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Corona: Ärzteschaft warnt vor „falschem Alarmismus“

Wirtschaft und Virologen kritisieren undurchsichtige Corona-Regeln. Ärztevertreter Gassen stellt gar den Sinn mancher Auflagen infrage.

Ein Arzt bereitet in einem Testcenter in Dresden einen Abstrich vor.
Ein Arzt bereitet in einem Testcenter in Dresden einen Abstrich vor. © Robert Michael/dpa (Symbolbild)

Von Sven Lemkemeyer 

Die Infektionszahlen in Deutschland steigen weiter – Ärztevertreter sehen aber keinen Grund zur Panik und werfen dem Robert Koch-Institut (RKI) vor, die Bürger mit Warnungen in die Irre zu führen. Der Chef des Kassenärzte-Verbandes, Andreas Gassen, sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus“, sagte Gassen. „Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn nur einer von 1000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten.“

Im Frühjahr habe es bei 4.000 Neuerkrankten täglich bis zu 150 Corona-Tote gegeben, erläuterte Gassen. „Das ist vorbei. Jetzt sind es einstellige Sterbezahlen. Solange das Verhältnis so bleibt, sind Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich kaum relevant.“ Eine Überlastung des Gesundheitssystems sei auch in Herbst und Winter nicht abzusehen, sagte der Mediziner.

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Am Donnerstag hatte RKI-Chef Roland Wieler bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) davor gewarnt, die Lage in Deutschland drohe außer Kontrolle zu geraten.

„Durch den Wust an nicht nachvollziehbaren Regelungen verlieren wir aber eventuell die Akzeptanz für die Maßnahmen, die wirklich etwas bringen“, sagte Gassen. „Die Reisebeschränkungen sind zur Pandemiebekämpfung überflüssig und auch nicht umzusetzen.“

Gassen hält Sperrstunden und Alkoholverbote für fragwürdig

Stattdessen würden knappe Test-Kapazitäten verschwendet, kritisierte Gassen. „Das ist schon fast grober Unfug.“ Auch das Beherbergungsverbot müsse „definitiv“ schnellstmöglich zurückgenommen werden.

Sperrstunden und Alkoholverbote wie in Berlin seien „mehr als fragwürdig“, sagte Gassen weiter. „Bis 23 Uhr darf man sich ins Koma saufen, aber 23.30 Uhr gibt's nichts mehr?“ Das sei nicht effektiv, weil es das individuelle Verhalten nicht ändere.

Gassen plädierte dafür, das Infektionsgeschehen viel stärker nach Altersgruppen aufzuschlüsseln, um gezielter reagieren zu können. „Ich bin davon überzeugt, dass wir mit einer vernünftigen Kommunikation durchaus wieder mehr Normalität zulassen können – mit der Möglichkeit, die Bremse rasch wieder anzuziehen.“

Kassenarztchef fordert Grenzwert von 50 deutlich anzuheben

Konkret forderte der Kassenarztchef, die Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, ab der Kreise und Städte zu Risikogebieten erklärt werden, deutlich anzuheben: Die Zahl 50 stamme aus einer Zeit mit wöchentlich 400.000 Tests und hoher Positiven-Rate. Inzwischen werde dreimal so viel getestet bei viel weniger Test-Positiven. „Die Zahl muss den Entwicklungen angepasst werden, unter Berücksichtigung der niedrigeren Positivquote käme man aktuell auf einen Schwellenwert von 84 pro 100.000.“

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung © Tobias Schwarz/AFP Pool/dpa

Am Freitag hatte bereits der Virologe Hendrik Streeck gefordert, man müsse aufhören, nur schreckstarr auf die Infektionszahlen zu schauen. „4000 Neuinfektionen pro Tag zur Zeit bedeuten nicht mehr das Gleiche, was sie im März und April bedeutet haben“, schrieb der Professor für Virologie und Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Universität Bonn in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“.

Abhilfe könne ein Ampelsystem schaffen, das auf dem Zusammenspiel von Infektionszahlen, Anzahl der Tests, stationärer und intensivmedizinischer Belegung basiert. Es müsse darum gehen, mit den vorhandenen Daten „ein intelligenteres und vorausschauendes System zu entwickeln“.

Virologe Streeck: An ein Leben mit Corona gewöhnen

Generell gelte es, sich an ein Leben mit Corona zu gewöhnen, so Streeck weiter. Das bedeute „auch zu akzeptieren, dass Sars-CoV-2 bei uns heimisch wird“. Auch Todesopfer ließen sich vielleicht minimieren, aber nicht vermeiden.

Am Freitag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Bürgermeistern der elf größten Städte beraten und sich auf eine Reihe von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie verständigt. Dazu zählen eine erweiterte Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum, Sperrstunden und Alkoholbeschränkungen sowie Teilnehmerbegrenzungen für Feiern. Kommende Woche steht wieder ein Gespräch Merkels mit den Ministerpräsidenten der Länder an, wie Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) angekündigt hatte.

Mehrere Bundesländer haben für Reisende aus den Hotspots Beschränkungen beschlossen. So dürfen in den meisten Ländern Urlauber aus Gebieten mit Neuinfektionszahlen über der kritischen Grenze von 50 pro 100.000 pro Woche nur dann beherbergt werden, wenn sie einen höchstens 48 Stunden alten negativen Test vorlegen können.

Wirtschaft rügt „unkoordinierte Regelungen“

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Eric Schweitzer, kritisierte die Reisebeschränkungen und Beherbergungsverbote innerhalb Deutschlands als „unkoordinierte Regelungen“. „Die Ausweisung von Risikogebieten in Deutschland mit unterschiedlichen Folgeregelungen schafft zugleich branchenübergreifend für viele bundesweit aktive Unternehmen neue Rechtsunsicherheit“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Mit Blick auf international tätige Unternehmen forderte Schweitzer neue Regelungen. Nach wie vor könnten aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen Unternehmen ihre Monteure und Techniker nicht in Auslandsmärkte schicken, sagte er. „Hier brauchen wir Schnelltests und Quarantäneregeln mit Augenmaß, um einen sicheren Reiseverkehr auch in Corona-Zeiten zu gewährleisten.“

So berichten wir über die Corona-Krise:

Die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, Ingrid Hartges, bezeichnete es als „völlig unbefriedigend, dass wir keine bundeseinheitlichen Regelwerke haben“. Gäste wie Hoteliers hätten unzählige Fragen und wüssten nicht, was jetzt im Detail gelte. „Daher muss dringend mehr Einheitlichkeit her“, forderte Hartges in der „Passauer Neuen Presse“. So müsse zum Beispiel generell klar sein, dass Geschäftsreisende von den Beherbergungsverboten ausgenommen werden.

Auch Drosten für mehr bundeseinheitliche Regeln

Der Virologe Christian Drosten hält in den kommenden Monaten wieder mehr bundeseinheitliche Regelungen für notwendig. „Es ist gut, wenn es klare Regeln gibt. Das ist ganz eindeutig“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Sie durchzusetzen sei angesichts einer regional unterschiedlichen Häufigkeit der Krankheit derzeit verständlicherweise noch schwierig, sagte der Direktor des Institutes für Virologie an der Berliner Charité. Er betonte aber: „Das Virus wird sich immer gleichmäßiger verteilen. Wir werden mehr und mehr in eine Situation kommen, wo man besser pauschal reguliert“.

RKI meldet am Samstag 4721 Neuinfektionen

Das RKI gab die Zahl der Neuinfizierten am Samstagmorgen mit 4721 an. Von Mittwoch auf Donnerstag war der Wert von 2828 auf 4058 erheblich gestiegen, von Donnerstag auf Freitag lag das Plus bei 4516. Nach Angaben des RKI haben sich in Deutschland bisher insgesamt mindestens 319.381 Menschen in nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert (Datenstand 10.10., 0.00 Uhr).

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung lag demnach bei 9604. Das waren 15 mehr als am Vortag. Etwa 273.500 Menschen haben die Infektion nach Schätzungen des RKI überstanden.

Die meisten Neuinfektionen in NRW

Die meisten Neuinfektionen gibt es im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen mit 1422 gefolgt von Bayern (643), Baden-Württemberg (530). In Berlin gab es dem RKI zufolge 443 positive Tests und in Brandenburg 89. Die Gesamtzahl der Neuinfektionen dürfte noch höher liegen, weil das Land Bremen nach Angaben des RKI am Freitag keine Daten übermittelte.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach RKI-Schätzungen in Deutschland dem Lagebericht vom Freitag zufolge bei 1,34 (Vortag: 1,17). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel mehr als einen weiteren Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Zudem gibt das RKI in seinem aktuellen Lagebericht ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Der Wert bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen lag dieser Wert nach Angaben vom Freitag bei 1,37 (Vortag: 1,22). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen.

Auch die Quote der positiven Tests verdeutlicht das Infektionsgeschehen in Deutschland. In seiner jeweils mittwochs im Lagebericht veröffentlichten Auswertung gab das RKI an, dass die Positivrate in der Woche vom 28. September bis 4. Oktober bei rund 1,1 Millionen Tests auf 1,6 gestiegen ist. In der Vorwoche lag der Wert bei 1,2.

Köln überschreitet Grenzwert

Köln überschritt als weitere deutsche Großstadt die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Zuvor war dies bereits etwa in Berlin, Bremen und Frankfurt am Main der Fall. Das nordrhein-westfälische Landeszentrum Gesundheit gab den Wert für die Millionenstadt am Samstag mit 54,8 an.

Die Kölner Stadtverwaltung hatte das Überschreiten der Schwelle erwartet und deshalb von diesem Samstag an bereits zahlreiche Einschränkungen für das öffentliche Leben angeordnet. Auf Straßen und Plätzen darf abends ab 22.00 Uhr kein Alkohol mehr konsumiert werden. An den Wochenenden gilt an Party-Hotspots ein Verkaufsverbot für Alkohol. Zudem dürfen sich nur noch bis zu fünf Personen aus verschiedenen Haushalten in der Öffentlichkeit treffen – bisher waren es zehn. Außerdem wurde die Personenzahl bei Feiern beschränkt. In Fußgängerzonen müssen die Menschen Masken tragen.

NRW will kostenlose Tests anbieten

Das Land Nordrhein-Westfalen will in den Herbstferien, die gerade begonnen haben, kostenlose Testmöglichkeiten für Deutschland-Reisende aus nordrhein-westfälischen Risikogebieten ermöglichen. Das Gesundheitsministerium habe am Freitag einen entsprechenden Erlass an die Kommunen versendet, teilte ein Sprecher des Ministeriums am Samstag mit, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete.

Wer aus einer Region komme, in der der Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche erreicht oder überschritten sei und für eine innerdeutsche Reise einen negativen Test brauche, solle sich kostenfrei testen lassen können. Die Laborkosten werden aus dem Gesundheitsfonds des Bundes übernommen, das Land trägt die Abstrichkosten der Ärzte, hieß es weiter. Ein Sprecher der Stadt Köln ging am Samstag davon aus, dass die bereits bestehenden Testzentren einen zusätzlichen Andrang auffangen könnten. Insbesondere am Flughafen und am Bahnhof seien die Kapazitäten zuletzt nicht ausgeschöpft worden.

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