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Nach Corona: Mit Volldampf zurück ins Leben

Vier Wochen schwebt Nils Teichert wegen Corona zwischen Leben und Tod. Währenddessen erlebt seine Familie eine Welle der Solidarität.

Gerade einmal drei Tage ist Nils Teichert aus der Reha zurück - und schon geht es hinab ans Elbufer, um seinen geliebten Dampfern zuzuwinken.
Gerade einmal drei Tage ist Nils Teichert aus der Reha zurück - und schon geht es hinab ans Elbufer, um seinen geliebten Dampfern zuzuwinken. © Jürgen Lösel

Dresden. "Ahoi! Ahoooi!" Mit beiden Armen winkt Nils energisch der "Leipzig" zu, die auf der Elbe vorbeidampft. Er reißt den Hut vom Kopf, schwingt ihn durch die Luft, performt eine Ein-Mann-La-Ola-Welle. Der Raddampfer reagiert mit einem lauten Pfeifen, extra für ihn.

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"Wir waren uns zwischenzeitlich sicher: Er kommt nicht mehr wieder", sagt Matthias Lugenheim. Wie Nils gehört er der Fachgruppe Elbeschiffahrt an und trifft ihn an diesem Samstagvormittag mit seiner Familie am Blasewitzer Elbufer. "Die ganze Flotte hat Anteil an Nils' Schicksal genommen. Corona ist für uns jetzt personifiziert in Nils."

"Da kommt die 'Diesbar' um die Ecke!", ruft Nils seiner Frau und den beiden Kindern zu. Mit der großen Fahne der Sächsischen Dampfschiffahrt stehen sie einige Schritte hinter ihm am Elbhang. Am liebsten würde Nils vor Freude hüpfen, so scheint es, doch die Bewegungen wirken ein wenig eingerostet, die Beine für einen 50-Jährigen unnatürlich dünn.

Den bunt geschmückten Rollator wird Nils wohl schon bald nicht mehr brauchen.
Den bunt geschmückten Rollator wird Nils wohl schon bald nicht mehr brauchen. © www.loesel-photographie.de

Überlebenschance von 50 Prozent

Immer wieder hält er sich mit einer Hand an dem Rollator fest, der neben ihm auf dem Bootsanleger steht. Geschmückt mit bunten Luftballons, einer Deutschland-Girlande und einem Papp-Nummernschild. "Eigentlich brauche ich den nicht", sagt er. Die 800 Meter von seinem Haus zu Fuß hinunter zum Elbufer, um die Flottenparade zu sehen, hatte er sich als Test fest vorgenommen. Gerade einmal den dritten Tag ist er von der Reha daheim, das Laufen geht schon wieder ganz gut, über Absätze und Bordsteine helfen ihm Ehefrau Christiane und Sohn Konstantin. Lässt sich Nils daheim auf die Couch fallen, kommt er nur mit Hilfe der Hände wieder hoch.

Nils macht Witze wie: "Ich hatte eine Überlebenschance von 50 Prozent. Wenn du das vor den Spiegel legst, sind es hundert Prozent." Durch das helle Wohnzimmer der Teicherts ranken sich bunte Girlanden, an der Wohnungstür prangt ein gelbes Plakat: "Willkommen, liebster Papa!" Von der Dachgeschosswohnung fällt der Blick direkt auf den Dresdner Fernsehturm. Vier Monate hat Nils diesen Blick nicht mehr gesehen.

Es war ein emotionales Wiedersehen: Nach vier Monaten Krankenhaus und Reha kehrte Papa Nils Anfang Juli wieder nach Hause zurück.
Es war ein emotionales Wiedersehen: Nach vier Monaten Krankenhaus und Reha kehrte Papa Nils Anfang Juli wieder nach Hause zurück. © www.loesel-photographie.de

Ganze Familie mit Corona infiziert

Wenn Papa und Mama davon erzählen, wie die Ärzte auf der Corona-Intensiv-Station am Dresdner Uniklinikum um das Leben von Papa Nils gekämpft haben, hört der zwölfjährige Konstantin gebannt zu. Als Nils im Koma lag, lasen ihm Mama Christiane und Sohn Konstantin per Telefon täglich eine Stunde lang Zeitungsartikel vor, erzählten ihm von ihrem Alltag und sprachen ihm Mut zu. An nichts davon erinnert sich Nils. Die Ärzte meinten aber, die Stimme der beiden senke seinen Stresslevel, sagt Christiane. "Selbst Serafina, unsere vierjährige Tochter, fing im Kindergarten irgendwann an, von Koma zu reden, auch wenn sie nicht verstand, was das ist." Sie hofft, sagt sie, dass Serafina das Erlebte einfach wieder vergisst.

Besonders jene Nacht vom 18. März, in der Nils ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sein Körper war so schwach geworden, er kämpfte so schwer um Luft, dass er nicht mehr leben wollte. Nils, der schon in Equador und auf den Galapagos-Inseln schwimmen war und sich für nichts so sehr interessierte wie die Dresdner Weiße Flotte. Um ein Uhr nachts rief seine Ehefrau den Notdienst. "Es war eine unfassbare Szene, wie er aus dem Schlafzimmer hier hervorgebracht wurde. Unten ist er dann ohnmächtig geworden." Zwei Tage später schreibt ihr Nils aus dem Uniklinikum eine SMS: "Es sieht nicht gut aus. ITS (Intensivstation) droht sofort."

Auch Christiane und ihr Sohn Konstantin werden eine Woche später ins Krankenhaus eingeliefert. Vermutlich hatte sich Tochter Serafina im Kindergarten mit Corona infiziert und die gesamte Familie angesteckt. Ihre Infektionen verlaufen mild, sie dürfen nach drei Tagen wieder nach Hause. Doch bei Papa Nils geht es plötzlich bergab.

Vier Wochen an der künstlichen Lunge

Nach elf Tagen im Uniklinikum verstopft ein Blutgefäß seiner Lunge, die durch Corona ohnehin schon schwer geschädigt ist, er erleidet eine Blutvergiftung und eine bakterielle Lungenentzündung. "Es war der schlimmste Albtraum für mich", sagt Christiane. Die Ärzte entlasten Nils' Lunge und schließen ihn an eine der zwölf verfügbaren Ecmo-Maschinen an, die dem Blut außerhalb des Körpers Sauerstoff zuführt und es austauscht. Es ist die letzte Hoffnung, die Ultima Ratio, um der angegriffenen Lunge eine Chance auf Regeneration zu geben.

Während dieser Zeit ruft Christiane dreimal täglich im Uniklinikum an. "Ich kann heute gar nicht verstehen, wo die Schwestern immer die Zeit für mich hergenommen haben, aber ich konnte jederzeit bei ihnen anrufen." Sie fleht die Ärzte an, alles zu tun, um das Leben von Nils zu retten. Fast vier Wochen lang schwebt Nils zwischen Leben und Tod.

Freunde helfen, wo es nur geht

"Es haben bei mir ständig Freunde angerufen, die mir Hilfe angeboten haben", erzählt Christiane. "Das Reden hat mich so gut davon abgelenkt, ständig über Nils nachzudenken." Die Mitglieder der Flotten-Fachgruppe und weitere Freunde stellen daheim Kerzen für Nils ins Fenster. Nachts verfolgen Christiane die Ängste: Wird heute Nacht das Telefon klingeln? Ist es dann vorbei mit ihm?

Am 23. April ist Besserung in Sicht. Die Schwestern drücken es vorsichtig aus: "Wir bewegen uns zwischen Leben und Tod. Aber ihr Mann bewegt sich eher zum Leben." "Ich wollte nicht, dass die Ecmo-Maschine abgestellt wird", sagt Christiane. "Ich wusste ja nicht, ob er wieder eine kriegen würde, wenn es wieder bergab ginge. Es gab ja nur zwölf."

Nils erinnert sich an den Tag, an dem er vom Uniklinikum auf die Intensivstation in die Reha-Klinik nach Kreischa verlegt wird - ein Schritt Richtung Heilung. Als er in den Krankenwagen verladen wird, stehen Christiane, Konstantin und Serafina an der Tür des Wagens und winken ihm zu. Es ist das erste Mal, dass sich die Teicherts als ganze Familie wiedersehen dürfen, wenn auch nur für einen Moment. Danach erinnert sich Nils erst einmal an nichts mehr.

"Hätte nie gedacht, dass Corona uns treffen könnte"

Ein dicker, schwarzer Fleck am Hals erinnert heute noch an die Zeit, als zwei Schläuche von dort bis in Nils' Lunge reichten. "Ich hätte nie gedacht, dass Corona uns so treffen könnte", sagt Christiane. "Aber was ist das für eine Leistung, das Leben eines Menschen zu retten? Auf die Ärzte konnte man sich immer hundert Prozent verlassen, ich weiß nicht, wie wir uns bei ihnen bedanken sollen. Aber wir werden einen Weg finden."

Die Bewegungen sehen noch etwas unbeholfen aus, aber die 800 Meter hinab zum Elbufer klappen schon reibungslos. Familie Teichert: Sohn Konstantin (12), Papa Nils (50), Tochter Serafina (4) und Mama Christiane (48).
Die Bewegungen sehen noch etwas unbeholfen aus, aber die 800 Meter hinab zum Elbufer klappen schon reibungslos. Familie Teichert: Sohn Konstantin (12), Papa Nils (50), Tochter Serafina (4) und Mama Christiane (48). © www.loesel-photographie.de

Vor dem Treffen am Elbufer hatte Christiane noch angekündigt, dass sie im Auto neben ihrem Ehemann her hinunter zum Elbufer fahren wollte. "Ich wusste ja nicht, wie sehr er bei Kräften ist, wenn er zurückkommt. Die Flottenparade zu sehen, das hatte sich Nils unverhandelbar in den Kopf gesetzt, während er in der Reha in Kreischa wieder lernte, zu laufen. "Ich wusste ja nicht, wie sehr er bei Kräften ist, wenn er zurückkommt."

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"Es muss zwar noch etwas runder werden, aber für mich geht es jetzt mit Volldampf zurück ins Leben", sagt Nils und grinst. Gleich am Nachmittag geht es mit dern Kindern ins Kino, wieder zu Fuß. "Hoffentlich übernimmt er sich nicht", sagt Christiane - welche langfristigen Schäden Nils mit sich trägt, ist noch völlig unklar. In zwei Wochen startet Nils in eine weitere, ambulante Reha. Wenn alles gut geht, will er im Herbst wieder arbeiten gehen.

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