merken
PLUS Wirtschaft

Corona: Böllerbranche fordert vollen Schadenersatz

Das Verkaufsverbot für Silvester-Feuerwerk trifft die Hersteller hart - auch zwei Produzenten in Sachsen. Sie machen fast ihr gesamtes Jahresgeschäft im Dezember.

Das waren noch Zeiten: Dresden in der Silvesternacht 2019. In diesem Jahr könnte es in jeder Hinsicht eher ein Stillleben werden.
Das waren noch Zeiten: Dresden in der Silvesternacht 2019. In diesem Jahr könnte es in jeder Hinsicht eher ein Stillleben werden. © Archiv: kairospress

Dieser Knall vom Wochenende war bundesweit zu hören: das Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk. Doch anders als Raketen und feurige Fontänen sorgte der Erlass von Bund und Ländern nicht für leuchtende Augen, sondern für das blanke Entsetzen. Nicht bei der Masse der Bevölkerung, die sich in einer Umfrage schon vor einem Jahr zu 57 Prozent für ein Verbot ausgesprochen hatte, wohl aber bei jenen, die auch im Erzgebirge von der Knallerei leben – wie Europas Marktführer Weco mit einem Standort in Freiberg und bei Voigt-Pyrotechnik in Marienberg.

Laut dem Onlineportal Statista wurde hierzulande vor drei, vier Jahren in jener Nacht der Nächte auch schon 137 Millionen Euro verpulvert. Doch Aktionen wir „Brot statt Böller“, Feinstaubdiskussionen und der Hallo-Wach-Ruf von Greta und anderen Umweltaktivisten verfehlten ihre Wirkung nicht. Dann kam Corona. Weil es wegen abgesagter Großveranstaltungen kaum noch Groß- und Bühnenfeuerwerke gab, war der Absatz schon seit März eingebrochen. Und im Dezember, in dem die Hersteller fast ihr gesamtes Jahresgeschäft machen, gibts nun den Super-GAU.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Es geht um 3.000 Existenzen

„Das Verkaufsverbot trifft unser Unternehmen sowie die gesamte Branche hart, im Zweifel droht nun die Insolvenz des gesamten Wirtschaftszweigs“, sagt Weco-Chef Thomas Schreiber. Er fordert den vollen Ausgleich der entstehenden Umsatzverluste im dreistelligen Millionenbereich. Weil die Branche 95 Prozent des Jahresumsatzes im Dezember erwirtschafte, würde sie keine Unterstützung durch die Überbrückungshilfen erhalten“, sagt der Geschäftsführer. „Wir brauchen gesonderte Hilfsgelder, um unsere sowie die 3.000 Einzelexistenzen in der Branche zu sichern.“

Weco, 1948 in Eitorf (Nordrhein-Westfalen) gegründet und anfangs auf Wunderkerzen spezialisiert, hat in Deutschland einen Marktanteil von 65 Prozent. 460 Beschäftigte am Stammsitz, in Freiberg und Kiel sowie bei Auslandstöchtern in Kroatien und in der Schweiz erwirtschafteten zuletzt einen Jahresumsatz von 122 Millionen Euro. Zu möglichen Folgen des Böllerverbots für den sächsischen Standort will sich das Unternehmen nicht äußern. Die 150-köpfige Belegschaft dort produziert vor allem Raketen und Jugendfeuerwerk.

Nach der letztwöchigen Entscheidung von Bund und Ländern, Feuerwerk zunächst nicht verbieten zu wollen, sei mit der Auslieferung an 20.000 Adressen begonnen worden, sagt Weco-Chef Schreiber. Nun hätten Discounter, Lebensmittel-, Groß- und Fachhändler ein Problem, weil sie „Dicke Brummer XXL“ und andere Spaßmacher nicht loswürden. Doch er weiß: „Feuerwerk ist ein Kommissionsgeschäft, am Ende wird der wirtschaftliche Schaden vollumfänglich von der pyrotechnischen Industrie getragen werden müssen.“ Daher seien Hilfsgelder „notwendig, und zwar sofort“. Aber die Politik verweigere sich. Die viel beschworenen Hilfspakete seien für die Branche nicht nutzbar.

Der Genickschlag folgt 2021

Beim zweiten sächsischen Hersteller, gut 40 Kilometer entfernt an der tschechischen Grenze, gibt es keinen Widerspruch. „Wir brauchen 100 Prozent Ersatz“, fordert Andreas Voigt, Chef der Voigt-Pyrotechnik im Marienberger Ortsteil Kühnhaide. Sein Team von der Größe einer Fußballmannschaft produziert vor allem Batterien und Verbundfeuerwerke wie „Vogelschreck“, „Schlossgeist“, „Ladykiller“ und „Fette Elke“. Solche Megapackungen spucken bis zu fünf Minuten lang mehr als 160 Schuss in den Himmel und bescheren dem 1991 gegründeten Unternehmen drei Millionen Euro Jahresumsatz. Normalerweise.

Im Gegensatz zu Weco hatte Voigt sein Geschäft mit den Wiederverkäufern schon vor dem verhängnisvollen Beschluss der Politik im Kasten. Seinem Unternehmen droht der Genickschlag erst 2021. „Die Bestellungen stehen jetzt bei den Verkäufern rum. Dort sind die Lager voll, und sie werden nächstes Jahr kaum nachordern“, befürchtet der 50-Jährige. Auch nicht die Eigenentwicklung „Blackboxx“ – eine wiederbeladbare Feuerwerksbatterie, welche die Schussfolge bei falscher Handhabung oder Umkippen unterbricht. Ebenso wenig den Starbase-Raketenständer, der nach einmaliger Zündung zehn Silvesterraketen im Intervall starten kann, ohne dass sie mit der Zündschnur verbunden werden müssen.

Eine Batterie heißt "Virus"

Mehr noch als die Zukunft des eigenen innovativen Unternehmens hinterfragt der Chef die Argumentation für das Verkaufsverbot. „Die Entscheider wollten durch die Pandemie extrem beanspruchte Rettungskräfte und medizinisches Personal entlasten“, sagt Voigt. Doch viele Verletzte gebe es durch illegales Feuerwerk. „Und in die Hände solch zweifelhafter Quellen in China, Tschechien und anderswo werden die Leute jetzt getrieben.“ Der Geschäftsführer beruft sich auf diverse Kommentare bei Facebook und Youtube. „Das arme Personal in den Kliniken wird so erst recht ins Keuchen kommen“, ist er überzeugt. „Und der „normale Familienvater, der seinen Kindern etwas Spaß bieten wollte, wird enttäuscht.“ Darüber hätten sich die Verantwortlichen keine Gedanken gemacht.

Weiterführende Artikel

Corona: Wieder über 100 Neuinfektionen im Kreis SOE

Corona: Wieder über 100 Neuinfektionen im Kreis SOE

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge stagniert die Infektionsrate weiter. Die Zahl der Toten steigt auf 650. Unser Newsblog.

Diese Corona-Regeln gelten jetzt in Sachsen

Diese Corona-Regeln gelten jetzt in Sachsen

Sachsen hat seine Lockdown-Regeln noch einmal angepasst. Ausgangssperre, Weihnachten, Feuerwerk: Was in den nächsten Wochen gilt.

Knapp zwei Drittel für Böllerverbot

Knapp zwei Drittel für Böllerverbot

Kommt das Feuerwerkverbot zu Silvester oder nicht? Wenn es um die Feiertage geht, scheint vielen in Deutschland Weihnachten wichtiger als der Jahreswechsel.

Es gibt Handlungsbedarf – auch für Voigt. „Jedes Jahr in der Silvesterzeit erwartet unsere zahlreichen Kunden ein mehrtägiges Spektakel der besonderen Art“, heißt es auf dessen Website. Und im Onlineshop der Sachsen heißt eine Feuerwerksbatterie mit 13 Schuss ausgerechnet „Virus“.

Mehr zum Thema Wirtschaft