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Corona: Der Kopf hinter der Schauspieler-Aktion

Zoff allenthalben: Die Coronapolitik-Kritik von #allesdichtmachen strauchelt über die Tücken der Satire und ihren mutmaßlichen Initiator.

Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann (45) gehört zu den Initiatoren von #allesdichtmachen. Er ist von Anfang an ein Kritiker der Corona-Politik und textete in einem Song: „Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch."
Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann (45) gehört zu den Initiatoren von #allesdichtmachen. Er ist von Anfang an ein Kritiker der Corona-Politik und textete in einem Song: „Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch." ©  AP/dpa

Auf manche Dinge ist eben Verlass: Die Aktion #allesdichtmachen, in der 53 Schauspielerinnen und Schauspieler per Video satirisch die Corona-Politik der Bundesregierung kritisieren, wurde zuverlässig zu dem Debatten- und Streitthema dieser Tage. Dafür sorgt aufgrund der Prominenz vieler Beteiligter der Aufschlag selbst, nicht minder die Vielzahl an Reaktionen darauf, die teilweise ähnlich über das Ziel hinausschießen. Das reicht von vereinzelten üblen Beschimpfungen bis zur inzwischen wieder zurückgezogenen Forderung eines Mitglieds – von mehreren Hundert – des ARD-Rundfunkrats, die Öffentlich-Rechtlichen sollten ihre Zusammenarbeit mit den Beteiligten „schnellstens beenden“.

Dies und die rasch eskalierte Debatte, auch durch teils heftigen Widerspruch von Kolleginnen und Kollegen der 53 Beteiligten, haben #allesdichtmachen schnell zur Größe eines veritablen Eklats anschwellen lassen. Nicht zuletzt, weil durch seinen Schub die üblichen Falschinformationen wieder aufleben, es gebe erstens sonst keine öffentliche Kritik an und keine Debatten über die Angemessenheit der Corona-Maßnahmen, und zweitens würden alle Kritiker sofort, von allen und sämtlichst als „Nazis“ bezeichnet.

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"Steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch"

Der Eklat hat eine zusätzliche heikle Dimension dadurch bekommen, dass bislang ein knappes Drittel der Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Videos wieder zurückgezogen und sich von der Aktion distanziert haben. Offenkundig wussten viele von Ihnen nicht, welchen Charakter #allesdichtmachen insgesamt annehmen würde, weil sie nicht alle Videos vorher kannten. Das wirft erneut die Frage auf, wer hinter der Aktion steckt. Technisch organisiert hat sie der Filmproduzent Bernd K. Wunder. Dem NDR erzählt er, neben den Schauspielern Jan Josef Liefers und Volker Bruch sei Dietrich Brüggemann Hauptinitiator von #allesdichtmachen gewesen. Der Regisseur und Autor ist durch die Stuttgarter „Tatorte“ bekannt sowie durch seine Kinokomödie „Heil“, in der er sich gleichermaßen und erfrischend tabulos über Nazis, Antifa-Aktivisten und die Medienlandschaft lustig macht.

Dietrich Brüggemann gehört zu den Corona-Maßnahmen-Kritikern der ersten Stunde. Laut dem Rechercheportal netzpolitik.org attestierte er der Regierungspolitik bereits im März 2020 „gelegentlich totalitäre Züge“ und stellte die Schutzmaßnahmen pauschal infrage. Mit seinem Musikprojekt Noisy Nancy veröffentlichte der 45-Jährige einen Song, in dem es heißt: „Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Maskenpflicht in den Arsch, steckt eure Abstandsregeln in den Arsch, steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch.“ In verhaltenerem Duktus beklagt Brüggemann, „dass unsere ganze Gesellschaft in einer Art Kriegszustand sein muss, in der die gesamte Zivilgesellschaft strammzustehen hat“.

Jan Josef Liefers denkt inzwischen über die Aktion, "dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist“.
Jan Josef Liefers denkt inzwischen über die Aktion, "dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist“. ©  Archiv/dpa

"Ihr seid ein Lynchmob. Ganz einfach.“

Dass sich manch Beteiligter an der Aktion von Dietrich Brüggemann rückblickend unterinformiert fühlt, mag damit zusammenhängen, dass er sie faktisch umcodiert und ein ganz anderes Hauptziel nennt als das, was er den Mitmachenden vorher genannt hatte: „#allesdichtmachen ist viel weniger Kritik an den Maßnahmen und der Regierung als an genau denen, die jetzt laut und entrüstet bellen. Ein voller Erfolg also“, twitterte er. Die entrüsteten „Beller“ nennt er „irgendwie ein bisschen faschistoid“, und schießt zurück: „Ihr seid ein Teil des Schlimmsten, was die Menschheit hervorgebracht hat: Ihr seid ein Lynchmob. Ganz einfach.“

Stilistisch weniger drastisch, vielmehr im ironischen Stil der Aktion selbst steht auch Jan Josef Liefers in der Kritik. Unter dem Schlüsselwort #DankeJanJosef-Liefers wird dem Schauspieler ebenso satirischer wie teils ebenso zynischer „Respekt“ für sein Engagement gezollt: für sein angebliches Verächtlichmachen von Intensiv- und Pflegepersonal oder von Corona-Toten beziehungsweise dafür, dass er diese Auslegungsmöglichkeit von #allesdichtmachen gerade vonseiten Betroffener nicht bedacht habe. Doch viele Kommentierende meinen ihren Respekt ganz unironisch. „#DankeJanJosefLiefers und Respekt für alle anderen Künstler, die standhaft bleiben“, heißt es da etwa. Oder „#DankeJanJosefLiefers für deinen Mut“. Aber auch: „Nee, sorry, der ist schon halb zurückgerudert … Keine Solidarität mit diesem Heuchler.“

Es gibt „keine Partei, der ich ferner stehe als der AfD“

Als „Heuchler“ gilt Liefers diesem Kommentator offenbar, weil er unmittelbar nach dem Eintreffen der ersten Kritik an der Aktion klargestellt hatte: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück.“ Es gebe „keine Partei, der ich ferner stehe als der AfD“. Das gelte auch „für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte“. Inzwischen hat Liefers im NDR obendrein eingeräumt, „dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist“. Jedoch gebe es „nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten“. Gleiches gelte für kritische Meinungen in „den Medien“. Über den Wahrheitsgehalt seiner Vermutungen kann sich jeder durch eine kurze Recherche in der Suchmaschine Google unter „News“ und den einschlägigen Stichworten rasche Aufklärung verschaffen.

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Letztlich ist #allesdichtmachen über mehrere Steine ins Straucheln geraten. Zum einen durch die Agenda ihres Organisators Brüggemann, deren Radikalität den meisten Mitwirkenden ebenso wenig bekannt gewesen sein dürfte wie das tatsächliche Ausmaß sowie diverse Inhalte der Aktion. Aber vor allem durch das bestenfalls naive Ignorieren der Tatsachen, dass Satire und Ironie zwar legitime Mittel für legitime Kritik sind, jedoch nicht minder auch missverständlich und verletzend aufgefasst werden können. Gerade angesichts der Sensibilität ihres seit über einem Jahr höchst emotional aufgeladenen Themas.

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