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Dresden: Häusliche Gewalt nimmt zu

In der Pandemie häuften sich in vielen Familien die Probleme. Mit schlimmen Folgen vor allem für Frauen und Kinder. Die Situation in Dresden.

Kinder und Frauen erleben Gewalt in manchen Familien.
Kinder und Frauen erleben Gewalt in manchen Familien. © Eric Weser

Dresden. Corona war eine Ausnahmesituation für alle Dresdner. Doch in einigen Familien und Beziehungen hat die Krise dazu beigetragen, die Probleme und Konflikte noch zu verschärfen.

So erleben immer mehr Frauen in ihrem eigenen Zuhause körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe in ihrer Partnerschaft. Für das Jahr 2020 zählte die Dresdner Polizei 1.533 Fälle, so Sprecher Stefan Grohme. Wieder ein Anstieg: 2019 mussten 1.227 Fälle von häuslicher Gewalt aufgenommen werden, 2018 waren es 1.105 Fälle. Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor.

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Auch Männer sind in Einzelfällen betroffen. Wenn die Dresdner Beamten zu einem Fall von häuslicher Gewalt gerufen werde, sei das meist nicht der erste "Übergriff", der stattgefunden habe. Typisch für die häusliche Gewalt sei der sogenannte Gewaltkreislauf, der es den Betroffenen auch so schwer mache, aus ihr auszubrechen. Täter haben es oft nicht gelernt, Konflikte anders als mit Gewalt zu lösen. Viele haben das in ihrer Kindheit selbst so erlebt.

Corona erschwert, sich Hilfe zu holen

Das Jonglieren zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit bringt viele nicht nur mental sondern auch körperlich an ihre Belastungsgrenzen, beobachtet Anne Dschietzig, Mitarbeiterin im Frauengesundheitszentrum Medea in der Neustadt. Das schlage sich häufig in psychosomatischen Beschwerden nieder, die bei anhaltender Überforderung chronisch werden. "Hinzu kommt die steigende Rate häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Möglichkeiten, Gewaltsituationen im häuslichen Umfeld zu entgehen, werden durch die coronabedingten Einschränkungen zusätzlich begrenzt", sagt sie.

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Selbst Hilfetelefone und Frauenschutzhäuser könnten schlechter in Anspruch genommen werden, da die gewalttätigen Partner die Wohnung deutlich seltener verlassen und die betroffenen Frauen deshalb schwieriger unbemerkt Kontakt nach Außen aufnehmen können. "Das verschärft die Lage der Betroffenen enorm."

In dieser Lage könne und dürfe die Hoffnung nicht sein, zum "Normalzustand" zurückzukehren. "Frauen ist nur dann langfristig geholfen, wenn sowohl ihr Schutz als auch ihre generelle Gleichstellung in Gesundheit und allen anderen Lebensbereichen zur klaren und selbstverständlichen Agenda der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger werden", betont Dschietzig.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Die Corona-Pandemie scheine dabei wie ein Brennglas alle schon bestehenden Schieflagen zu befeuern. "Obwohl mittlerweile sicher fast jeder von ihren erheblichen Auswirkungen auf das tägliche Leben berichten kann, wird immer deutlicher, dass gerade Frauen die Belastungen in besonderem Maße zu spüren bekommen - in fast allen Lebensbereichen", sagt die Expertin.

Die allgemein angespannte Situation bringe für sie vermehrt psychische Belastungen mit sich. "Dies zeichnet sich deutlich in der Beratungsarbeit mit den Klientinnen ab. Ein generell empfundener Kontrollverlust, Einsamkeit, Existenzängste, aber auch erschwerte Zugänge zu Arztterminen oder Schwangerschaftsberatungen, steigende Preise oder die Sorge um gesundheitlich besonders gefährdete Angehörige führen nicht selten zu depressiven Verstimmungen und Angstzuständen."

"Seit Ende des ersten Lockdowns steht das Telefon nicht mehr still"

Auch die Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche "Shukura" der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Dresden meldet während Corona einen starken Anstieg von Beratungsanfragen und Fallanfragen zu Gewalt an Kindern und Kindeswohlgefährdung. Die Auswirkungen sind gravierend, so die Einschätzung der Fachstellenleiterin Heike Mann: "Seit Ende des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr steht das Telefon nicht mehr still."

Ständig würden die Anfragen zu Fall- und Fachberatungen, besonders zur Gefährdungseinschätzung im Kontext von Kindeswohlgefährdung steigen. "Im Vergleich zu 2019 registrierte die Fachstelle 2020 einen Anstieg um 49,6 Prozent", so Mann. Die Fachstelle "Shukura" ist seit 1999 als Angebot zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Dresden tätig ist.

Auch der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer-Verein macht auf die Situation der Kinder aufmerksam und bezieht sich auf die Zahlen zu Gewalt an Kindern im Jahr 2020, die das Bundeskriminalamt vorgestellt hat. 152 Kinder – 115 von ihnen jünger als sechs Jahre – kamen im vergangenen Jahr deutschlandweit gewaltsam zu Tode. Bei Misshandlungen Schutzbefohlener wurde eine Zunahme um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr registriert. Die Anzahl der sexuellen Gewalttaten gegen Kinder ist um rund 1.000 auf insgesamt 16.921 gestiegen. Stark angestiegen sind mit 53 Prozent auf 18.761 Fälle die Zahlen bei Missbrauchsabbildungen. Und diese Zahlen geben lediglich die bei der Polizei angezeigten Delikte an. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches größer sein.

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