Personen in Gruppen bewegen, kann er im Jahr 2011 sammeln. Damals findet in der sächsischen Landeshauptstadt der evangelische Kirchentag statt. Die Organisatoren unterstützt Schultz mit seiner Expertise. Am Computer modelliert er, wie sich die Gäste vom Bahnhof in Richtung Elbufer bewegen. „Das war absolut spannend für mich“, erinnert er sich. Als die Veranstaltung stattfindet, macht er von der Augustusbrücke aus Kameraaufnahmen und beobachtet, wie sich die vielen Menschen dann tatsächlich bewegen. „Zwei Personen laufen nebeneinander, drei in einer V-Formation“, nennt er einige Ergebnisse dieser Beobachtungen. Warum ein V? „Weil der Hintere so die Gespräche der beiden vor ihm Laufenden mitbekommt. Würde er vorn laufen, reden die anderen hinter seinem Rücken.“

„Ein Störer reicht, um das System zu beeinflussen“

Auf dem Computerbildschirm rasen bunte Kästchen. Zack, zack, zack sausen sie den Mittelgang im Flugzeug entlang und finden ihre Plätze. Mit der Darstellung simuliert Schultz das Einsteigen in den Flieger. Was am Computer unterhaltsam anzuschauen ist, das war harte Datensammel-Arbeit. Der Verkehrswissenschaftler analysierte dafür zunächst jedes noch so kleine Detail beim Boarding. Was passiert, wenn jemand sein Handgepäck verstaut. Welche Auswirkungen haben Passagiere auf das ganze Geschehen, die zu spät kommen. „Ein Störer reicht, um das System zu beeinflussen“, sagt Schultz. Ein Flieger mit 100 Personen kann in raschen sieben Minuten fertig werden – oder aber auch erst in 20 Minuten, wenn jemand alles aufhält. Sein Simulationsprogramm ist über die Zeit mit immer mehr Informationen gefüttert worden. Das spricht sich rum.

Ein US-amerikanisches Unternehmen fragt beispielsweise bei ihm an, ob verschiebbare Sitze das Boarding positiv beeinflussen könnten. Dabei ist der hintere Sitz zu Beginn erst einmal über dem mittleren angeordnet. „Somit wird der Gang breiter und das Einsteigen klappt schneller“, sagt Schultz. Das bestätigte sich später auch im Computermodell. Fast 20 Prozent der Zeit könnte so eingespart werden.

Doch bis solche Schiebesitze flächendeckend in Passagiermaschinen eingebaut sind, dürfte es noch dauern. Was also macht das Boarding schon jetzt effektiver? Für Michael Schultz gibt es vor allem eine Lösung: eine dynamische Sitzplatzvergabe. Je nach gewählten Vorlieben der Passagiere – also ob sie gern vorn oder hinten sitzen, im Gang oder am Fenster – werden die Sitzplatznummern erst kurz vor dem Einsteigen vergeben. Am Flughafen Köln hat er das 2018 mit Eurowings getestet. Ergebnis: Beim Boarding konnten 20 Prozent der Zeit gespart werden, 75 Prozent der Kontakte wurden reduziert. Kombiniert mit Sensoren in Sitzen oder auf dem Teppich im Flugzeug, die registrieren, ob Gang oder Plätze besetzt sind, wäre das ein Ansatz für die digitale Flugzeugkabine. „Am Ende sitzen sie mit 180 Leuten im Flieger und sind beim Einsteigen aber keinem begegnet.“

Ein Modell auf für Kinos, Trams oder Züge

Ein Gedanke, der Michael Schultz nun auch für das Fliegen in der Corona-Pandemie interessiert. Abstände sind jetzt wichtig. Er berücksichtigte das in seinen Modellen. Das Programm weiß nun: Um jeden Passagier sind 1,6 Meter freizuhalten. Wer sein Handgepäck verstaut, atmet verstärkt. Also wird die Menge an Handgepäck auf 50 Prozent reduziert. Beim Boarding werden zudem zwei Türen verwendet. „Mit diesen Regelungen kann auch bei allen Sicherheitsvorkehrungen eine normale Boardingzeit eingehalten werden.“ Das Risiko für eine Virusübertragung könnte zudem auf ein Sechstel reduziert werden.

In den vergangenen Monaten haben sich Schultz und seine Kollegen auch mit der Sitzplatzanordnung in der Pandemie beschäftigt. „Wenn Familien zusammen reisen, können die in Corona-Zeiten natürlich zusammensitzen.“ In einem aktuellen Modell lassen die Wissenschaftler die Passagiere deshalb gruppenweise einsteigen. Das halbiert die Boardingzeit.

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Gemeinsam mit Sensorik-Experten der Fakultät Verkehrswissenschaften arbeitet er an weiteren Verbesserungen. Könnten Sensor-Armbänder Passagiere beim Einsteigen unterstützen und zum Beispiel durch Vibrieren zum Anhalten oder Weiterlaufen bewegen? Solch eine optimierte Platzvergabe ließe sich zudem auch in Kinos, in Straßenbahnen oder Zügen realisieren. Schultz hofft, dass die Modelle irgendwann Realität werden. Die Ergebnisse der Corona-Simulationen hat er auch verschiedenen Airlines geschickt. „Leider gab es darauf aber keine Reaktionen.“

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