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Quarantäne im Akkord

Im Dresdner Gesundheitsamt laufen die Corona-Programme heiß. Sieben Tage in der Woche. Das Protokoll eines aussichtslosen Kampfes.

Kistenweise Corona-Bescheide: Isabel Plagemann leitet das neue Team des Gesundheitsamtes am Standort Lingnerallee.
Kistenweise Corona-Bescheide: Isabel Plagemann leitet das neue Team des Gesundheitsamtes am Standort Lingnerallee. © Christian Juppe

Dresden. Ab zur Post. Zeit ist Infektion. Deswegen muss der Karton mit den etwa 150 Briefen schnell raus. Darin stecken die neuen Quarantäne-Bescheide und wieder brauchen sich 150 Dresdner für die kommenden zwei Wochen nichts außerhalb ihrer eigenen vier Wände vorzunehmen.

Im früheren Robotron-Komplex an der Lingnerallee, direkt am Skatepark, hat vor drei Wochen eine weitere Außenstelle des Dresdner Gesundheitsamtes die Arbeit aufgenommen. Derzeit helfen hier 17 Studenten von der Hochschule Meißen aus. Platz ist für 22 Leute. Angeleitet wird das Team von Isabel Plagemann, die normalerweise für die Friedhofs- und Bestattungshygiene in der Stadt zuständig ist. Jeder, der helfen kann, soll helfen.

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Auch das frühere Robotron-Gebäude an der Lingnerallee gehört nun zu den Außenstellen des Gesundheitsamtes.
Auch das frühere Robotron-Gebäude an der Lingnerallee gehört nun zu den Außenstellen des Gesundheitsamtes. © Christian Juppe

Auch in Prohlis und in der Neustadt gibt es Standorte, an denen Corona-Fälle bearbeitet werden. Das ist einerseits gut, weil bei der Infektion eines Mitarbeiters nicht gleich die ganze Verwaltung lahmgelegt wird. Andererseits wäre in der Zentrale des Sachgebiets Infektionsschutz im Ortsamt Leuben aber auch schon lange nicht mehr genug Platz für alle.

Wöchentlich werden derzeit Teams gegründet und neue Mitarbeiter eingewiesen. Die Computer laufen an sieben Tagen in der Woche. Zuletzt stießen Landesbedienstete hinzu. Ab Montag soll die Bundeswehr mit 20 Mann den Corona-Dienst antreten.

"In normalen Zeiten haben wir elf Mitarbeiter", sagt Sachgebietsleisterin Kerstin Haase, "und damit kommen wir auch ganz gut klar." Ein Mumps-Fall hier, eine Masernansteckung da. Das war machbar. Von normalen Zeiten kann aber schon seit März keine Rede mehr sein. Die Corona-Krise hat auch die Verwaltung mit voller Wucht getroffen. Unvorbereitet, genau wie den Rest der Gesellschaft.

Die diplomierte Umwelt- und Hygienetechnikerin Kerstin Haase ist seit 16 Jahren für den Infektionsschutz in der Stadt verantwortlich. "Als ich Ende der 70er-Jahre mal meinen Beruf gelernt habe, kam mir auch das Wort Quarantäne unter", sagt die 60-Jährige. "Seitdem habe ich es aber nie gebraucht. Bis jetzt."

Schadensbegrenzung durch Quarantäne

Plötzlich wurde von ihr und ihren Mitarbeitern nichts weniger erwartet, als eine Pandemie zu beenden, oder wenigstens so weit zurückzudrängen, dass die Dresdner wieder einen normalen Alltag erleben können.

Nach dem Lockdown im Frühjahr hatte sich die Lage zunächst über den Sommer beruhigt. Dann kam die zweite Welle. "Ich hätte nicht erwartet, dass es schon im Herbst so viele Fälle geben würde", sagt Kerstin Haase. Über einige Monate hinweg war es ihr und ihrem Team gelungen, nach positiven Corona-Tests alle Kontakte nachzufolgen.

Mitte Oktober musste das Gesundheitsamt diesen Anspruch allerdings aufgeben. Seitdem geht es nur noch um Schadensbegrenzung - und genau dafür dienten die massenhaften Quarantänebescheide, sagt Kerstin Haase.

Weil sich gerade niemand mehr mit einzelnen Fällen auseinandersetzen könne, werde nun beim Aufruf eines positiven Befundes am Computer automatisch ein Quarantänebescheid samt Anschreiben ausgedruckt. Eigentlich sollte das neue Team im Robotron-Komplex bei der Nachverfolgung von Kontakten helfen. Stattdessen sind auch die Studenten hier gerade rund um die Uhr damit beschäftigt, positive Befunde in das Fachprogramm namens Octaware zu übertragen und die entsprechenden Briefe fertigzumachen.

An der Tür zu Zimmer 6309 hängt ein gelber Zettel mit einem Smiley. Daneben steht "Corona-Team Lingnerallee". Der recht karge Büroraum ist mit drei Doppelschreibtischen mit je zwei gegenüberliegenden Arbeitsplätzen ausgestattet. Auf einem Schränkchen stehen eine Schale mit Süßigkeiten, spendiert vom Amtsleiter, und eine Kanne mit frischem Kaffee.

Kim Wachsmuth (l.) und Luise Huth helfen seit drei Wochen bei der Nachverfolgung der Corona-Fälle.
Kim Wachsmuth (l.) und Luise Huth helfen seit drei Wochen bei der Nachverfolgung der Corona-Fälle. © Christian Juppe

Auch die Studentinnen Kim Wachsmuth und Luise Huth, beide 22, sind seit drei Wochen hier im Einsatz. Die beiden studieren in Meißen Allgemeine Verwaltung und würden sowieso gerade ihr Praxissemester absolvieren. "Da ist es doch gut, wenn wir hier unseren kleinen Beitrag leisten können, die Krise in den Griff zu bekommen", sagt Kim Wachsmuth. Abgesehen davon hätten sie auch kaum eine Wahl gehabt und seien mehr oder weniger verpflichtet worden.

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Trotz der aktuellen Schutzmaßnahmen scheint sich das Coronavirus in Dresden noch immer weiter auszubreiten. Am Freitag zeigte die Corona-Ampel mehr als 155 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen an. Das sind so viele wie nie zuvor. Krankenhäuser, Schulen und Pflegeheime melden täglich neue Fälle.

"Im Moment bleibt uns nur, weiter unsere Arbeit zu machen und auf noch mehr Unterstützung zu hoffen", sagt Kerstin Haase. Ihre Mitarbeiter gingen an ihre Belastungsgrenzen und zum Teil darüber hinaus, verzichteten auf Urlaub und müssten manchmal sogar gebremst werden. "Wir brauchen sie ja frisch und gesund", sagt die Chefin. Der Erfolg all dieser Anstrengungen hänge allerdings nicht allein vom Gesundheitsamt ab, betont sie. "Sondern vor allem davon, wie weit sich die Bürger an die Regeln halten."

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