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Corona-Dilemma: Oma und Opa besuchen oder nicht?

Manche Eltern oder Großeltern drängen darauf, dass man sie über die Feiertage besucht. Ist das zu verantworten? Versuch einer Antwort.

Soll man Weihnachten zu den Eltern oder Großeltern fahren? Diese Frage stellen sich gerade viele Menschen.
Soll man Weihnachten zu den Eltern oder Großeltern fahren? Diese Frage stellen sich gerade viele Menschen. © dpa

Von Deike Diening

Gans zu dreien? Gans zu zweien? Oder Gans allein? Noch nie zuvor handelte man in dem pochenden Bewusstsein, dass eine Einladung zum Weihnachtsessen im schlimmsten Fall den Tod der Gäste einschließen könnte. Wahlweise den der Gastgeber. Gut möglich, dass wir in diesem Advent schwerer an unserer Verantwortung tragen als an den Weihnachtseinkäufen.

Sollte kurz nach den Feiertagen die Zahl der Corona-Infizierten in die Höhe schnellen, wissen wir schon jetzt: Es wird nicht daran gelegen haben, dass wir es nicht hätten ahnen können. Nein, wir werden es in Kauf genommen haben. Nicht, weil wir leichtsinnig gewesen sein werden, wie es immer so schnell heißt, sondern, weil wir Prioritäten gesetzt haben. Weil jede Familie die Gleichung mit den unbekannten Variablen anders gelöst hat.

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Auch Truthähne spüren die Veränderung

Weltweit wird Weihnachten 2020 ein in vieler Hinsicht abgespecktes Fest. Im nun von einer neuen Virus-Mutation geplagten Großbritannien kürzen sie den Truthähnen schon seit Oktober das Futter, damit sie nicht so zunehmen wie sonst. Denn dieses Jahr wird für kleinere Runden wohl nur schmales Federvieh verkäuflich sein. Wenn ihr eure Großeltern nächstes Jahr sehen wollt, mahnen sie auf der Insel, seht sie nicht in diesem Jahr! Auf dem Kontinent beschwört uns Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts: „Sie tun es auch für Oma und Opa!“

Schnell also muss eine erwachsene Entscheidung her: Wie kann man Weihnachten feiern und dann mit den Folgen – und zwar allen denkbar möglichen Folgen – hinterher auch leben? Wer trifft in Familien diese Entscheidung? Und für wen? Die, die immer entscheiden? Die, die am meisten gefährdet sind? Ja, kann man überhaupt abschätzen, wer am meisten gefährdet ist? Läuft das womöglich auf eine Diskriminierung übergewichtiger, älterer Männer heraus, die ausgerechnet aussehen wie der Weihnachtsmann persönlich? Entscheiden Eltern für die Kinder? Kinder für die Eltern? Eventuell auch gegen deren Wunsch? Und ab wann wird Fürsorge zum Übergriff? Alte Leute reagieren oft allergisch darauf, dass man sie „zu ihrem Besten“ an den Rand schiebt. Wiegt diese Kränkung schwerer als das Risiko? Wiegt Einsamkeit schwerer als eine mögliche Infektion?

Familien ringen mit Gefühlen - und Strukturen

Kurz vor dem Fest ringen noch viele Familien darum, wer für wen Verantwortung übernehmen kann. Sie ringen mit Argumenten und ihren Gefühlen und auch mit ihren Strukturen. Können die deutschen Reiseweltmeister jetzt noch verantworten, von Düsseldorf nach Datteln zu fahren? Würden die Argumente, die heute für die Einladung gelten, auch noch bei Eintritt aller Eventualitäten standhalten? Wen träfe im Zweifelsfall Schuld? Fragen wie diese erschüttern auch das Machtgefüge in Familien.

Weihnachten ist das Fest, in dem in Deutschland traditionell auch die Familienverhältnisse austariert werden. Schon ohne das Virus sind die Feiertage oft ein fragiles Konstrukt, beschwert von hohen Erwartungen und tiefen Enttäuschungen. Beschenkt und gekränkt rasseln viele in dieser verdichteten Zeit in die Familienkrise.

Monat der Eigenverantwortung

Dass die Jungen jedoch selbstständig werden und in dem Maße mehr Verantwortung übernehmen für ihre Eltern, wie die es weniger können, ist ja eine graduelle Sache, die das ganze Leben durchzieht: Meist richten die Kinder, noch bevor sie ausgezogen sind, ihren Eltern die Computer ein. Später legen sie ihnen nahe, dass sie besser nicht mehr Auto fahren, regeln die Versorgung bis hin zu Patientenverfügungen. In allen diesen Punkten wird der Wunsch der Älteren sichtbar, umsorgt zu sein – und zugleich die Angst vor potenzieller Bevormundung und Entmündigung.

Ausgelobt wurde schon der November als offizieller „Monat der Eigenverantwortung“. Diese sperrige Parole hatte einen etwas schrägen, sozialistischen Unterton. Auch klang es merkwürdigerweise so, als trüge man diese Verantwortung in anderen Monaten nicht. Kürzlich hat der RKI-Chef Wieler noch einmal den Druck erhöht: Wer sich infiziert, ließ er durchblicken, war zu unvorsichtig. Die Pandemie lebe nur von unserem Verhalten. Covid-19, sagte er, „ist eine vermeidbare Krankheit“.

Alles ist vermeidbar, wenn man alles unterbindet

Natürlich hat er recht, Covid-19 ist in der gleichen Art vermeidbar, wie auch Verkehrsunfälle vermeidbar sind, nämlich bei komplettem Verzicht auf Verkehr. So wie Alkoholsucht vermeidbar ist bei 100-prozentigem Alkoholverbot. Und so, wie Arbeitsunfälle vermeidbar sind bei völliger Eliminierung ihrer Voraussetzung: der Arbeit. So ist auch eine Covid-19-Infektion auszuschließen bei völliger Unterlassung von Kontakten.

Geimpft mit diesem Wissen, so die Hoffnung, mögen wir bitte selbsttätig die klugen Entscheidungen fällen, die uns die Regierung nicht zuzumuten gewagt hat. Nun sind wir andernorts gewohnt, keine totalen, sondern relative Entscheidungen zu treffen. Risiken nicht auszuschließen, sondern zu minimieren. Den sicheren Gewinn abzuwägen gegen einen möglichen Verlust.

Wir treffen gewohnheitsmäßig weitreichende Entscheidungen mit Auswirkungen auf das Leben der uns Anvertrauten, angefangen mit der ungeheuerlichen Entscheidung, einige von ihnen auf die Welt zu bringen. Wir entscheiden dann, ob sie geimpft werden, wann sie schwimmen lernen und ob wir mit ihnen an roten Ampeln stehen bleiben. Dort haben wir uns daran gewöhnt, dass bei vielen Entscheidungen ein Restrisiko bleibt. Überall kann es sich verbergen, und im Extremfall schließt es sogar ihren Tod mit ein. Nun also Corona.

Krieg, Schicksal, Isolation

Schon aus diesem Grund kann man die Entscheidungen letztlich nur selber fällen, unabhängig davon, was offiziell erlaubt ist: weil man ja auch die Folgen ganz persönlich trägt. Erziehungsberechtigte sind zugleich Erziehungsverpflichtete. Verantwortung ist Macht. Und es sind erstaunlicherweise gar nicht immer die Jungen, die nun darauf drängen, dass man sich zu Weihnachten trotz allem sieht. Die Älteren hängen daran, aus ganz verschiedenen Gründen.

Weil sie schon so viel anderes überstanden haben („Krieg!“), sagen sie, und dass ein Virus jetzt nun wirklich nicht mehr ins Gewicht falle.

Weil man bekanntlich nur einen Tod sterben kann, und wenn es dann dieser werden solle, sei es halt Schicksal.

Weil sie jetzt schon so viele Monate lang isoliert sind und auch Einsamkeit das Leben verkürzt.

Weil sie, nicht zuletzt in den Pflegeheimen, ohnehin das Gefühl haben, ihr Leben werde ihnen schon durch eine Hausordnung diktiert.

Und verblasst nicht für einige auch die Bedrohung durch das Virus vor anderen, quälenden, langjährigen Erkrankungen, an denen sie zum Teil jetzt schon leiden?

Eines von vielen Lebensrisiken

Viele haben längst beschlossen, die neuartige Krankheit, die uns noch so lange begleiten wird, als eines von vielen Lebensrisiken in den Alltag zu integrieren. Sie sind vorsichtig, sie wollen nicht unklug sein, und doch fühlen sie sich unwillkürlich düpiert von dem Ansinnen, dass sie die Abwägung nicht alleine treffen sollen.

In großem Maßstab beobachten wir diesen Widerspruch seit Beginn der Pandemie: einerseits der zunehmend lautere Widerstand gegen Regeln, und zugleich den Wunsch nach mehr Strenge und straffen Zügeln. Letzterer erklärt die große, auch zuweilen großartige Bereitschaft, politische Entscheidungen mitzutragen und Regeln zu befolgen, die in einer Umfrage nach der anderen bestätigt wird.

Entscheidende Mehrheiten tragen bereitwillig Masken, halten Abstand, ziehen ins Homeoffice, opfern Hochzeiten, verdrängen runde Geburtstage und halten, statt zu reisen, die Füße still. Neben aller Vernunft wird darin auch ein im Kern kindlicher Wunsch sichtbar: dass, wenn man nur artig ist, die Belohnung nicht ausbleibt. Dass dann alles gut wird. Dass man Freiheiten gegen Sicherheit eintauschen kann.

Statt sich selbst mit der Welt in all ihren Facetten und Konsequenzen auseinanderzusetzen, muss man dann nur noch mit denjenigen um die Regeln verhandeln, die diese Welt für einen verwalten. In diesem Fall sind es dann nicht mehr die Eltern, sondern die Regierenden. Und so wird die Auseinandersetzung in der Sache zum Teil durch einen Machtkampf mit Autoritäten ersetzt.

Man erkennt sie hier wieder, die risikoscheuen Deutschen, die sich nicht an Aktien trauen und im Zweifel überversichert sind.

Die richtigen Prioritäten

Der Gedanke einer Versicherung ist, dass einer dafür zahlt, dass jemand anders das eigene Risiko trägt. In den letzten Monaten waren viele einverstanden mit den Maßnahmen, zahlten also gerne den persönlichen Preis in dem Wissen, dass jemand Befugtes die Regeln aufgestellt hat. Die Verantwortung übernimmt. Jemand mit mehr Überblick.

Mit den hoffentlich richtigen Prioritäten. Und hat das nicht auch ziemlich gut geklappt in den vergangenen Monaten? Hat man nicht genau für solche Fälle die Leute gewählt mit all ihrer Expertise, dass sie sich ganztägig mit den Problemen beschäftigen, wie man es alleine niemals könnte? Es ist lange her, dass auf so breiter Front der Stich des Existenziellen in unsere wattierte Weihnacht drang.

Merkel: Physikerin und Pfarrerstochter

Vermutlich ist es nur die Kehrseite dieses kindlichen Verlangens, dass nun mit uns auch wie Kindern geredet wird: Wenn ihr schön brav seid, dürft ihr zu Jesu’ Geburtstag noch ein paar Kinderlein mehr einladen!

Das steht in erstaunlichem Kontrast zum Stolz auf die wissenschaftlichen Begründungen bislang. Zur Strategie, die auf Verstehen und Einsicht setzte. Bislang ist das Fest 2020 mit den in Aussicht stehenden Mini-Lockerungen eine von der Regierung genehmigte, mit Traditionen begründete Irrationalität. Man hat für Weihnachten die Regeln gelockert. Womöglich ist das epidemiologisch dumm.

Andererseits ist es zugleich die Verbeugung unserer obersten Physikerin vor der Tatsache, dass auch andere als rationale Gründe einen Menschen motivieren. Eine Anerkennung der Tatsache, dass auch in einer erwachsenen Physikerin noch immer die Pfarrerstochter stecken kann.

Wird sich Weihnachten nun als tödliche Falle entpuppen, die uns unsere eigene Sentimentalität gestellt hat, unsere Kultur, Nostalgie und Tradition? Eine potenziell tödliche Versuchung, angesichts derer wir es nicht schaffen, unsere Emotionen zu beherrschen und rational zu handeln?

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Zum Fest spricht nun eine Regierung, die neben der Sachebene auch auf der Beziehungsebene antworten will. Vielleicht muss. So wie nun in den Familien nach Art von Familien nicht nur auf der Sach-, sondern vor allem auf der Beziehungsebene entschieden wird. Werden muss. Wie alle Jahre wieder. Es ist eine große Gelegenheit, sich als erwachsen zu erweisen.

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