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Corona-Hotspot: Warum ausgerechnet Sachsen?

Die Infektionszahlen steigen, mittlerweile liegt der Freistaat bei der Inzidenz deutschlandweit vorn. Sieben mögliche Gründe für diese Entwicklung.

Ein Schild vor dem Alten Rathaus in Chemnitz weist auf die "Maskenpflicht" in der Innenstadt hin.
Ein Schild vor dem Alten Rathaus in Chemnitz weist auf die "Maskenpflicht" in der Innenstadt hin. © dpa/Hendrik Schmidt

Dresden. Seit Mitte Oktober steigt die Zahl der Neuinfektionen im Freistaat rasant. Mittlerweile reicht dunkelrot als Farbe in den Deutschlandkarten nicht mehr aus, Sachsen ist nun lilafarben. Derzeit liegen acht von zehn Landkreisen und Chemnitz über der Grenze von 200 Infektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen, Leipzig und Dresden sind knapp darunter. Nach Zahlen der örtlichen Gesundheitsämter liegt in vier Kreisen der Inzidenzwert sogar bei mehr als 400 – im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Bautzen, Görlitz und Zwickau. Warum?

Altersstruktur

Sachsen hat den höchsten Altersdurchschnitt aller Bundesländer. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes sind 26 Prozent der Sachsen 65 Jahre und älter. In der Altersgruppe ab 80 Jahre liegt die Inzidenz im Freistaat deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Viele ältere Menschen erkranken in Pflegeheimen – auch mit besonders schweren Verläufen. Die Hotspots Pflegeeinrichtungen machen etwa 20 bis 30 Prozent der Entwicklung aus. Nach Angaben des Sozialministeriums sind 90 Prozent der verstorbenen Patienten 70 Jahre oder älter.

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Kein Risikoempfinden

Die erste Welle der Corona-Pandemie lief in Sachsen noch relativ mild ab. Im Frühjahr und Sommer war die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu anderen Bundesländern gering. Allerdings trifft das auch auf die anderen Ost-Bundesländer zu. Sie verzeichnen jedoch nach wie vor deutlich geringere Zahlen. In Sachsen ist das anders: Gerade in den Regionen, die im Frühjahr glimpflich durch die Pandemie kamen, sind die Fallzahlen nun besonders hoch. „Dadurch ist das Bewusstsein für die Gefahr jetzt geringer als in Regionen, die im Frühjahr stärker betroffen waren“, erklärt Leonhard Großmann, Allgemeinmediziner in Görlitz. „Entsprechend verhält man sich im Arbeitsumfeld und in der Freizeit.“

70 bis 80 Prozent der Ansteckungen haben ihre Ursache in „Unachtsamkeit“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer - die gemütlichen Runden mit einem Bier oder Wein mit Menschen, mit denen man täglich und mit Abstand zu tun habe.

Ländliche Regionen

Die engeren sozialen Kontakte in den ländlich geprägten Landkreisen könnten ein Grund für die massive Ausbreitung in den vergangenen Wochen sein. Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) hat mehrfach angemahnt, gerade im engen Familien- und Freundesleben auf dem Land vorsichtig zu sein. In den Dörfern sei das Sicherheitsgefühl größer und die Leute somit leichtsinniger, viele würden deshalb auf Abstand und Maske verzichten – etwa, wenn sie Bekannte auf dem Parkplatz des Supermarktes treffen, nannte Köpping als Beispiel. Fest steht, dass ein Großteil der Infizierten sich im engen Haushaltsumfeld oder bei Feiern im Familien- und Freundeskreis ansteckt.

Kirchliche Feiern in sorbischen Dörfern

Wer aus voller Seele singt, kommt in Corona-Zeiten mit den üblichen anderthalb Metern Abstand nicht aus. Eine zwischenmenschliche Distanz von sieben, acht Metern, die beim kräftigen Singen in der Kirche nötig wäre, ist aber nicht praktizierbar. Deshalb haben sich Gottesdienste mit vielen Menschen auf engem Raum zu einem Verbreitungsherd entwickelt und in den sorbischen Dörfer im Oktober und November die Infektionszahlen in die Höhe schnellen lassen. Firmungen, die im ersten Lockdown auf den Herbst verschoben wurden, sowie Hochzeiten und Kirchweihfeste in den Gemeinden haben die Entwicklung verschärft. Dabei haben die Sorben nicht einmal gegen die im Herbst geltenden Regeln verstoßen. Inzwischen sind selbstkritische Töne zu hören. Das Bistum Dresden-Meißen hat inzwischen von Einschränkungen bei Gottesdiensten angeordnet.

Grenznähe zu Risikogebieten

Im Frühjahr gab es in Polen und Tschechien kaum Fälle. Nun gehören beide Länder zu den Hotspots in Europa. Als erste Region in Sachsen ist das Erzgebirge zum Corona-Risikogebiet erklärt worden. Die Kommunen direkt an der Grenze waren im Oktober stärker betroffen als andere im Kreis. Ein Grund: der Grenzverkehr. Der Anteil der Grenzpendler ist sowohl in den Landkreisen Görlitz, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge als auch im Erzgebirgskreis hoch – unter anderem in der Gastronomie und im Gesundheitswesen. Erst Mitte November hat Sachsen den „kleinen Grenzverkehr“ in den Nachbarländern ausgesetzt. Einkaufs- oder Tankfahrten sind seitdem nicht mehr von der Quarantänepflicht ausgenommen. Dass die Grenznähe eine Rolle spielt, lässt sich auch in Ostbayern an der Grenze zu Tschechien beobachten.

Skepsis gegen staatliche Maßnahmen

Die Mehrheit der Sachsen befürworte die Corona-Maßnahmen und halte sich an die Regeln, heißt es vom Sozialministerium. Trotzdem wurden in vielen Bereichen die Kontrollen verstärkt. Denn Verschwörungstheorien und Protestbewegungen stoßen auch im Freistaat auf Interesse. „In der Oberlausitz gebe es in beachtlichen Bevölkerungskreisen eine Grundskepsis gegen staatliche Maßnahmen und Institutionen“, sagt Raj Kollmorgen, Professor für Soziologie an der Hochschule Zittau-Görlitz. Das habe auch mit Erfahrungen des Strukturwandels in den 1990er-Jahren zu tun.

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Hinzu kommt die Nähe zur AfD, die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie ablehnt und auch die „Querdenken“-Bewegung unterstützt. In den betroffenen Regionen war die Zustimmung bei der letzten Landtagswahl für die rechtspopulistische Partei besonders hoch. (mit SZ/sdn)

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