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Abholservice Click&Collect: Händler in Sachsen verärgert

Wirtschaftsminister Martin Dulig will bei sinkenden Corona-Infektionszahlen die Einführung des Abholservices „Click und Collect“ für den Handel prüfen.

Eine Verkäuferin übergibt im Eingang eines Haushaltswarengeschäfts in Stuttgart einem Kunden bestellte Ware. In Sachsen ist das nicht möglich.
Eine Verkäuferin übergibt im Eingang eines Haushaltswarengeschäfts in Stuttgart einem Kunden bestellte Ware. In Sachsen ist das nicht möglich. © dpa

Der Ruf nach Zulassung eines Abholservices für Sachsens Einzelhandel wird lauter. Die Begründung von Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) im SZ-Interview vom vergangenen Mittwoch, warum er am Verbot von Click&Collect festhält, stößt bei Unternehmen auf Unverständnis.

Im Freistaat ist als einzigem Bundesland das Abholen von online oder telefonisch bestellter Ware untersagt – im Gegensatz zu in Restaurants und Bistros georderten Speisen. Dulig hatte das mit den seit Wochen bundesweit höchsten Infektionszahlen begründet: acht Mal so hoch wie in der ersten Coronawelle im Frühjahr.

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„Wir müssen Kontakte vermeiden“, fordert der Minister. Bei der Fahrt zum oder vom Abholen komme es jedoch, „etwa in der Bahn oder auf Parkplätzen, immer wieder zu Kontakten“. Generell sei das Abholen von Waren aber „eine gute Möglichkeit für die Händler – wenn die Zeit dafür da ist“. Sobald das vor dem Hintergrund der Infektionszahlen vertretbar sei, werde das Kabinett auch solche Erleichterungen ins Auge fassen, verspricht er und nennt an anderer Stelle einen Inzidenzwert von 50.

Absurdität im eigenen Filialnetz

„Da macht es sich die Landesregierung zu einfach“, kritisiert Stephan Namokel. Man dürfe nicht nur auf die Neuinfektionen sehen, fordert der Chef und Inhaber der Landmaxx BHG GmbH, „ein Zwischending zwischen Baumarkt- und Grundversorger“, wie er selbst sagt. Auch er schaue morgens mit Sorge auf die Coronazahlen und wolle „keine Politikerschelte“, betont der Geschäftsführer.

Im Gegenteil: „Ich habe Hochachtung vor allen, die so schwierige Entscheidungen treffen müssen.“ Aber sie müssten sich differenzierter mit den Branchen befassen. Das brauche Zeit, Energie, Sachverstand. Kein Bundesland schaffe die 50er-Marke, die meisten wiesen ein Mehrfaches auf, dennoch sei Click&Collect gestattet. Die ganze Absurdität zeige sich im eigenen Filialnetz: Von den elf Adressen sei einzig beim Markt im südbrandenburgischen Ortrand, 1,3 Kilometer hinter Sachsens Landesgrenze, das Abholen erlaubt.

Im Coronajahr hätten seine 130 Beschäftigten rund 30 Millionen Euro erwirtschaftet, fast so viel wie ein Jahr zuvor, sagt Namokel, der es 2017 beim Wettbewerb „Sachsens Unternehmer des Jahres“ unter die Top-5 schaffte. Landmaxx sei gut durch die Krise gekommen, habe im Frühjahr nur einen Monat Kurzarbeit angemeldet. „Jetzt müssen wir es wieder tun“, so der 68-Jährige. „Und das wäre mit Click&Collect und Überstundenabbau nicht nötig gewesen.“

Verlust von Eigenkapital droht

In Erwartung einer Verschärfung des Lockdowns blickt der Unternehmer sorgenvoll in die Zukunft. „Wir brauchen das Frühjahrsgeschäft, um das Jahr zu überstehen. Da machen wir 40 Prozent vom Jahresumsatz.“ Wenn das schiefgehe, verliere die Firma 1,5 Millionen Euro. Auch anderen droht der massive Verlust von Eigenkapital.

Unlängst hatten acht Branchenvertreter mit 66 Filialen und 1.378 Beschäftigten per Brief an Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) appelliert, „nicht nochmals durch einen sächsischen Alleingang“ ihre wirtschaftliche Grundlage zu gefährden. Landmaxx und andere meist auf dem Land ansässige Adressen sehen sich nicht als Baumärkte wie Toom oder Obi, sondern mit Lebensmitteln, Post, Futter für Nutztiere, Baumarktartikeln, Brennholz und Kohle sowie Wintersortiment wie Streusalz und Schneeschieber als regionale Nahversorger – „und so als systemrelevant“.

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Dennoch müssen sie schließen, während Lidl und Aldi Bohrmaschinen und anderes Gerät aus ihrem Beritt verkaufen, kritisiert Juniorchef Marcus Namokel. Die meisten Kunden seien 60 bis 80 Jahre alt und kämen nicht mit den angeblichen Virenschleudern Bus und Bahn, sondern im Auto. „Warum lässt Sachsens nicht wenigstens das Abholen zu?“, fragt er. Abgesehen von umfangreichen Hygienemaßnahmen spreche dafür auch die „Kundenfrequenz von zwei Leuten alle zehn Minuten“.

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