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Die Freude an den kleinen Dingen

In der Corona-Pandemie konzentrieren sich viele zu sehr auf die Nachteile. Ein Achtsamkeitstrainer aus Dresden erklärt, wie wir das ändern können.

Gedankenreise: Thomas Hönel (53) ist als zertifizierter Resilienztrainer tätig und lehrt nach dem Programm „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“.
Gedankenreise: Thomas Hönel (53) ist als zertifizierter Resilienztrainer tätig und lehrt nach dem Programm „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“. © Ronald Bonß

Thomas Hönel ist in seinem Arbeitszimmer gefangen. Seit Wochen. Viel erlebt der Dresdner dort nicht, abgesehen von dem kleinen Specht. Jeden Tag, pünktlich halb elf, dreht der Vogel vor seinem Haus eine Runde. „Für mich ist das der Höhepunkt des Tages“, sagt der Achtsamkeitstrainer. Im SZ-Interview erklärt er, wie wir schlechte Gefühle beiseiteschieben und uns wieder an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen können.

Herr Hönel, viele Menschen leiden unter den Folgen der Pandemie – nicht nur finanziell, sondern auch seelisch. Wie können sie sich mental rüsten?

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Die erste und wichtigste Erkenntnis ist, dass Hindernisse und Krisen zum Leben dazugehören. Irgendwann müssen wir lernen, das zu akzeptieren. Solange wir jung sind, können wir das vielleicht noch von uns wegschieben, aber es kommt der Punkt, an dem alles funktionieren muss: Die Partnerschaft muss klappen, die Familie zusammengehalten und das Haus abbezahlt werden. Alle anderen bekommen das scheinbar hin – der tolle Post auf Facebook zeigt die schöne Frau, das neue Auto. Aber was verbirgt sich wirklich dahinter? Ist die Frau vielleicht krank, der Kontakt zu den Eltern schon lange abgebrochen? Wenn wir erkennen, dass wir mit unseren Krisen nicht alleine dastehen, können wir das verbreitetste Leid unserer Gesellschaft mindern: den emotionalen Stress.

Nur weil es meinen Mitmenschen noch schlechter gehen könnte, darf ich mich nicht mehr beklagen?

Doch. In der Bewältigungsphase ist es sogar wichtig, sich einzugestehen, wie schlecht es mir geht. Es darf nur nicht in Scham abgleiten. Wenn ich wegen des Lockdowns zum Beispiel 20.000 Euro Schulden habe, ist es weder meine Schuld noch eine Schande. Wir sollten uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir mit unserem Problem nicht alleine sind, und zu einer Tagesstruktur zurückkehren.

Im Lockdown ist das eine Herausforderung. Wie gelingt es trotzdem?

Auch wenn die Situation in geliebte Tagesabläufe reingrätscht, kann ich mir Routinen verschaffen: Sich jeden Morgen schick anzuziehen, jeden Tag etwas kochen oder endlich den Mittagsschlaf machen, der so lange ausgeblieben ist. Am meisten bringt es, vor dem Schlafengehen ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, in dem ich mir jeden Tag drei Dinge notiere: Dinge, über die mich gefreut habe oder staunen konnte.

Sind Sie sicher, dass jeden Tag drei glückliche Momente zusammenkommen?

Anfangs ist es tatsächlich sehr herausfordernd, auch eigenartig und komisch. Aber es lohnt sich: Ich coache gerade eine Frau, die vor einem Jahr damit angefangen hat. Davor war sie vom Leben enttäuscht, Schuld daran waren immer die anderen. Heute berichtet sie, wie viele tolle Momente sich in den selbstverständlichsten Dingen verstecken. Allein, dass mein Blut fließt, ich sprechen und hören kann, ist ein Grund, dankbar zu sein.

Thomas Hönel schreibt positive Dinge des Tages in sein Dankbarkeitsbuch.
Thomas Hönel schreibt positive Dinge des Tages in sein Dankbarkeitsbuch. © Ronald Bonß

Vor Corona konnten wir am Wochenende ins Stadion, abends zum Italiener und danach ins Kino. Unser Gehirn war einer absoluten Reizüberflutung ausgesetzt. Wie können wir lernen, Freude für die kleinen Dinge zu entwickeln?

Dahinter steht ein tiefer greifendes Problem. Zerstreuung suchen wir immer dann, wenn wir Angst haben, zur Ruhe zu kommen. Erst ins Stadion, danach beim Italiener die Creme des Espressos analysieren – wie viel Dekadenz, Lust und Genuss steckt da dahinter? Jetzt ist die Zeit, mentale Baustellen aufzuarbeiten und sich zu fragen, warum wir vom Freizeit- und Entertainmentbereich so stark abhängig sind. Vor allem nach den Weihnachtsfeiertagen kommt im Coaching immer wieder auf, wie schön die Tage mit der Familie waren. Wenn ich aber nachfrage, wie sie geschlafen haben, kommen viele Teilnehmer ins Stocken. Tagsüber sind wir abgelenkt, aber irgendwann kommen die unangenehmen Themen zwangsläufig nach oben. Wir müssen deshalb an einen Punkt kommen, damit Frieden zu schließen. Dann schlafen wir auch besser, aber der Weg dorthin kann ein schmerzvoller sein.

Wie gelange ich zu diesem Punkt?

Zum Beispiel, indem ich anfange zu meditieren: In Zeiten der Distanz kann die Meditationsübung der Liebenden Güte Verbundenheit und Nähe herstellen. In dieser Form gebe ich mir zuerst selbst Anerkennung und Wertschätzung. Im zweiten Schritt kann ich mir jemanden suchen, dem ich positive Energien senden möchte, zum Beispiel einem Kind oder einer nahestehenden Person. Ich stelle mich dann in Gedanken vor ihr oder ihm auf und sage: „Mögest du sicher sein, mögest du frei sein von Schmerz und Ängsten.“ Diese Übung kann ich auch erweitern und mir Menschen vorstellen, mit denen ich überhaupt nicht klarkomme. Dann ergänze ich einfach, wie sehr ich mich freuen würde, wenn man sich wieder besser miteinander verstehen würde.

Klappt das immer und überall?

Wenn ich noch nie meditiert habe, ist es besonders wichtig, mir ein sicheres Umfeld zu schaffen, an dem ich nicht gestört werde. Am besten schalte ich mein Telefon aus oder suche mir jemanden, bei dem ich mich wohlfühle und weiß, dass er mich gut und sicher leitet. Dann brauche ich es mir nur noch gemütlich zu machen: In eine Decke einkuscheln und eine Kerze anzünden.

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