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Bischofswerdaer Chefarzt kritisiert Impfpflicht

Der Chef der Chirurgie in Bischofswerda schreibt einen offenen Brief gegen die Impfpflicht im Gesundheitswesen. So reagiert das Klinikum.

Von David Berndt
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Dr. Marc Naupert ist Chefarzt der chirurgischen Klinik im Krankenhaus in Bischofswerda. Er hat jetzt einen offenen Brief geschrieben, weil er die Impfpflicht im Gesundheitswesen, die Mitte März in Kraft tritt, ablehnt.
Dr. Marc Naupert ist Chefarzt der chirurgischen Klinik im Krankenhaus in Bischofswerda. Er hat jetzt einen offenen Brief geschrieben, weil er die Impfpflicht im Gesundheitswesen, die Mitte März in Kraft tritt, ablehnt. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen/Bischofswerda. Chefarzt Marc Naupert spricht sich in einem offenen Brief gegen die berufsbezogene Impfpflicht für Personal in Kliniken, Pflegeheimen und Arztpraxen aus. Angesichts der Datenlage fehle „für eine verpflichtende Impfung mit einem gänzlich neuen Impfverfahren, für das es keinerlei Langzeitergebnisse gibt, die wissenschaftliche und auch die ethische Grundlage“, schreibt der Chefarzt der chirurgischen Klinik in Bischofswerda, die zu den Oberlausitz-Kliniken (OLK) gehört.

Die berufsbezogene Impfpflicht wurde am 10. Dezember vom Bundestag beschlossen, sie gilt ab Mitte März.

Adressiert ist Nauperts Brief an OLK-Geschäftsführer Reiner Rogowski und Michael Harig (CDU), Bautzener Landrat und OLK-Aufsichtsratsvorsitzender. Am Ende seines Schreibens bittet er beide, „im Interesse der ungeimpften Mitarbeiter der Oberlausitz Kliniken gegen diese verhängte Impfpflicht Einspruch bei der Bundesregierung zu erheben“.

Das sagt Bautzens Landrat zu dem offenen Brief

Gegenüber Sächsische.de ordnet Michael Harig offene Briefe als „eine Art Hilferufe“ ein, da die Verfasser meinten, anders nicht mehr gehört zu werden. Auf diese Weise eine inhaltliche Diskussion anzustreben, „ist besser, als montägliche Demonstrationen mit Trittbrettfahrern, welchen es nicht ums Thema geht“. Nauperts Argumente seien nicht falsch, da „Impfen, Testen und AHA-Regeln nicht voneinander getrennt betrachtet werden dürfen“, so Harig.

„Bei 2.500 Mitarbeitern gibt es verschiedene Meinungen wie in der Gesellschaft auch“, kommentiert Reiner Rogowski gegenüber Sächsische.de den offenen Brief. Sowohl er als auch Harig haben angekündigt, mit Marc Naupert sprechen zu wollen.

Bevor er den Brief verschickte, hatte sich Naupert weder an den Landrat noch seinen Vorgesetzten Reiner Rogowski gewandt. Dieser findet die Art und Weise des Vorgehens unglücklich. Man arbeite seit 20 Jahren vertrauensvoll zusammen, ein Gespräch wäre daher der bessere Weg gewesen.

Gegenüber Sächsische.de erklärt der Chefarzt, dass er diesen Weg der Kommunikation gewählt habe, „weil es ein gesellschaftlich sehr bedeutsames Thema ist, das bisher nicht in der gebotenen Weise öffentlich diskutiert wird, also wirklich mit Pro und Contra.“ Für Ärzte und Pflegepersonal ohne Impfung oder bestätigte Genesung bedeute die Impfpflicht ein Berufsverbot.

Das sind die Argumente des Chefarztes

Die Impfung schütze nicht so gut, wie man es im November 2020 erwartet habe, da man sich selbst und andere trotzdem anstecken könne, argumentiert Naupert. Auch vor einem schweren Krankheitsverlauf blieben Geimpfte nicht bewahrt. Der Chirurg bezieht sich konkret auf den Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 9. Dezember und dabei vor allem auf die Altersgruppe Ü60: Demzufolge betrug der Anteil der Personen, die trotz Impfung erkrankten, an den Corona-Fällen im betrachteten Zeitraum 70 Prozent, von den stationär behandelten Patienten waren gut 50 Prozent geimpft und von den Verstorbenen 45 Prozent.

Das RKI erklärt in seinem Bericht dazu: Der Anteil der Geimpften in dieser Altersgruppe ist sehr hoch, sodass auch mehr Geimpfte erkranken, aber der überwiegende Teil bleibe gesund oder ohne schwere Verläufe.

Marc Naupert formuliert das ähnlich: „Anteilig ist das Risiko für Ungeimpfte, im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden zu müssen, deutlich höher! Das stelle ich auch nicht in Abrede.“ Er sei kein Impfgegner, aber ungeimpfte Menschen sollten nicht diskreditiert werden, weil sie eine andere Sicht auf manche Corona-Maßnahmen haben oder sich bislang der Impfung verweigern. Da fühle er sich an die DDR erinnert, weil keine Meinungsvielfalt zugelassen werde.

Marc Naupert plädiert dafür, dass jeder selbst entscheiden soll, ob er sich impfen lässt oder nicht. Bestimmten Risikogruppen sei das zu empfehlen. Ansonsten gebe es weitere Mittel, um gerade die Altersgruppe Ü60, die selbst eine hohe Impfquote aufweist, zu schützen. Hygienemaßnehmen sowie die Tests von Mitarbeitern böten einen „effektiven Schutz der Risikogruppe, zumindest in dem Bereich, den ich überblicke“, so der Chefarzt.

So reagieren die anderen Chefärzte des Klinikums

Dazu sagt OLK-Geschäftsführer Reiner Rogowski: „Marc Naupert ist Unfallchirurg und Orthopäde. Internisten haben da eine andere Meinung.“ Zudem verweist der OLK-Chef auf eine Erklärung im Intranet seines Hauses. Darin wird der offene Brief von Naupert als „eine freie persönliche Meinungsäußerung“ eingeordnet. „Zur Impfpflicht akzeptieren wir selbstverständlich unterschiedliche Meinungen. Als Arbeitgeber werden sich die Oberlausitz-Kliniken jedoch wie alle medizinischen Einrichtungen an die gesetzlichen Regeln halten müssen.“

Der bestmögliche Schutz der meist vorerkrankten Patienten sei derzeit klar nachvollziehbar nur durch die Kombination von Hygiene-, Test- und Impfstrategie zu erreichen. Elf Chefärzte der beiden Klinik-Standorte Bautzen und Bischofswerda haben das Schreiben unterzeichnet.

Zudem werden noch zwei Quellen aufgeführt, die erklären, warum die Corona-Schutzimpfung mit mRNA-Impfstoffen nicht zu einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko führe. Genau das hatte Marc Naupert in seinem Brief behauptet, indem er eine offenbar zweifelhafte Studie zitierte. „Wir möchten Sie alle bitten, besonnen zu bleiben, die Meinung anderer zu akzeptieren und mutmaßliche ,Fakten‘ aus dem Netz zur eigenen Entscheidungsfindung kritisch zu prüfen“, appellieren die elf OLK-Chefärzte im Intranet an die Mitarbeiter.

Der Bitte Nauperts, Einspruch gegen die berufsbezogene Impfpflicht zu erheben, wird Reiner Rogowski nicht nachkommen. Er spricht sich gar für eine generelle Impfpflicht aus. „Ansonsten muss es so bleiben, wie ist. Wenn wir ausfallen, haben alle ein Problem.“