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Ostern lässt hoffen - aber worauf?

Manchmal geht es einem wie dem nörgelnden Kleinkind beim Sonntagsspaziergang, das dauernd fragt: Wann sind wir denn da?

Trost und Hoffnung werden seit mehr als einem Jahr arg strapaziert.
Trost und Hoffnung werden seit mehr als einem Jahr arg strapaziert. © dpa

Wenn das Oberbüro die Länderchefs ruft, eilen sie flink herbei. Sie diskutieren bis weit nach Mitternacht. Es zieht sich hin, bis sie eine Entscheidung fällen. Einige werden überstimmt und sind sauer. Kaum zu Hause angekommen, ignorieren sie den gemeinsam gefassten Beschluss und setzen ihre eigene Auffassung durch. Die Anhänger jubeln. Das Oberbüro droht mit Strafe.

So ereignet es sich im Jahr 325. Der römische Kaiser Konstantin bittet nach Nicäa zum ersten ökumenischen Konzil der christlichen Kirche. Seine Sommerresidenz liegt an einem See im Nordwesten der heutigen Türkei. Er trägt die Spesen für Kost und Logis, denn die 318 Bischöfe reisen analog an mit Postwagen oder Schiff. Sie sollen sich einigen. Das ist der Zweck der Einladung. Nach zwei Monaten und zwölf Tagen endet der Streit in einem Glaubensbekenntnis, dass Christus dem Gottvater „wesensgleich“ sei. Nicht jedem Kirchenführer erscheint der Kompromiss zumutbar. Der Ärger geht weiter. Der Vertreter der überstimmten Partei wird verbannt. Der Kaiser erweist sich als knallharter Machtpolitiker.

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Bemerkenswert aber ist etwas anderes. Am Rand dieses Treffens wird eine Faustregel für Ostern gefunden. Der genaue Wortlaut des Schreibens ist nicht erhalten, aber doch so viel: Das Fest soll am ersten Sonntag nach dem Vollmond im Frühling gefeiert werden. Obwohl die Demokratie bereits in der Welt ist, wird das Volk auch bei dieser Regelung nicht gefragt. Aber weil es gern feiert, fügt es sich und färbt fortan Freilandeier nach der bekannten DDR-Losung: Nimm ein Osterei mehr. Allerdings erweist sich die Datenlage in Nicäa als unsicher. Man weiß noch zu wenig über den Vollmond. Die strukturellen Schnittstellen zur Astronomie fehlen. Experten tun, was sie immer tun, sie warnen und fordern alternativloses Nachbessern. Weil der astronomische Frühlingsanfang variiert, variiert auch das Datum des Osterfestes im Gregorianischen Kalender zwischen Ende März und Mitte April.

Nicht-Christen bleibt Hoffen pur

Mit diesem Hin und Her leben Menschen seit ungefähr 1.696 Jahren. Und während sie sich sonst an vieles gewöhnen und brav an der roten Ampel um Mitternacht warten, obwohl weit und breit kein Auto anrollt – Ungewissheit ist ihnen verhasst. Sie lähmt und ängstigt und macht manchen misstrauisch und einige richtig krank. Wenn sich Menschen verunsichert fühlen, hat das Gründe. Die Verunsicherung wächst exponentiell mit einem möglichen Risiko. (Wer dreimal fehlerfrei exponentiell sagt, darf sich was wünschen.)

Handfeste Sorgen kommen hinzu, Sorgen, die sich beziffern lassen als Mietrückstand, Einkommensverlust oder Schuldenlast. Ganz zu schweigen vom Inzidenzdings. Da mag es für Christen ein großer Trost sein, dass nach dem Leiden die Hoffnung kommt, nach der Kreuzigung die Auferstehung, weil das eine zum anderen gehört. Deshalb gibt es das Osterfest.

Das deutsche Grundgesetz schützt die „Tage der seelischen Erhebung“ ebenso wie den Sonntag. Es war Kaiser Konstantin, der den Sonntag als Feiertag eingeführt hat. Historiker bezweifeln übrigens, dass der Imperator wirklich zum gläubigen Christen wurde. Nicht-Christen bleibt Hoffen pur – auf Ostereier, Osterhasen und Osterlamm. Wer sich zum Brunch nichts ins Freie traut, darf eine nachhaltige Wolldecke in die Stube legen und dort servieren.

Die Ratgeberliteratur liefert noch mehr solche Tipps. Empfohlen wird eine Merkliste für Verstecke. Denn es wäre besser, wenn sich die Schokolade in der Waschmaschine rechtzeitig finden ließe. Sicher ist sicher. Ob sich Christen und Atheisten beim Abschluss von Versicherungen unterscheiden oder beim Tragen von Fahrradhelmen, wäre ein interessantes Forschungsthema.

Humor kann helfen

Trost und Hoffnung werden seit mehr als einem Jahr arg strapaziert. Noch eine Frist und noch eine. Manchmal geht es einem wie dem nörgelnden Kleinkind beim Sonntagsspaziergang, das dauernd fragt: Wann sind wir denn da? Bald, antworten die genervten Eltern. Sie versprechen ein Eis bei der Ankunft und, wenn das nicht hilft, das Blaue vom Himmel. Aber wann ist bald? Nur noch dreimal Lockdown, dann ist Weihnachten, sagt Otto, der Komiker. Humor kann helfen. Schwarzer Humor hilft unbedingt. Oder ein Stapel Krimis oder ein langes Telefonreden mit einem vertrauten Menschen. Manchmal reicht es schon, zu spüren: Da wäre jemand, der beim Frustaushalten mithilft.

Jeder hat wohl inzwischen eine eigene Methode gefunden, damit der Rohstoff Hoffnung nachwächst. Der eine trampelt eine Spurrinne bis in das nächste Waldstück. So viel Zeit, um Bäumen beim Wachsen zuzusehen, kommt nie wieder. Der andere lernt endlich das Kleingedruckte in den Katalogen für Fernreisen zu verstehen. Vielleicht kann man das irgendwann doch mal gebrauchen.

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Wieder andere nutzen die eventfreie Zeit, um die achtzig Dia-Kästen der Familie einzuscannen. Das gucken wir uns später alle zusammen an, wenn wir alle wieder zusammen sein dürfen. Die meisten Vorhaben bleiben im Stadium des Vorhabens stecken. Das dürfen sie ruhig. Aber man hat wenigstens einmal darüber nachgedacht. Der Philosoph Peter Sloterdijk erzählt, dass er sich auf seine alten Tage ein Trampolin gekauft hat. Da kann man nur toi, toi, toi wünschen.

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