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Corona: Auf Streife in der Geisterstadt

Die Polizei muss die nächtliche Ausgangssperre kontrollieren. Bei einem Rundgang in Bautzen erklären zwei Beamte, wo Verstöße meist vorkommen.

Die nächtlichen Streifendienste der beiden Beamten Marko Lane (l.) und Marko Scholz sind während des Lockdowns bedeutend ruhiger geworden. Auf der menschenleeren Reichenstraße in Bautzen wird das besonders deutlich.
Die nächtlichen Streifendienste der beiden Beamten Marko Lane (l.) und Marko Scholz sind während des Lockdowns bedeutend ruhiger geworden. Auf der menschenleeren Reichenstraße in Bautzen wird das besonders deutlich. © Steffen Unger

Bautzen. Nach 22 Uhr darf sich niemand mehr außerhalb seiner Wohnung aufhalten, der nicht einen triftigen Grund vorweisen kann. - Wenigstens dann nicht, wenn die Inzidenz in seinem Landkreis über 100 Infektionen je 100.000 Einwohner beträgt. So sieht es das neue Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung, die sogenannte "Notbremse", vor. Über Sinn und Unsinn dieser Regelung wurde viel diskutiert; Gerichte setzten sich bereits mit der Frage ihrer Rechtmäßigkeit auseinander.

Fakt ist: Die Regel gilt. Zwei, die ihre Einhaltung im Revierbezirk Bautzen durchsetzen, sind Polizeihauptmeister Marko Scholz und Polizeimeister Marko Lane. Seit 20.30 Uhr sind sie am Freitagabend im Dienst. Bis sechs Uhr des Folgetages wird ihre Schicht gehen. Dass sie sich um 22 Uhr zu Fuß in die Bautzener Innenstadt aufmachen, ist nicht selbstverständlich. Genaugenommen gibt es nur drei Gründe dafür: Entweder, es gibt freie Kapazitäten. Oder einen akuten Anlass. Oder die Presse fragt an.

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"Unser Revier umfasst ja nicht nur die Stadt Bautzen", sagt Marko Scholz. Im weiträumigen Umland sei man mit dem Streifenwagen besser beraten, könne schneller auf Einsatzlagen reagieren. Gleichwohl, fährt er fort, während er mit seinem Partner von der Polizeiwache in der Taucherstraße aus in Richtung August-Bebel-Platz aufbricht, habe der Streifendienst zu Fuß seine Vorteile - vor allem in der Nacht. "Es ist ruhiger, man erkennt mehr Details", erklärt er und meint abgelaufene Tüv-Plaketten genauso wie Schreie oder laute Musik aus angekippten Fenstern.

Nach 22 Uhr ist kaum noch jemand auf der Straße

Dergleichen gibt es für die beiden Männer auf ihrem Weg an der alten Post vorbei über die Karl-Marx-Straße bis zum Kornmarkt nicht zu bemerken. Und sogar noch weniger: Kaum eine Menschenseele ist unterwegs. Wenn Passanten den Weg der Beamten kreuzen, sind sie allein, wirken nicht wie Corona-Brecher. Eher, als kehrten sie nach einem langen Tag nach Hause zurück.

Solche Zufallsbegegnungen sind es nicht, nach denen die Beamten Ausschau halten. "Im Bereich der Ordnungswidrigkeiten haben wir einen Entscheidungsspielraum. Wenn es um echte Verstöße geht, trifft man meist auf dieselben Gesichter; ein eher jugendliches Klientel", erklärt Kai Siebenäuger, der Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz. Und überhaupt fände eine gezielte Kontrolle der Einhaltung der Corona-Schutzverordnung nur anlassbezogen statt. "Es geht beim Streifendienst um Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Es gibt immer jemanden, den wir suchen", fährt er fort. Zur Gefahrenabwehr zähle aktuell natürlich auch der Infektionsschutz. Während er spricht, macht Kai Siebenäuger eine vielsagende Geste in Richtung der menschenleeren Reichenstraße. Corona-Verstöße, sagt er, würden vor allem bei Versammlungen - angemeldet oder nicht - festgestellt. Die Innenstädte seien momentan eher nicht die Orte, wo man außerhalb von Demonstrationen auf renitente Regelbrecher stieße.

Bautzener halten sich an die Regeln

Das zeigt sich eindrucksvoll in der Altstadt, wo Scholz und Lane die einzige Passantin nach dem Grund für ihren nächtlichen Aufenthalt draußen fragen. Sie komme gerade von der Arbeit, sagt sie ehrfurchtsvoll, erklärt, für welchen Betrieb sie in welchem Ort arbeitet, hat augenblicklich eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers in der Hand. Die wollen Scholz und Lane gar nicht sehen. Während die Frau in ihren Feierabend davoneilt, sagt Marko Scholz: "Die Streifendienste sind seit Beginn der Pandemie ruhiger geworden. Die Bürger halten sich an die Regeln."

Weniger bedächtig geht es kurze Zeit später an der Ecke von Kornmarkt und Reichenstraße zu. Als die beiden Beamten einen jungen Mann im Kapuzenpulli entdecken, bedarf es keiner Absprache zwischen ihnen, bevor sie auf ihn zueilen. Lane knipst die Taschenlampe an, Scholz spricht: Weshalb er noch draußen sei, will der Polizeihauptmeister von dem Mann wissen. Der deutet auf ein Taxi, das mit laufendem Motor an der Liebfrauenkirche wartet. Seine Freundin sei eben gekommen, erklärt er. Er habe Geld geholt und wolle den Taxi-Fahrer bezahlen. Die Beamten glauben das Gesagte; lassen den Mann ziehen. Zufällig hätten die beiden den Passanten nicht angesprochen, erklärt Kai Siebenäuger: "Das ist ein bekanntes Gesicht aus dem Bautzener Untergrund." Schon häufiger sei der Mann auffällig geworden. Nicht immer seien die Situationen so glimpflich verlaufen wie an diesem Abend. Corona habe damit eher weniger zu tun.

Polizei agiert mit Augenmaß

Zwischen 100 und 250 Euro hätte es kosten können, hätten die Beamten an diesem Abend eindeutige Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung festgestellt. Dazu zählen das Nicht-Tragen einer Maske im öffentlichen Raum genauso wie die Nicht-Einhaltung des Mindestabstandes. Gewerbetreibende müssen deutlich tiefer in die Tasche greifen. Bei ihrer Kontrolle handeln die Beamten mit Augenmaß: "Wir sind in erster Linie Menschen", sagt Marko Lane und macht die ethische Grundlage seines Handelns klar: "Ich bin anständig, du bist anständig. Lass uns gemeinsam diese Pandemie bezwingen."

Während die Beamten zur Wache zurückschlendern, bleibt Zeit für Smalltalk. An der Räderei, Bautzens neuem Fahrradladen, halten Siebenäuger und die beiden Streifenpolizisten an, fachsimpeln über das gemeinsame Hobby. Bis ein Funkspruch die Unterhaltung stört: "Wenn es brennt haben wir flinke Füße", spricht Scholze in sein Funkgerät und sagt: "Die Kollegen sind mit den Streifenwagen unterwegs, in einer Privatwohnung gibt es eine Auseinandersetzung. Gerade wurde Verstärkung angefordert."

Wie viele Beamte an diesem Abend im Landkreis im Einsatz sind, will Kai Siebenäuger aus taktischen Gründen nicht verraten. Klar ist aber: Als Scholz und Lane gegen 23.30 Uhr wieder an der Wache eintreffen, wartet Arbeit auf sie.

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