merken
PLUS Dresden

Reaktion auf Lockdown: "Fühlen uns verarscht"

Mit den neuen Corona-Einschränkungen fürchten Dresdner Gastronomen, den Winter nicht zu überstehen. Vor allem von der Politik fühlen sie sich hintergangen.

Ute Stöhr hat im "Schießhaus" Plexiglaswände zwischen den Sitzplätzen aufgestellt. Das Infektionsrisiko sei bei ihr niedrig.
Ute Stöhr hat im "Schießhaus" Plexiglaswände zwischen den Sitzplätzen aufgestellt. Das Infektionsrisiko sei bei ihr niedrig. © Sven Ellger

Dresden. Ute Stöhr betreibt seit 20 Jahren das Schießhaus in der Wilsdruffer Vorstadt. In der Gaststätte stehen Plexiglaswände zwischen den Tischen, das Lüftungssystem wurde aufgerüstet und ein elektronisches Reservierungssystem erfasst nun die Daten der Gäste. Von denen aber nur wenige kommen. "Die Aufforderung Merkels, zu Hause zu bleiben, hat bei den Menschen ein fatales Bild von uns Gastronomen erzeugt", sagt Stöhr.

Ein Bild, das Bars und Restaurants als Corona-Risiko-Hotspots betrachtet, während sich die Party daheim sicher anfühlt. "Dabei halten wir den ganzen Tag die Fenster offen und wickeln unsere Gäste deswegen in Fließdecken."

Familie
Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) finden nur wenige Ausbrüche in Speisestätten statt, der Großteil stammt aus dem privaten Umfeld und aus Alten- oder Pflegeheimen. "Jetzt reagiert wieder die Angst", sagt Stöhr, "und Angst ist der Feind der Wirtschaft. Wir können keinem unserer Mitarbeiter eine verlässliche Perspektive bieten."

"Wir sind clean wie die Krankenhäuser"

Zusammen mit Kathleen Parma hat sie bereits im Frühjahr die Initiative "Leere Stühle" gegründet, die mit spektakulären Protestaktionen zum Beispiel auf dem Neumarkt auf die schwierige Situation der Gastronomiebetriebe in der Corona-Pandemie aufmerksam machte. Nun sind sie wieder am Zug. 

Dass die Politik gerade über die Gastronomie einen temporären Lockdown verhängt hat, kann Parma nicht verstehen. "Wir fühlen uns verarscht, denn wir haben über Monate eine hygienisch einwandfreie Arbeit geleistet. Wir sind clean wie die Krankenhäuser, aber die Politik scheint uns nicht zu vertrauen." 

Ein bisschen sei es wie bei Eltern, die ihrem Kind versprochen hatten, morgen mit ihm ins Kino zu gehen, am nächsten Tag aber nichts mehr davon wissen wollen.

Vor Weihnachten sollen Restaurants wieder öffnen können, damit das Weihnachtsgeschäft nicht ganz ins Wasser fällt. Doch daran glauben viele Gastronomen nicht. "Wer weiß, ob es bei den vier Wochen Lockdown bleibt", sagt Parma, "und auch nach der Öffnung werden die Leute auch nicht sofort wiederkommen. Das haben wir schon im Frühjahr gesehen. Die Weihnachtsfeiern werden zu 100 Prozent alle abgesagt."

Viele Gastronmiebetriebe brauchen das Weihnachtsgeschäft aber, um zu überleben. Das gilt insbesondere auch für das Jens-Weißflog-Hotel in Oberwiesenthal im Erzgebirge. Von den etwa 90 Restaurant-Plätzen fielen allein 25 wegen der Abstandsregelungen weg. Schon in der ersten Welle hatte Weißflog einen Kredit aufnehmen müssen.

"Hier oben können zwei Meter Schnee fallen, da können wir nicht einfach mal ein Zelt im Garten aufstellen", sagt die Betreiberin Doreen Weißflog. Inzwischen sei in der Gesellschaft das Denken angekommen, dass schon die Teilnahme an einer Geburtstagsparty verwerflich sei. "Aber gefeiert wird immer. Nur dann halt nicht bei uns in der Gastronomie."

"Versuchter Lockdown durch die Hintertür"

Steffen Schmidt, Steuerberater der "Leeren Stühle", unterstellt der Politik derweil einen versuchten Anschlag auf die Gastronomie. In der letzten Allgemeinverfügung des Freistaats Sachsens vom letzten Freitag hattes es ursprünglich geheißen, es müsse ein Abstand von 2,50 Metern zwischen den Stühlen eingehalten werden. 

"Das wäre der wirtschaftliche Tod der Gastronomie gewesen", sagt Schmidt, "ein versuchter Lockdown durch die Hintertür". Der Wert wurde nach einem Tag auf den bereits etablierten Wert von 1,50 Meter korrigiert. Schmidt kritisiert außerdem, dass die für Unternehmen vorgesehene Überbrückungshilfe II des Bundes keine Grundsicherung für die Inhaber selbst vorsehe. Die ist auch in den neuen Beschlüssen von Bund und Ländern nicht vorgesehen.

"Das positive Gefühl, das wir uns aufgebaut hatten in Bezug auf das Weihnachtsgeschäft, ist inzwischen wieder völlig verflogen", sagt Ralph Krause, der unter anderem das Café Blumenau in der Neustadt und mehrere Cateringunternehmen führt. Für Weihnachten seien schon fünf Stornierungen eingegangen. Bei ihm würden immer mehr Mitarbeiter kündigen, weil sie für ihre Familie eine Sicherheit benötigten, die er ihnen nicht mehr geben könne.

Meistgelesen zum Coronavirus:

Gegen die Allgemeinverfügung wollen einzelne in der "Freie-Stühle"-Initiative verbundene Gastbetriebe einen Eilantrag stellen. "Eine Branche wird für etwas bestraft, was wir nicht sind", begründet dies Doreen Weißflog.

Bei der Initiative "Leere Stühle" wird intern von mehreren Gastronomen ein neuer deutschlandweiter Aktionstag  gefordert. Dafür sei es aber noch zu früh, sagt Kathleen Parma. Erst einmal will sie abwarten, ob Hoffnungsträger wie der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), der sich zuletzt gegen den Lockdown ausgesprochen hatte, sich beim Bund nicht doch noch durchsetzen könnten.

Gutscheine statt Weihnachtsfeier

Um der Gastronomie über den Winter zu helfen, können Unternehmen und Privatkunden Gutscheine im Wert von 20 oder 40 Euro kaufen, die sie dann bis Ende 2023 bei einer teilnehmenden Gaststätte einlösen können.

Besonders geeignet sei dies für Unternehmen, deren Weihnachtsfeier ausfallen müsse, aber ihren Mitarbeitern dennoch eine Freude machen möchten. Die Gutscheine werden von "Freie Stühle" in Zusammenarbeit mit der DDV Mediengruppe, zu der auch die Sächsische Zeitung und Sächsische.de gehören, herausgegeben und sind bestellbar unter gutscheine.leere-stuehle.de.

Weiterführende Artikel

"Alle Weihnachtsfeiern sind abgesagt"

"Alle Weihnachtsfeiern sind abgesagt"

Die Dresdner Gastronomen sind durch den zweiten Lockdown hart gebeutelt. Auch die Aussichten für Dezember sind düster. Gutscheine sollen helfen.

Corona: „Alle Veranstaltungen abgesagt“

Corona: „Alle Veranstaltungen abgesagt“

Gastwirte im Rödertal schließen wegen des Lockdowns ihre Restaurants. Auch für das Biertheater sind die Corona-Beschränkungen schmerzlich.

Sächsische Verbände kritisieren Lockdown

Sächsische Verbände kritisieren Lockdown

Die Kritik folgte auf dem Fuß: Die neuen Corona-Beschränkungen sind vor allem für Gastgewerbe und Tourismusbranche in Sachsen eine enorme Belastung.

Jeder zweite Gastronom in Sachsen steht vor dem Aus

Jeder zweite Gastronom in Sachsen steht vor dem Aus

Einer Verbands-Umfrage zufolge verzeichnen die Betriebe Umsatzeinbrüche um 54 Prozent. An die Politik stellen die Wirte konkrete Forderungen.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden