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Dresden: "Endlich können wir Hausärzte impfen"

Die Telefone in den Praxen stehen kaum still, die Nachfrage nach Impfungen gegen Covid-19 ist riesig. Doch wie es nächste Woche weitergeht, weiß noch keiner.

Hausarzt Dr. Norbert Missel impft in seiner Klotzscher Hausarztpraxis gegen Corona. "Endlich geht es los", sagt er.
Hausarzt Dr. Norbert Missel impft in seiner Klotzscher Hausarztpraxis gegen Corona. "Endlich geht es los", sagt er. © Sven Ellger

Dresden. 1.200 Menschen werden in der Dresdner Messe täglich gegen Covid-19 geimpft. Das Deutsche Rote Kreuz betreibt das Zentrum. Seit diesem Dienstag dürfen nun auch Hausärzte die Impfung gegen das Coronavirus vornehmen. Theoretisch. Denn nicht jede Praxis hat den Impfstoff auch schon an diesem Tag erhalten.

Dr. Norbert Missel aus Klotzsche hat sie erst am Mittwochmittag geliefert bekommen. Fünf Ampullen mit Biontech-Pfizer-Impfstoff, aus denen er und seine Praxiskollegin Dr. Silke Müller jeweils sechs Dosen gewinnen können. "Endlich können wir Hausärzte impfen. Das ist eine Riesenfreude für mich, dass wir endlich in den Prozess eingebunden sind", sagt Missel.

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Die Patienten kämen lieber in die Hausarztpraxis als ins Impfzentrum, weil man sich kennt und vertraut. "So einen telefonischen Ansturm habe ich noch nie erlebt", sagt der Allgemeinmediziner. Jetzt wolle das gesamte Praxisteam die ganze Kraft und Energie ins Impfen investieren, alle sind optimistisch.

Missel weiß, dass er demnächst auch Impfstoff von Astrazeneca erhalten könnte und diesbezüglich Fragen auftreten könnten. "Aber ich möchte Vertrauen schaffen und kann wirklich jeden Impfstoff empfehlen. Genau für diese Beratungen sind wir da. Jetzt kommt es darauf an, dass es schnell geht. Und daran wollen wir mitarbeiten."

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Das Telefon steht auch beim Gorbitzer Hausarzt Dr. Eckart Ziegler nicht mehr still. "Die Impfmöglichkeit wird sehr stark nachgefragt, aber mit 18 Dosen komme ich diese Woche nicht weit" sagt er. Priorität haben die über 80-Jährigen sowie über 70-Jährige mit Vorerkrankungen. "Wie es nächste Woche weitergeht? Da lassen wir uns überraschen", sagt Ziegler.

Minutiöse Listen

Minutiöse Listen sind in der überörtlichen Gemeinschaftspraxis von Dr. Wolfram Edelmann, Dr. Frank Twardy und Dr. Michael Nitschke-Bertaud im Dresdner Norden für das Impfen erstellt worden. Die zehn Ampullen mit jeweils sechs Einzeldosen sind für betagte Patienten vorgesehen.

"Davon haben wir einen hohen Anteil", sagt Dr. Edelmann. Längst sind nicht alle davon geimpft, denn das Anmeldeprozedere im Internet haben Ältere meist nur mit Hilfe von Kindern oder Enkeln bewältigen können. "Deshalb sind die Patienten auch extrem dankbar, dass wir jetzt auch impfen können."

Das passiert nicht nur seit Mittwoch in der Praxis, sondern auch bei Hausbesuchen. Der Biontech-Impfstoff für diese Woche ist am späten Dienstagnachmittag angekommen, der für die nächste Woche sei bestellt. Aber ob er auch kommt und in der geforderten Menge, sei offen. "Natürlich rufen uns auch jüngere Patienten wegen der Impfung an. Aber die sind jetzt einfach noch nicht dran", sagt Edelmann.

Pilotprojekt mit Schwierigkeiten

Einer, der mit Impfungen gegen das Coronavirus schon größere Erfahrungen hat, ist Dr. Thomas Pfeiffer. Er betreibt mit seinem Kollegen Dr. Alexander Schütte eine Hausarztpraxis im Ärztehaus Blasewitz. "Seit Dezember des Vorjahres haben wir uns über den Sächsischen Hausärzteverband bemüht, Impfstoff zu bekommen", sagt er. Mit Erfolg.

Die Praxis gehört zu den 40 in Sachsen, in denen als Pilotprojekt schon ab März geimpft wurde. 200 Dosen Astrazeneca konnte Pfeiffer im ersten Abschnitt bestellen, 200 Termine wurden nach Priorität vereinbart. "Es gab einen enormen Zuspruch für die Impfung."

Doch dann geriet der Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin in den Strudel des Astrazeneca-Hickhacks. Der erste Impfstopp am 15. März wurde vom Paul-Ehrlich-Institut empfohlen. Nach einer Überprüfung durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA durfte der Impfstoff ab dem 19. März wieder verwendet werden.

Dann der nächste Einschnitt: Seit dem 31. März wird der Impfstoff von der ständigen Impfkommission (Stiko) in der Regel nur noch für Personen ab 60 Jahren empfohlen, nachdem bei wenigen Personen, vor allem Frauen zwischen 20 bis 63 Jahren, Verdachtsfälle von Hirnvenenthrombosen nach einer Impfung mit Astrazeneca aufgetreten waren. In Sachsen darf der Impfstoff ab Freitag auch wieder an Menschen ab 60 eingesetzt werden.

"Das Hin und Her hat die Leute natürlich extrem verunsichert", sagt Pfeiffer, der verärgert ist. Es müsse deutlich besser über die Unterschiede einer Thrombose und einer sehr seltenen Sinusvenenthrombose im Gehirn informiert werden. "Experten an der Universität Greifswald zufolge könnte dies auf einer Immunantwort auf die Impfung basieren, wie in Blutproben von Betroffenen gezeigt werde konnte", sagt Pfeiffer.

Dennoch empfiehlt er den Impfstoff von Astrazeneca so wie die EMA uneingeschränkt und macht eine Rechnung auf. "Bisher sind 1,8 Millionen Menschen in Deutschland mit Astrazeneca geimpft worden, es gab 16 Tote. Das Risiko, an Covid-19 zu versterben, ist ca. 200-mal höher."

Und er führt einen weiteren Vergleich an. "Aspirin kennen wir alle und können es in der Apotheke kaufen. In den Nebenwirkungen wird aufgeführt, dass das Risiko für eine Hirnblutung nach Einnahme bei 1:10.000 liegt. Also viel höher, als das Risiko, eine Hirnvenenthrombose nach dem Impfen mit Astrazeneca zu bekommen."

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Es koste viel Zeit, diese Zusammenhänge in der Praxis zu erläutern. "Besser wäre es, die für das Impfen zu verwenden", sagt Pfeiffer. "Aber mit einer guten Aufklärung schaffe ich es auch, kritische Patienten zu überzeugen, dass die Astra-Impfung gut für sie ist."

Trotzdem gebe es Patienten, die diesen Impfstoff ablehnen. Für diesen Fall hat Pfeifer auch Biontech-Pfizer-Impfstoff bestellt, 24 Dosen für die kommende Woche. "Aber perspektivisch sollen wohl auch die Hausarztpraxen nicht mehr Biontech, sondern Astrazeneca bekommen.

"Grundsätzlich sind wir Hausärzte die besseren Erklärer. Wir haben eine Vertrauensebene zum Patienten entwickelt und erreichen sie besser", schätzt Pfeiffer ein. Geht es nach ihm, sollte auch die Priorisierung beim Impfen zügig wegfallen. Die Terminvergabe koste zu viel Zeit. Sind auch Jüngere geimpft, unterbrechen sie die Infektionsketten und schützten so auch Ältere. Und er fordert auch die Medien auf, besser über die Impfstoffe und ihre Risiko-Nutzen-Abwägung zu informieren.

Mehr Impfstoff soll kommen

Die Zahl der Impfdosen, die an die Hausarztpraxen gehen, soll in den kommenden Wochen steigen, hat der Bund mitgeteilt. Waren es in dieser Woche 941.850 Dosen, sind es in der kommenden schon 1,012 Millionen Dosen.

In dieser und in der nächsten Woche sollen nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen für die rund 2.500 sächsischen Hausärzte insgesamt etwa 50.000 Dosen zur Verfügung stehen. Laut dem Sächsischen Sozialministerium ist davon auszugehen, dass künftig mehr Impfstoff an die Hausarztpraxen verteilt wird. Die Bestellung und Belieferung der Ärzte laufe über den Großhandel und Apotheken.

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