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„Kein Fachbereich ist davor sicher“

Wie kommt es, dass Ärzte den Boden der Wissenschaft verlassen? Jan Oude-Aost ist Experte für Pseudomedizin. Er sieht die Ursachen auch im Studium.

Jan Oude-Aost ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden. Er beschäftigt sich kritisch mit Pseudomedizin. Kürzlich erschien sein Buch „Faktencheck Impfen“.
Jan Oude-Aost ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Dresden. Er beschäftigt sich kritisch mit Pseudomedizin. Kürzlich erschien sein Buch „Faktencheck Impfen“. © privat

Überrascht es Sie, dass Mediziner die Corona-Pandemie relativieren, Impfungen infrage stellen oder sich gegen Masken aussprechen?

Nein, das war absehbar. Es passiert derzeit das Gleiche, was schon lange in der alternativmedizinischen Szene passiert.

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Was genau?

Eine Erkrankung wird verharmlost. Die Grundannahme ist: Es ist nur eine Grippe und damit nicht so schlimm. Auf dieser Ebene argumentieren impfgegnerische Ärztinnen und Ärzte schon lange in Bezug auf Masern oder Röteln. Dort wird behauptet, die Krankheiten seien weniger schlimm als die Impfung. Als Beleg werden komplexe Sachverhalte vereinfacht und gleichzeitig so kompliziert erklärt, dass sie gut klingen. Das passiert jetzt auch bei Corona.

Welche unwissenschaftlichen Behauptungen aus Medizinerkreisen fallen Ihnen besonders auf?

Etwa die, dass Masken schädlich wären, weil sie angeblich die Sauerstoffsättigung im Blut hemmen. Das ist völliger Humbug. Wer aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen kann, ist in der Regel so krank, dass er nicht ohne Sauerstoffgerät auf die Straße gehen könnte. Psychische Gründe ließen sich mit professioneller Unterstützung lösen.

In welchen medizinischen Fachbereichen finden sich diese problematischen Behauptungen?

Es gibt keinen Fachbereich, der davor sicher wäre. Je mehr Ärzte alternativen Heilmethoden nahestehen, desto eher sind sie Impfkritiker und Corona-Leugner. Vermutlich sind Kollegen, die in Kliniken arbeiten, eher vor solchen Ansichten geschützt als jene, die niedergelassen arbeiten, weil die Kontrolle fehlt. Meine Beobachtung ist aber, dass es Einzelfälle sind. Es gibt unter Medizinern wahrscheinlich einen ähnlich hohen Anteil an Menschen, die Verschwörungstheorien glauben, wie im Rest der Bevölkerung. Da schützt die Ausbildung nicht, sie kann einen sogar tiefer reinreiten.

Wie meinen Sie das?

In der Wissenschaft versuche ich in der Regel, meine eigene Hypothese zu widerlegen. Wenn ich das nicht schaffe, bedeutet es, dass sie sehr stabil ist. Je häufiger ich versuche, sie zu widerlegen, desto sicherer kann ich sein, dass sie stimmt. Bei einer Verschwörungserzählung hingegen versuche ich, eine Hypothese zu belegen und versuche, Belege dafür zu finden. Wenn ihr etwas widerspricht, baue ich das zusätzlich auch noch ein.

Lernt man im Medizinstudium nicht wissenschaftliche Methodik?

Das ist eine Kritik an dem Studium: Es hat viel mit Auswendiglernen zu tun, wissenschaftliche Methodik wendet man eigentlich nicht an. Auch in der medizinischen Praxis wird man nicht dazu angehalten, kritische Fragen zu stellen. Es passt im medizinischen Alltag auch nicht immer. Man kann als Arzt oder Ärztin nicht alles bis ins Letzte hinterfragen, manchmal muss man einfach Entscheidungen treffen. Dieses Pendeln zwischen Intuition und pragmatischen Entscheidungen ist eine große Herausforderung in der Medizin.

Sie sagen also, Mediziner sind anfällig für Verschwörungserzählungen?

Wenn ich klug bin, fällt es mir viel leichter, Belege zu finden und diese auch noch gut zu begründen. Intelligenz schützt leider nicht vor dem Hang zu Verschwörungserzählungen. Sie kann eher dafür sorgen, dass man sich viel tiefer in etwas hineinargumentiert.

Es ist auffällig, dass viele anthroposophische Ärzte sich impfkritisch oder coronaskeptisch äußern. Wie kommt das, sie sind doch von der Ausbildung her Schulmediziner?

Bei einem anthroposophischen Arzt bekommt man nicht nur unter Umständen gute Medizin, sondern auch eine Weltanschauung dazu. Diese wird immer mit den medizinischen Entscheidungen verquickt. Leider wissen das viele Patienten nicht. Ganzheitliche Medizin meint bei anthroposophischen Ärzten nicht eine gesunde Ernährung oder psychische Komponenten einer Krankheit. Sie setzen vielmehr auf der im anthroposophischen Sinne geistigen, also „karmischen“ Ebene an. Das ist, als wenn einem ein katholischer Arzt noch etwas Weihwasser verschreibt und sagt, man solle dazu beten. Das würde einem sofort auffallen. Bei anthroposophischen Ärzten ist das Gebet in ein Globuli gesteckt.

Wie ordnet die anthroposophische Medizin Covid-19 ein?

Dazu werden Sie von verschiedenen anthroposophischen Ärzten verschiedene Einordnungen bekommen, denn der Vater der Lehre, Rudolf Steiner, hat nichts dazu gesagt. Dessen Wort ist für anthroposophische Ärzte gesetzt. Es wird darum auf der symptomatische Ebene diagnostiziert und das Symptom im anthroposophischen Kontext eingeordnet.

Ähnlich arbeitet auch der bei den „Querdenkern“ beliebte Arzt Rüdiger Dahlke.

Dahlke hat eigene Ideen zur Medizin: „Dir fehlt die Luft, also sag mal, was dir den Atem raubt.“ Ich nenne das Vulgärpsychosomatik. Außerdem spielt noch oft die Auffassung hinein: „Der Tod gehört zum Leben. Wenn deine Zeit gekommen ist, dann ist das so.“

Wie schätzen Sie den oft zitierten Arzt Wolfgang Wodarg ein?

Wodarg verharmlost Corona, indem er die Erkrankungszahlen sehr selektiv und falsch erfasst und darstellt. Er müsste es allerdings besser wissen, denn er hat schon mal ein Gesundheitsamt geleitet.

Eine private Meinung darf jeder Arzt haben. Aber was, wenn Ärzte wie der in unserer Reportage beschriebene Dr. Hildebrandt ihre coronakritischen Positionen offensiv an Patienten herantragen über Flyer im Wartezimmer oder Positionen auf der Praxis-Webpräsenz?

Als freiheitsliebender Demokrat sage ich: So ein Arzt handelt vollkommen innerhalb seines Rechtes. Auch wenn man schwer schlucken muss, aber das ist durch Berufsfreiheit, Therapiefreiheit und Meinungsfreiheit gedeckt, und diese Freiheiten kann und will man nur schwer einschränken. Es ist wichtig, dass ein Mediziner die Möglichkeit hat, Dinge zu hinterfragen, die vom Robert Koch- oder vom Paul Ehrlich-Institut kommen. Wenn wir das nicht täten, gäbe es keine Entwicklung.

Ähnlich argumentiert auch die Landesärztekammer und beruft sich auf die Meinungsfreiheit des Arztes. Doch welche Verantwortung haben Ärzte gegenüber ihren Patienten?

Wenn sie sich gegen geltende Schutzmaßnahmen oder Behandlungsmethoden stellen, tragen sie ja die Verantwortung. Stellen wir uns einmal die Situation vor: Ein Arzt sagt zu einer Patientin, diese müsse keine Maske tragen, das sei Quatsch. In der Folge steckt sich die Patientin, weil sie sich nicht geschützt hat, mit Covid an – und stirbt. Dieses Risiko geht ein Arzt ein. Er haftet letztlich für seine Aussagen und seine Behandlung. Solchen Ärzten beizukommen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: Wir sollten Menschen so ausbilden, nicht mehr in solche Praxen zu gehen.

Wie kann ich als Patientin erkennen, ob die Behauptungen meines Arztes durch die geltenden Kenntnisse gedeckt sind?

Ich sollte erst mal gucken: Was ist das denn für ein Arzt? Wenn mir ein etwa Kinder- und Jugendpsychiater erzählt, dass Covid nicht gefährlich ist und damit den ranghöchsten Experten auf dem Gebiet der Virologie widerspricht, dann muss ich skeptisch sein. Wenn ich allerdings ohnehin wenig Vertrauen in demokratische Institutionen habe und glaube, dass uns das RKI anlügt, glaube ich natürlich auch einem Arzt, der mit mir auf einer Linie ist. Da können mir das RKI oder die StIKo sonst was erzählen, ich werde es nicht glauben.

Woher kommt gerade bezüglich Corona dieses Misstrauen?

Dieses Virus führt uns in einer für uns kontrollierbar wirkenden Welt vor Augen, wie wenig wir in der Hand haben. Statistiken können wir nur sehr schwer einordnen. Wir sehen die Inzidenz- und Todeszahlen, können sie aber emotional nur schwer erfassen. Das Virus ist wie eine Geschichte, die uns erzählt wird. Wenn ich mich entscheide, sie zu glauben, ergeben die Maßnahmen Sinn, dann kann ich nichts tun, als zu Hause zu bleiben. Das macht hilflos. Wenn ich nicht daran glaube, bekomme ich wieder Kontrolle. Dann habe ich etwas, wogegen ich mich positionieren kann. Ich kann wieder etwas tun, zum Beispiel auf Demos gehen. Da ist es mir dann egal, dass da Nazis mitlaufen, die Sache ist mir wichtiger.

Ärzte wie Bodo Schiffmann halten Reden auf solchen Demonstrationen von „Querdenken“. Auch wenn da Menschen mit Reichskriegsflaggen stehen. Wie kann ein Arzt das mit seinem Medizinerethos vereinbaren?

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In der Pandemie verbreiten immer wieder Mediziner umstrittene Positionen. So wie der Dresdner Gynäkologe Sven Hildebrandt.

Das Argument ist: „Was soll ich machen, wenn die Nazis da auch stehen, ich kann die doch nicht wegschicken?“ Man kann sich alles schönreden. Ich hatte Kontakt mit Ärzten, die sich an einer Demo beteiligt haben, die auch extreme Rechte mitorganisiert haben. Die Ärzte wussten das, aber sie fanden ihr Anliegen wichtiger als die Tatsache, dass auf der gleichen Demo Antisemiten und Verschwörungstheoretiker mitgelaufen sind.

Interview: Henriette Vogel

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