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Wie überwinde ich Corona-Ängste?

Der Landesvorsitzende der Psychotherapeuten über die Ursachen für mehr psychisch Kranke und Wege für mehr Zuversicht und Freude.

Wegen Corona steigt die Zahl der Patienten mit Angststörungen. Und die Therapeuten rechnen mit mehr.
Wegen Corona steigt die Zahl der Patienten mit Angststörungen. Und die Therapeuten rechnen mit mehr. © 123rf

Sachsen. Corona ist auch in Psychotherapiepraxen das Thema Nummer eins. Sven Quilitzsch, Landesvorsitzender der Psychotherapeutenvereinigung Sachsen, übt Kritik an der angstgetriebenen Kommunikation der Regierung.

Denn das wirke sich auf die psychische Gesundheit der Menschen aus. Schon jetzt steige die Zahl der Patienten mit Angststörungen. Und die Therapeuten rechnen mit mehr. Wie Zuversicht den Ängsten Platz machen kann, wollte die SZ von ihm wissen.

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Herr Quilitzsch, welche Ängste sind es, die die Menschen jetzt umtreiben?

Natürlich die Angst vor Ansteckung, vor der eigenen Erkrankung. Doch viele fürchten auch, andere zu infizieren. Sie haben zudem Angst vor den sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns und der Bestrafung bei Verstößen. Nicht wenige haben plötzlich Angst vor Nähe – selbst in der eigenen Familie. Sie meiden Kontakte, obwohl sie diese dringend bräuchten. Das permanente Gefühl des Bedrohtseins macht psychisch krank. Das schildern mir auch meine Kollegen im Berufsverband.

Wir fürchten, dass zeitversetzt eine große Welle psychischer Erkrankungen kommt. Die jetzigen Verbote machen etwas mit uns Menschen. Deshalb lautet unsere Botschaft: Nur das Virus ist gefährlich, nicht der Mensch oder die Nähe zueinander. Menschen sind gesellschaftliche Wesen. Wir brauchen einander.

Aber der Mensch überträgt doch das Virus. Ist die Angst da nicht berechtigt?

Eine gesunde Vorsicht, wie wir sie auch gegenüber anderen Gefahren und Krankheiten entwickeln, ist wichtig. Die Regelungen, körperlichen Abstand von 1,5 Metern zu halten, sind sicherlich von enormer Bedeutung. Warum man aber nicht (auch in einer Gemeinschaft) durch den Wald spazieren gehen sollte, ist nicht zu verstehen.

Meine Patienten schildern mir, dass sie gar nicht mehr wissen, was oder wem sie wirklich glauben sollen. Zu viele völlig gegensätzliche Meinungen prasseln auf sie ein. Diese Polarisierung der Gesellschaft fördert die Angst und kann dann auch krankhafte Ausmaße annehmen.

Woran erkennt man, ob Angst schon krankhaft verstärkt ist?

Wenn sie den Betreffenden im Alltag lähmt, wenn er sich nicht mehr hinaus traut, nicht mehr schlafen kann, weil die Angst ihn beschäftigt, wenn die Angst andere körperliche Symptome wie Schmerzen verstärkt und die Gedanken permanent um mögliche Gefahren kreisen, dann kann man schon von einer Angststörung sprechen. Diagnostiziert wird diese durch Psychotherapeuten oder Fachärzte.

Was könnten wir, was könnte unsere Regierung tun, um die Ängste abzubauen? Die sozialen Medien verbieten?

Nein, das sicher nicht. Doch die Verantwortlichen müssten den Menschen viel mehr erklären, warum sie bestimmte Maßnahmen für richtig halten. Sei es der Aktionsradius von 15 Kilometern, die Kontakte mit nur einer haushaltsfremden Person, das Masketragen und und und. Tun sie dies nicht, glauben die Menschen den Erklärungen anderer Quellen, die die Maßnahmen mit Horrorvisionen kommentieren.

Aber das Virus ist doch neuartig, wer weiß da schon, was gut und richtig ist?

Genau das muss kommuniziert werden. Man kann den Menschen sagen, dass man auch als Politiker unsicher ist und eben nicht genau weiß, welche Maßnahme wirkt, dass es eine gemeinsam zu bewältigende Aufgabe ist, Menschenleben zu schützen. Indem Verstöße gegen die Maßnahmen bestraft werden, fördert man Angst, nicht aber das Vertrauen und auch nicht die Eigenverantwortlichkeit.

Viele Patienten schildern mir, dass sie ihre Nachbarn als Bedrohung sehen, weil er sie vielleicht denunziert, zum Beispiel, wenn ihre Kinder den Kontakt zu Gleichaltrigen suchen und mit ihnen spielen wollen, was ja eigentlich völlig normal ist. Solche Ängste fördern Trotzreaktionen und Treffen im „Untergrund“, was aus meiner Sicht die Gefahr sogar erhöht. Was uns allen fehlt, sind positive Nachrichten.

Sollen keine Erkrankungszahlen mehr gemeldet werden?

Eine gute Frage. Doch sicher, das Interesse ist ja da. Ob man die Information aber permanent braucht, würde ich jedoch bezweifeln. Denn das versperrt den Blick für Anderes, für Schönes. Und davon gibt es im Leben doch wirklich noch genug. Die Menschen brauchen Zuversicht, um sich psychisch zu stabilisieren. Nur so haben sie auch das Vertrauen und die Kraft, zu sagen: „Wir kommen aus der Pandemie auch wieder heraus.“

Was wären denn solche zuversichtlichen Nachrichten?

In der ersten Welle der Pandemie wurden zum Beispiel auch die Zahlen der Genesenen genannt. Das vermisse ich derzeit allzu oft. Man könnte auch sagen, dass die Zahl der Intensivbetten noch lange nicht ausgeschöpft ist und dass Krankenhäuser – wenn auch mit enormer Kraftanstrengung – durchaus in der Lage sind, sogar die doppelte oder gar dreifache Anzahl davon zur Verfügung zu stellen.

Wir könnten über neue Behandlungsansätze informiert werden, neue Medikamente. Man könnte den Menschen vermitteln, dass die Impfung Hoffnung auf ein Ende der Pandemie gibt, auch das Frühjahr mit seinen wärmeren Temperaturen kann dazu beitragen, dass die Infektionszahlen sinken. Vor allem sollten die Patienten erfahren, dass Nähe keine potenzielle Gefahr ist, sondern ein Grundbedürfnis und wichtig für die Gesundheit. Und wer dennoch erkrankt, bekommt alle erdenkliche Hilfe – auch das kann eine gute Nachricht sein.

Wie helfen Sie Menschen mit krankhaften Ängsten?

Den meisten hilft es schon sehr, wenn sie in geschützter Atmosphäre unter dem Gebot der Schweigepflicht über ihre Ängste reden können. Selbst das trauen sich viele in der Öffentlichkeit nicht mehr. Danach geht es an eine sachliche Analyse. Ich lasse meine Patienten herausarbeiten – auch als Hausaufgabe – wie groß die Gefahr wirklich ist, die ihnen gerade alle Energie raubt.

Ansteckung passiert durch Aerosole, so viel wissen wir bereits. Eine Umarmung, die mir Kraft und Zuversicht gibt, stellt kein erhöhtes Infektionsrisiko dar. Liebevolle Zuwendung mit Worten, Streicheleinheiten oder „Handhalten“ – all das kann unter Einhaltung der nötigen Hygieneregelungen möglich sein. Diese Erkenntnis nimmt den meisten schon viel von ihrer Angst. Zusätzlich können sie noch die eigene Gesundheit stärken, indem sie sich viel an frischer Luft bewegen und sich gut ernähren. Eine reelle Einschätzung des Erkrankungsrisikos setzt auch Kräfte und Energie frei.

Kann man trotz Corona in die Sprechstunde kommen?

Natürlich. Wir Psychotherapeuten sind – wie man so schön sagt – systemrelevant. Unsere Praxen sind weiterhin geöffnet. Es gibt aber auch Kollegen, die aufgrund ungeeigneter räumlicher oder personeller Voraussetzungen Videosprechstunden anbieten. Wer Hilfe braucht, meldet sich per Telefon an. Mit seiner Versichertenkarte kann er ohne Überweisung zumindest eine erste Konsultation in Anspruch nehmen.

Hat der Lockdown aus Ihrer Sicht auch positive Seiten?

Ich persönlich denke, dass die Schäden an Gesellschaft und Wirtschaft größer sind als der Nutzen. Nicht der Lockdown schützt uns, sondern das Verstehen, dass wir körperlich ein Stück auseinandergehen müssen, um uns nicht gegenseitig anzustecken. Aber ja, wir sollten auch versuchen, das Positive zu sehen. Die Familien rücken enger zusammen. Man spürt, wie wichtig die familiäre Gemeinschaft ist. Selbst das Homeschooling kann die Erkenntnis bringen, dass man vieles gemeinsam meistern kann. „Wir stehen das jetzt zusammen durch“ – diese Botschaft kann sehr viel Kraft geben. Nicht zuletzt haben die Menschen durch den Lockdown entdeckt, wie schön doch ihre unmittelbare Umgebung ist.

Und diese Erkenntnisse helfen, gestärkt aus der Krise zu gehen?

Zuversicht und Freude an den unmittelbaren Dingen helfen zunächst erst einmal, die Krise überhaupt zu überstehen. Ich empfehle meinen Patienten, Pläne zu machen, was sie nach dem Lockdown als Erstes tun werden. Ich frage sie, worauf sie sich am meisten freuen. Damit setzen sie sich wieder Ziele und stellen sich Aufgaben. Warum nicht die Gitarre vom Dachboden holen und wieder beginnen zu üben, oder den Farbmalkasten der Kinder schnappen und kreativ werden.

Einige haben sich in der ersten Coronawelle einen Kleingarten zugelegt. Also warum nicht planen, was man alles pflanzen möchte, mit welchen Farben man sich umgeben möchte. Vielleicht erkennen manche sogar, dass sie mit vielen Dingen gar nicht bis auf das Ende des Lockdowns warten müssen. Diese Aktivität, das Gestaltenwollen ist ein wichtiger Motor, der uns bei der Überwindung der jetzigen Situation hilft.

Das Gespräch führte Stephanie Wesely.

Die Serie "Wege aus der Krise"

Zehn Monate Corona - Lockdown und Kontaktbeschränkung. Eine herausfordernde Zeit für jedes noch so starke Gemüt. In einer neuen Serie geben Experten Hilfestellung, wie es raus geht, aus der Krise. Hier geht es zu allen Serienteilen.

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