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"Ich will im Alter was zu erzählen haben"

Die Dresdner Friseurmeisterin Sandra Pietzschmann sucht neue Wege und gründet mitten im Lockdown eine Firma. Was ihr Hoffnung für ihre Branche macht.

Der Frisiersessel bleibt noch für Wochen leer. Doch Friseurmeisterin Sandra Pietzschmann hat zu schwere Zeiten erlebt, um sich davon verunsichern zu lassen.
Der Frisiersessel bleibt noch für Wochen leer. Doch Friseurmeisterin Sandra Pietzschmann hat zu schwere Zeiten erlebt, um sich davon verunsichern zu lassen. © Sven Ellger

Dresden. Heute noch sieht sie sich vor dem leeren Laden stehen. Beste Lage. Platz für tausend Ideen. Aber eine innere Stimme ließ Sandra Pietzschmann zögern. Zu groß? Zu teuer? Dass sie einmal selbstständig sein will, hat die Friseurmeisterin bereits an den ersten Tagen ihrer Ausbildung gewusst. Denkt sie noch weiter zurück, sagt die 38-Jährige: "Schon als Kind wollte ich Bestimmerin sein."

Zum damaligen Zeitpunkt jedoch bestimmte sie ein unbestimmtes Gefühl. So sehr wünschte sie sich ihren eigenen Salon. Doch bald sollte sie erfahren, warum ihre Intuition ihr abriet, jenen Mietvertrag zu unterschreiben.

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"Kurz darauf bekam ich die Diagnose Hautkrebs", erzählt Sandra Pietzschmann. Von einem Tag auf den anderen suchte sie nicht mehr nach der Chance ihres Lebens, sondern nach einer Lebenschance.

Glücksfahrt mit Ford Fiesta

Ein Jahr lang brauchte die damals 24-Jährige, um wieder gesund zu werden und zu Kräften zu kommen. Doch den Traum von der Selbstständigkeit hat sie darüber nicht verloren. "Rein zufällig fuhr ich eines Tages mit meinem kleinen Ford Fiesta an diesem freien Eckladen vorbei und dachte: Das ist es!"

Jetzt steht Sandra Pietzschmann in ihrer "Capello-Lounge" in Striesen zwischen leeren Frisierstühlen. Seit Mitte Dezember ist auch ihr Salon geschlossen. Corona zwingt sie zur zweiten Auszeit. Seit 14 Jahren betreibt sie ihr eigenes Friseurgeschäft, zunächst mit einer Angestellten, zwischenzeitlich mit einem guten Dutzend Mitarbeitern und nun mit einem sechsköpfigen Team in Kurzarbeit.

Für ihre Ausbildung war Sandra Pietzschmann mit 16 Jahren nach München gezogen. Raus aus Dresden wollte sie, der Stadt, in der sie groß geworden war. Zudem hatten es damals junge Leute im Osten nicht leicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche und ihrem ganz persönlichen Fahrplan fürs Leben kam sie zurück und schloss eine Ausbildung zur Kosmetikerin und ihre Meisterschule im Friseurhandwerk an.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

"Ich will im Alter etwas zu erzählen haben", sagt Sandra Pietzschmann. "Meine Oma hat so viel erlebt, dagegen lebte ich in einer völlig heilen Welt." Deshalb zog es Sandra auch nicht geradewegs an einen Dresdner Frisierplatz - sondern vorerst in den Dienst eines namhaften Haarpflegemittelherstellers, für den sie als Trainerin arbeitete und mit einer Produkte-Show auf Tour ging. Schaufrisieren auf großen Bühnen, Produktschulungen in Friseurbetrieben, immer auf Achse und unter Leuten. "Auch das war eine herrliche Zeit."

Die wiederum ihre Zeit hatte. Denn schon lockte die nächste Herausforderung, das nächste Kapitel in Sandra Pietzschmanns Lebensbuch: Fuerteventura. In einem Ferienressort verwöhnte sie Urlauberinnen und Urlauber und lernte wieder eine Menge dazu. Das Leben lief wie am Schnürchen. Bis zu diesem Tag, an dem die Krebsdiagnose sie im vollen Lauf bremste.

"Heute weiß ich, dass alles seine Ursachen und selbst solch eine Erfahrung ihren Sinn hat", sagt Sandra. Zum ersten mal die eigenen körperlichen Grenzen spüren, gezwungen sein, auf das Innerste zu hören, dafür ist sie im Nachhinein sogar dankbar.

Inzwischen ist Sandra Pietzschmann Mutter zweier Kinder, manövriert sie durch den heimischen Schulalltag und ersetzt den Kindergarten. Zeit dafür dürfte sie in der beruflichen Ausnahmesituation genug haben, könnte man meinen. Aber kein Unternehmer legt die Hände in den Schoß, weil eine Verordnung das Arbeiten untersagt. Selbst und ständig - das gilt auch im Lockdown.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

"Ich langweile mich sehr schnell und brauche immer neue Herausforderungen." Nachdem sie jahrelang ihren Salon auf- und umgebaut und erfolgreich geführt hatte, beschäftigte sie wieder die Frage: Und weiter?

Die Antwort hieß Heilpraktiker-Ausbildung. Durch ihre Krankheit sei ihr noch viel mehr bewusst geworden, dass Körper, Geist und Seele zusammengehören. "Außerdem sind wir Friseure ja auch eine Art Psychotherapeuten."

Weil Corona auch diese Ausbildung gestoppt hat und im Moment keine Prüfungen möglich sind, schob Sandra Pietzschmann kurzerhand eine neue Weiterbildung zur Mentaltrainerin ein. Mentaltraining bedient sich zahlreicher psychologischer Methoden, mit denen sich soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten steigern lassen, ebenso die Belastbarkeit, das Selbstbewusstsein und Wohlbefinden.

Darauf spezialisiert sie sich gerade und hat mitten im Lockdown eine weitere Firma gegründet. "Ich stehe noch am Anfang, aber ich will künftig nicht nur auf dem Kopf, sondern auch im Kopf arbeiten", sagt sie.

Von ihren Kundinnen und Kunden der Capello-Lounge hatte sie sich schon vor Weihnachten verabschiedet. Im Hintergrund wird sie weiterhin ihren Salon leiten - und mit aller Kraft durch die kritische Zeit lotsen. Einfallsreichtum gehört dazu.

Haare färben per Video-Chat

"Zum Beispiel haben wir Farbmischungen zum Haaransätze färben verkauft." Das habe nicht jeder Kollege der Branche gut gefunden. "Viele dachten, das bringe uns längerfristig um Kundschaft, die dann merkt, dass es auch ohne Friseur geht." Aber Sandra ist überzeugt: Ihr Angebot dient als Überbrückung. Das Können eines guten Friseurs ersetzt es dauerhaft nicht.

Anfangs habe sie sich nur an Färbung für dunkles Haar getraut. Nach langem Probieren bietet sie nun auch Blondierung für zu Hause an. "Weil das schwieriger ist, habe ich zur Anleitung extra Tutorials gedreht und zeige genau, wie es geht." Im Videochat berät sie Kundinnen, um deren Haar-Zustand besser einschätzen zu können.

"Auch ich sorge mich um mein Unternehmen", gibt Sandra Pietzschmann zu. "Aber wir haben den schönsten Beruf der Welt. Es wird ihn weiterhin geben - Haar wächst immer."

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