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Astrazeneca: Was der Stopp für Sachsen bedeutet

Die Corona-Impfkampagne ist in Sachsen fast zum Erliegen gekommen. 13 wichtige Fragen und Antworten - von abgesagten Terminen bis Zweitimpfungen.

Auf diesem Impfstoff ruhen große Hoffnungen. Sieben Thrombose-Fälle bremsen die Impfmaschinerie aus.
Auf diesem Impfstoff ruhen große Hoffnungen. Sieben Thrombose-Fälle bremsen die Impfmaschinerie aus. © Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa

Der Corona-Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers Astrazeneca wird vorläufig nicht mehr eingesetzt. Die SZ erläutert die Gründe für die überraschende Entscheidung und deren Folgen.

Warum stoppt die Regierung das Impfen mit Astrazeneca?

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Mehrere größere EU-Staaten hatten Anfang März entschieden, das Impfen mit dem Mittel des Herstellers Astrazeneca auszusetzen. Sie sahen Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff und einigen Todesfällen. Noch vorigen Freitag kritisierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diese Entscheidung. Der Nutzen sei „mit dem, was wir bisher wissen“, bei weitem höher als das Risiko, sagte er. Drei Tage später setzte er auf Empfehlung des deutschen Paul-Ehrlich-Instituts ebenfalls die Impfungen mit Astrazeneca aus. Sieben Fälle einer speziellen Form von Thrombose waren der Anlass.

Wie bedenklich sind die Vorfälle, um die es hier geht?

Von den sieben bekannt gewordenen Fällen sind drei tödlich verlaufen. Die Betroffenen sind Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Ob Astrazeneca tatsächlich die Ursache war, ist bisher unklar. Die Betroffenen erlitten Sinusvenenthrombosen. Dabei treten Blutgerinnsel in einer Gehirnvene auf. Zentrales Symptom sind Kopfschmerzen. Erkrankte können zudem epileptische Anfälle, Lähmungen und Sprachstörungen bekommen. Bei bisher 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland entsprächen sieben Fälle etwa vier Fälle pro einer Million Geimpfter. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, sagte, diese Form der Thrombose sei zwar selten, trete aber regelmäßig auf. Pro Jahr wird sie unter 100.000 Einwohnern einmal diagnostiziert.

Gibt es ähnliche Vorfälle auch in Sachsen?

Nach allem, was bisher bekannt ist, nicht. Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden, sagte am Dienstag, von den 3.800 geimpften Mitarbeitern seines Krankenhauses seien keine schweren Nebenwirkungen bekannt geworden.

Was müssen Patienten beachten, die bereits Astrazeneca bekommen haben?

Geimpfte haben nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts nichts mehr zu befürchten, wenn ihre Impfung 16 Tage zurückliegt. Davor sollte man einen Arzt aufsuchen, wenn man sich noch mehr als vier Tage nach der Impfung unwohl fühlen sollte, etwa mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen.

Wie lange könnte die Untersuchung dauern?

Die EU-Arzneimittelbehörde Ema will bereits am Donnerstag eine Einschätzung zu möglichen Risiken und zur weiteren Verwendung abgeben. Die Behörde hält den Nutzen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca bis zum Abschluss der laufenden Untersuchungen für größer als die Gefahren. Solange die Untersuchungen andauerten, sei man entschieden überzeugt, dass die Vorteile des Impfstoffs bei der Verhinderung von Covid-19 das Risiko überwögen, bekräftigte Ema-Chefin Emer Cooke. Wenn man Millionen Menschen impfe, sei es unausweichlich, dass man seltene oder ernsthafte Vorkommnisse von Erkrankungen habe, die nach der Impfung auftreten. Die Ema prüfe, ob dies tatsächlich eine Nebenwirkung sei oder Zufall.

Stoppen alle Länder in Europa den Einsatz dieses Serums?

Nein. Großbritannien, das bereits fast zehn Millionen Astrazeneca-Dosen verimpft hat, lässt sich von den Entscheidungen der EU-Länder nicht beeindrucken und nutzt den Corona-Impfstoff von Astrazeneca weiter. Gleiches gilt für Österreich und Belgien, auch Finnland wartet ab.

Welche Folgen hat der vorläufige Stopp des Einsatzes von Astrazeneca?

Die Folgen für die Impfkampagne sind verheerend. Betroffen ist der Hersteller, der derzeit die größten Mengen des weltweit nachgefragten Impfstoffs liefert. In Sachsen fallen nun 47.500 Impftermine aus. Von 71.000 Impfdosen des Herstellers waren 35.000 verplant. 12.500 Portionen sollten allein die 39 Hausärzte bekommen, die in einem landesweiten Modellprojekt ihre Patienten versorgen sollten. Der Vogtlandkreis, der wegen hoher Infektionszahlen alle Bürger unabhängig von Alter und Vorerkrankung impfen darf, muss ebenfalls die Versorgung aussetzen. Dort waren 14.000 Impfungen pro Woche mit Astrazeneca geplant. Die Impfbusse in ländlichen Regionen können ebenso nicht fahren.

Müssen diejenigen, die eine Terminzusage hatten, neu buchen?

Das steht noch nicht fest. Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) sagte am Dienstag, sie könne nicht zusagen, dass jeder, der bereits einen Termin für eine Impfung mit Astrazeneca hatte, automatisch Nachricht über einen neuen Termin erhalte. Es werde derzeit geprüft, ob es möglich sei, gebuchte Termine einfach zeitlich nach hinten zu schieben. Köpping: „Es ist ein wahnsinniger logistischer Aufwand.“

Fallen nun alle Termine in den Impfzentren aus?

Nein. Die Zweitimpfungen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer gehen wie geplant weiter. Neue Impftermine mit Biontech können derzeit nicht vergeben werden, obwohl weitere Mengen geliefert werden. Sie müssen komplett für Zweitimpfungen eingesetzt werden, um den Zeitabstand zwischen den beiden Impfungen einzuhalten, sagte Köpping. Die Impfzentren werden deshalb auch nicht geschlossen, aber der Betrieb wird notgedrungen gedrosselt. Pläne, die Kapazitäten dort zu verdoppeln, müssen allerdings vertagt werden. Für die Impfkampagne sei dies ein enormer Rückschlag.

Ist es ratsam, Patienten unterschiedliche Impfstoffe zu geben?

Professor Albrecht sagte, es gebe Befürworter. Er selbst sei skeptisch und rate davon ab, bei der zweiten Impfung ein anderes Serum einzusetzen als bei der ersten. Die Hersteller arbeiteten mit unterschiedlichen Wirkprinzipien.

Welche Folgen hat der Stopp für die, die eine Erstimpfung erhalten haben?

Menschen, die nach einer ersten Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff wegen des vorläufigen Stopps keine zweite Dosis erhalten, müssen sich nach Ansicht von Experten keine Sorgen um fehlenden Immunschutz machen. „Nach allem, was wir wissen, ist es nicht problematisch, die zweite Impfung aufzuschieben“, sagte Stefan Kaufmann, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. „Wir haben wenig Erfahrung, was die Dauer des Impfschutzes anbelangt, weil die Studien dazu ja gerade abgeschlossen sind. Mindestens sechs Monate sollte der nach der ersten Impfung aufgebaute Schutz aber halten.“ Schon nach dem ersten Termin bestehe hoher Schutz vor einem schweren Verlauf.

Wie viele Menschen haben in Sachsen eine Corona-Schutzimpfung erhalten?

Stand Montag beträgt die Quote der Erstimpfungen 7,8 Prozent. Nach einem schleppenden Start werden inzwischen täglich rund 10.000 Dosen für Erst- und Zweitimpfungen verimpft. Bei der Immunisierung der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen ist Sachsen laut Gesundheitsministerium weit voran gekommen.

Kann Biontech/Pfizer die Lücke füllen, die nun entstanden ist?

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Köpping zufolge weichen die tatsächlichen Liefermengen häufig von den Ankündigungen der Hersteller ab. So hatte Astrazeneca vorige Woche 80.000 Dosen avisiert, aber nur 20.000 seien in Sachsen angekommen. „Da sind die Hindernisse und Wirrnisse, mit denen wir leben müssen“, sagte Köpping am Dienstag. Die Europäische Union teilte mit, sie könne von Biontech/Pfizer kurzfristig im zweiten Quartal weitere zehn Millionen Dosen bekommen. Damit seien von diesem Hersteller für die Zeit von April bis Juni insgesamt 200 Millionen Impfdosen für die 27 EU-Staaten zu erwarten. (SZ/lot/dpa)

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