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Corona: Erkranken Dresdens Erzieher häufiger?

Erzieher, Lehrer und Altenpfleger arbeiten nicht im Homeoffice, sondern nah am Menschen. Wie sich die Infektionszahlen in diesen Berufen entwickelt haben.

Corona-Hotspots seien Kitas zu keiner Zeit gewesen, betonte die Dresdner Stadtverwaltung immer wieder. Erzieher sind aber besonders oft wegen Covid-19 krankgeschrieben gewesen.
Corona-Hotspots seien Kitas zu keiner Zeit gewesen, betonte die Dresdner Stadtverwaltung immer wieder. Erzieher sind aber besonders oft wegen Covid-19 krankgeschrieben gewesen. ©  dpa/Sebastian Gollnow (Symbolbild)

Dresden. Während Deutschland über das Homeoffice debattiert, gibt es viele Dresdner, die ihre Arbeit gar nicht von zu Hause aus machen können. Erzieher, Lehrer und auch Altenpfleger sind täglich vor Ort und können oft nur schwer Abstand halten. Sind sie deshalb stärker gefährdet, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, als andere Dresdner?

Infektionszahlen der Erzieher sind gesunken

Vorlesen, wickeln und spielen: Abstand halten können Erzieher von den Kindern nicht. Vor allem von den ganz Kleinen nicht, die noch bei den meisten Dingen Hilfe brauchen. Blickt man auf die Infektionszahlen, sieht man, dass diese - wie zu erwarten - im aktuellen Notbetrieb sinken.

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Aktuell gibt es zehn positiv auf Covid-19 getestete Erzieherinnen in den Dresdner Kitas. Sie befinden sich in häuslicher Quarantäne. Ganz anders sah es im November und Dezember aus, als Schulen und Kitas noch im Normalbetrieb waren. Im November gab es 60 Coronafälle bei Erziehern in den städtischen Kitas, im Dezember waren es 45.

Sachsen hat, im Vergleich zu etwa Berlin und Nordrhein-Westfalen, strenge Regeln, welche Kinder in Kita und Hort in die Notbetreuung dürfen. Beide Eltern müssen in systemrelevanten Berufen arbeiten, also etwa als Verkäuferin, Polizist oder Krankenschwester.

Schnelltests in betroffenen Kitas

Die Stadt betont, ihre Erzieher zu schützen. Es werde strikt auf die Einhaltung der Händehygiene, Niesetikette und Abstandsregelung sowie das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen geachtet, wenn Abstände von mindestens 1,50 Metern nicht eingehalten werden können. "In Gesprächen der Beschäftigten untereinander, im Übergabegespräch mit Eltern sowie bei Gesprächen mit Dritten oder Dienstleistern ist eine Mund-Nasen-Bedeckung jederzeit zu tragen", so das Rathaus.

Außerdem habe man Erzieher mit Risikoerkrankungen umgesetzt, also etwa in Tätigkeiten im Homeoffice, in der Verwaltung des Eigenbetriebes Kindertageseinrichtungen oder im Gesundheitsamt zur Kontaktnachverfolgung.

Der Arbeitgeber stellt außerdem FFP2-Masken zur Verfügung. Der Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen hat auch ein eigenes Testkonzept erstellt: Mit einem eigenen Testteam medizinischer Beschäftigter werden PoC-Antigen-Schnelltests in Kitas durchführt, welche von einem positiven Coronafall betroffen sind. Es werden alle Beschäftigten freiwillig getestet, die nicht quarantänepflichtig sind. Bei positiven Schnelltests übernimmt die Betriebsärztin die PCR-Testung, um das Ergebnis zu sichern.

Gewerkschaft: "Auslastung in Notbetreuung ist zu hoch"

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen (GEW) kritisiert ein hohes Infektionsrisiko für Erzieher: "Die Auslastung der Notbetreuung ist an vielen Orten deutlich zu hoch! Teilweise sind mehr als die Hälfte aller Kinder in der Einrichtung. Offensichtlich werden zu leichtfertig entsprechende Bescheinigungen ausgefertigt", so Vorsitzende Uschi Kruse.

Familien, die zwingend auf die Notbetreuung angewiesen sind und das Personal würden damit einem zu hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. "Noch immer gibt es keine regelmäßigen, freiwilligen Tests, die Erzieher kostenlos nutzen können. Der Freistaats muss die Träger dazu verpflichten und Mittel dafür bereitstellen."

121 infizierte Altenpfleger in Dresden

Dresdens Pflegeheime zählen zu den Corona-Hotspots in der Stadt. Dort zu arbeiten, birgt deshalb auch für die Pfleger ein Risiko. Bereits im Frühjahr 2020 waren laut Antwort von Oberbürgermeister Dirk Hilbert auf eine Anfrage von Grünen-Stadträtin Anja Osiander 44 Pflegeeinrichtungen und damit 657 Pfleger und Bewohner in Dresden von Corona betroffen. Von November 2020 bis heute waren es 34 Einrichtungen. In der Zeit vom 1. November bis 15. Dezember wurden in Dresden laut Hilbert 111 Sterbefälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet. Hiervon waren 54 Personen in Pflegeeinrichtungen untergebracht.

Immer wieder infizieren sich die Dresdner Altenpfleger auch bei der Arbeit. Das Sächsische Sozialministerium nennt auf SZ-Anfrage für Anfang Dezember 46 infizierte Pfleger, für Mitte Januar sogar 121.

Besonders im Dezember hatten sich die Pflegeheime in Dresden zu einem Corona-Hotspot entwickelt. Zwischenzeitlich gab es nach Auskunft der Stadt 345 positiv getestete Personen in Altenpflegeheimen. Um die Lage in den Griff zu bekommen, setzen viele Dresdner Seniorenheime auf Schnelltests. Auch die der städtischen Cultus GmbH. Durch das Abstrichteam des Gesundheitsamtes werden ausschließlich PCR-Testungen durchgeführt.

Sind Schulen Coronavirus-Schleudern?

Sind Schulen und Kitas Infektionsherde oder nicht? In Dresden befanden sich Mitte Dezember, kurz vor der zweiten Schließung, mehr als 3.500 Schüler und Lehrer in Quarantäne. An 115 Einrichtungen waren Corona-Fälle aufgetreten. Dennoch widersprach Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) selbst damals dem Eindruck, Kitas und Schulen wären Hotspots. Der Großteil der Infektionen stamme aus dem familiären Umfeld, so Kaufmann damals. In Schulen und Kitas hätten sich Kinder und Lehrer nur vereinzelt angesteckt.

Untermauert wird dies durch die Studie des Direktors der Dresdner Kinder- und Jugendklinik am Universitätsklinikum, Professor Reinhard Berner. Der Mediziner ließ erstmals im Frühjahr 2020 Schüler und Lehrer auf Antikörper testen. Diese verraten, ob der Körper schon einmal eine Sars-Cov-2-Infektion durchgemacht hat.

Das Ergebnis damals: Nur zwölf der über 2.000 Proben fielen positiv aus. Bei einer zweiten Testwelle vor den Herbstferien mit ebenfalls etwa 2.000 Teilnehmern kamen die Wissenschaftler zum selben Ergebnis.

"Unsere Daten zeigen, dass der Nachweis von Sars-Cov-2-Antikörpern in der Population der Jugendlichen mindestens bis zu den Herbstferien sehr gering war", so Berner im November zu den Resultaten. "Im Umkehrschluss bedeutet das, dass es weder während der ersten Welle noch in den vier Monaten nach Wiedereröffnung der Schulen zu unerkannten Übertragungen gekommen ist."

Es gebe keine Hinweise darauf, dass sich Schulen zu stillen Hotspots in dieser Pandemie entwickelt hätten. Zwar gehe man davon aus, dass mit steigenden Infektionszahlen auch mehr Schüler und Lehrer das Virus bekommen, so Kinderarzt Jakob Armann, der die Studie mitbetreut. "Allerdings legen die Daten der Studie nahe, dass nicht die Schulen als Quelle und Ausbreitungsort der Pandemie fungieren." Eine dritte Testwelle war für den Winter geplant.

Doch es gibt Wissenschaftler, die ganz klar widersprechen. Darunter der Berliner Virologe Christian Drosten, der mit Bezug auf britische Forschungsergebnisse fragt: "Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von Sars-Cov-2?"

Drosten verweist auf die vergleichsweise hohen Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen in England vor Weihnachten, und dem Rückgang der Neuinfektionen in dieser Altersgruppe über die Feiertage. Derzeit laufen weitere Studien zum Thema, unter anderem am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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