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Ein Lockdown auf gut Glück

Kein Mensch weiß genau, was jetzt das richtige Mittel wäre. Auch die Kanzlerin setzt auf eine kühne Hoffnung. Dabei sollte sie weniger Ängste schüren. Ein Leitartikel.

Peter Heimann hofft, dass sich die erwünschte Wirkung des Lockdowns hierzulande bis Ende November einstellt.
Peter Heimann hofft, dass sich die erwünschte Wirkung des Lockdowns hierzulande bis Ende November einstellt. © dpa

Der eigentlich sehr lebensfrohe und lebenskluge Psychotherapeut, Theologe und Buchautor Manfred Lütz hat gerade im Fernsehen ein verwirrendes Bekenntnis abgelegt. Er würde, sagte er voller Überzeugung, sogar eine Maske aufsetzen, wenn er allein im Wald spazieren ginge. Und zwar aus Respekt vor der Staatsordnung – wenn die eine generelle Pflicht beschließen würde. Das erinnert, zumindest die Älteren, an ganz früher. In der DDR gab es, wenn einem wieder etwas völlig unverständlich erschien, den ironisch-bissigen Standardsatz: Die Genossen werden sich schon was dabei gedacht haben. Nun ja. Absurdes gibt es wohl zu jeder Zeit und überall.

Leider ist die Corona-Gegenwart nicht gerade witzig. Auch wenn es lange so aussah, als hätte man die Pandemie nach anfänglicher Überraschung einigermaßen in den Griff bekommen, mit viel Glück, sprichwörtlich deutscher Disziplin, einem guten Gesundheitssystem, im Großen und Ganzen entschlossener Politik, noch gar nicht exakt überschaubaren menschlichen und auch ökonomischen Kollateralschäden – und unvorstellbar viel Geld. Vielleicht lag es vorrangig aber auch nur am sommerlichen Wetter, das viel Leben an frischer Luft im Freien ermöglichte. Wer weiß es schon ganz genau?

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Sicherer ist die Erkenntnis, dass es jedenfalls damit erst mal vorbei ist. Die Zahlen – Infektionen, Erkrankte, Kranhauseinweisungen, intensiv Behandelte, auch Verstorbene – steigen rapide. Exponentiell, was so schwer vorstellbar ist: Zuerst passiert scheinbar wenig, und dann geht alles plötzlich ganz schnell. Bis auf eine mitunter lautstarke, aber doch sehr überschaubare Minderheit ist sich das Land einig: So kann es nicht bleiben. Die Welle muss gebrochen, die Entwicklung gestoppt werden. Nur wie, ohne allzu viel anderen Schaden bei Menschen, in Kultur, Bildung oder Ökonomie auszulösen?

Apokalypse an die Wand gemalt

Angela Merkel war mal sehr zuversichtlich: „Wenn wir also am Anfang diszipliniert sind, werden wir es viel schneller schaffen, Gesundheit und Wirtschaft, Gesundheit und soziales Leben wieder gleichermaßen leben zu können.“ Gerade am Anfang könne man so vermeiden, von einem zum nächsten Shutdown zu wechseln, sagte die Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung – am 23. April. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Das Leben hat die Kanzlerin korrigiert.

Vielleicht hat die sonst doch eher Gelassenheit ausstrahlende Frau deshalb ihre Corona-Sprache zuletzt derart aufgerüstet: Unheil, Heimsuchung, Lockerungsdiskussionsorgien, Drohungen allenthalben. Ob es wirklich hilft, wenn man die Apokalypse an die Wand malt? Kann man nicht auch den Ernst der Lage vermitteln, ohne die Leute zu entmutigen oder gar zu ängstigen?

Nun also kommt, was es eigentlich gar nicht mehr geben sollte: ein weiterer Lockdown. Weite Teile des öffentlichen Lebens werden ins Koma versetzt. Gewiss: Den größten Erfolg, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, verspricht die Eindämmung unserer Kontakte. Die beschlossenen Maßnahmen sind nach den Worten der Kanzlerin in ihrer gestrigen zweiten Corona-Regierungserklärung „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“. Das ist eine ziemlich kühne Behauptung, die sie dann auch nicht wirklich nachvollziehbar begründete. Konnte sie auch nicht. Denn bei welchen Kontakten die Pandemie getrieben wird und bei welchen eher nicht, weiß in Wahrheit derzeit niemand. Die Gesundheitsämter können nämlich nur noch die Kontakte jedes vierten Infizierten nachverfolgen.

Kein Patentrezept

Bislang jedenfalls galten beispielsweise Restaurants oder Hotels mit ihren Hygienemaßnahmen als weitgehend sicher. Andererseits könnte man in und um Kitas und Schulen viel mehr Kontakte unterbinden. Konsequenterweise hätte man die aus epidemiologischen Gründen auch vier Wochen dichtmachen müssen.

Studien bewerten das Ansteckungsrisiko durch Kinder und Jugendliche jedenfalls sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es gute andere Gründe dafür, Schulen und Kitas offen zu halten. Hoffentlich kennt das Virus die auch. Auch wenn Gottesdienste oder der Profifußball ausgenommen sind, nährt das die Vermutung, dass nicht nur medizinische Gründe für die Auswahl sprachen.

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Ein Patentrezept gibt es offensichtlich nicht. Bleibt die Hoffnung, dass sich die erwünschte Wirkung hierzulande bis Ende November einstellt. Denn eine Strategie, wie es ansonsten weitergehen könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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