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Ladensterben in Dresdens Innenstadt

Obwohl Kunden keinen Termin mehr vereinbaren müssen, ist in den Geschäften nur wenig los. Welchen Grund die Dresdner Händler dafür ausgemacht haben.

Auf der Prager Straße im Herzen Dresdens zeigt sich, wie viele Geschäfte es nicht durch die Krise geschafft haben. Etliche Läden stehen leer.
Auf der Prager Straße im Herzen Dresdens zeigt sich, wie viele Geschäfte es nicht durch die Krise geschafft haben. Etliche Läden stehen leer. © René Meinig

Dresden. Die Einschläge kommen nicht nur näher, sie sind längst da, mitten in der Dresdner Innenstadt. Die östliche Wilsdruffer Straße wirkt stellenweise wie ausgestorben. In der Nähe des Altmarktes, auf der Seestraße, stehen die ehemaligen Schuhläden von Clarks und Roland leer. Mehrere leere Schaufensterscheiben sind auch auf Dresdens Einkaufsstraße Nummer eins zu finden, der Prager Straße. Wo sonst Tausende Touristen und Einheimische am Wochenende einkaufen, ist es nach wie vor relativ ruhig. Und das, obwohl Einkaufen ohne Termin seit vergangenem Montag wieder möglich ist.

Einen entscheidenden Grund, weshalb die Kunden so zurückhaltend reagieren, sehen die Händler in der Testpflicht, die nach wie vor in Sachsen und Dresden für diejenigen gilt, die noch nicht zweimal geimpft oder genesen sind. Erst wenn die Inzidenz 14 Tage unter 35 gelegen hat, entfällt diese Anordnung. Das könnte am 11. Juni sein. "Damit steht Sachsen allein auf weiter Flur. In fast allen anderen Bundesländern gilt die Regelung, dass ohne Test eingekauft werden kann, wenn die Inzidenz unter 50 liegt", sagt Jens Preißler, der Centermanager der Altmarktgalerie.

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Läden öffnen nur verkürzt

Entsprechend unterschiedlich sind die Ladenöffnungszeiten nicht nur in seinem Haus gestaltet. Mancher Händler lässt sein Geschäft nur zwei, drei Stunden pro Tag offen, weil zu wenige Kunden kommen, die Kosten für das Personal aber weiterlaufen. Andere empfangen zumindest bis 18 Uhr Kunden.

Zwar sind die leeren Schaufenster in der Altmarktgalerie mit bunten Folien beklebt, doch auch im Dresdner Handels-Flaggschiff ist deutlich sichtbar, dass es mehrere Händler nicht geschafft haben. Darunter die Spielaxie, ein Mieter der ersten Stunde seit 2002. Oder der Schuhladen Grazie, der eher als geplant aufgeben musste. Insolvenzen von Promod und der zur Deutschen Confiserie Holding (DCH) gehörenden Süßwarenfachhändler Arko und Hussel kommen dazu. Auch mehrere Mieter, deren Verträge nach zehn Jahren auslaufen, haben nicht verlängert, wie O'Neill, WE Fashion oder der Kindermodeanbieter Sternchen.

Ähnlich ist die Situation auch in der benachbarten Centrum Galerie. Im Erdgeschoss sind ein Bequemschuhladen und ein Taschengeschäft ausgezogen. Der Kosmetikanbieter Rituals ist auf die gegenüberliegende Seite gezogen, sein bisheriger Laden ist leer. Eine Etage weiter oben zeugen leere Schaufenster von der Insolvenz des Schuhhändlers CCC, auch den Kindermodeladen OVS Kids gibt es nicht mehr. Im Untergeschoss warten weitere leere Flächen auf neue Nutzer.

Große Ketten wie H&M und Deichmann vermelden dagegen, dass sie alle ihre Dresdner Filialen wieder geöffnet haben. Das schwedische Modehaus hat in der Innenstadt, in der Altmarktgalerie und Prager Straße und im Elbepark und Kaufpark Nickern Filialen. Auch Douglas hat seine sieben verbliebenen Filialen wieder aufgemacht.

Welche Folgen die fehlende Frequenz hat

Wie schwerwiegend die fehlende Kundenfrequenz für sächsische und Dresdner Händler ist, erklärt Harald Boll, Regionaldirektor für Sachsen, Thüringen, Bayern sowie Teile von Sachsen-Anhalt und Hessen bei der ECE Unternehmensgruppe. Diese betreibt in allen genannten Bundesländern Einkaufzentren. "Unsere acht Center in Sachsen lagen am Samstag, den 29. Mai, zwischen 53 und 60 Prozent unter einer regulären Samstagsfrequenz aus dem Jahr 2019. Dagegen verzeichneten die Häuser in Sachsen-Anhalt maximal 23 Prozent weniger Kunden. Das sind enorme Unterschiede", sagt der ECE-Manager. Ganz zu schweigen von den Shoppingcentern in den bayrischen Orten Passau und Erlangen, wo teilweise sogar höhere Frequenzen als im Jahr 2019 erreicht wurden. Die Testpflicht in Sachsen sei für ihn eine Verlängerung des Lockdowns, so Boll.

Das Ziel müsse sein, den Händlern die Unsicherheit zu nehmen und schnell wieder zu normalen und überall gleichen Einkaufsbedingungen zurückzukehren, sodass auch die Mindestöffnungszeiten wieder einheitlich gestaltet werden können. "Bis wir die Zeiten von vor der Pandemie erreichen, wird noch einige Zeit vergehen."

Was der Handelsverband fordert

Die Zahl der Dresdner Insolvenzen ist bis Mai noch sehr gering. Der Geschäftsführer des sächsischen Handelsverbandes erklärt das damit, dass sich gegenwärtig ein Großteil der Händler aus dem Nicht-Lebensmittelbereich in Kurzarbeit befindet. "Unternehmen, die die Überbrückungshilfe III beantragen konnten, mussten gleichzeitig bestätigen, ihr Unternehmen mindestens bis Ende Juni fortzuführen", sagt David Tobias. Auch deshalb seien potenzielle Insolvenzen noch nicht so sichtbar. "Insofern befinden wir uns in einer Phase, wo die Händler weiterhin alles unternehmen, um zu überleben und gleichzeitig keine langfristige Planungssicherheit haben." Ob die düstere Prognose eintritt, die David Tobias im Januar gestellt hatte, bleibt abzuwarten. Damals sprach er davon, dass sechs von zehn Läden in der Innenstadt das Aus drohe.

Weil die politischen Entscheidungen zu Einschränkungen sehr unsicher sind, hat der Handelsverband Sachsen nochmals ausdrücklich die vollständige, diskriminierungsfreie Öffnung der Geschäfte gefordert. "Der Handel muss endlich wieder am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen dürfen, alles andere ist nicht länger vermittelbar", sagt Tobias.

Welche Unternehmen es finanziell schaffen, hängt aus seiner Sicht auch davon ab, wie schnell notwendige Frequenzen zurückkehren, die für betriebswirtschaftlich erforderliche Umsätze sorgen. Und er macht auf einen weiteren Punkt aufmerksam: Die finanzielle Last müssen die Kaufleute noch lange tragen – zum Beispiel, indem sie Sachsens Hilfsdarlehen über die nächsten Jahre an den Freistaat zurückzahlen müssen.

Wie Unternehmen die Zeit genutzt haben

Während in vielen Dresdner Filialen des DM-Drogeriemarktes die Umsätze in den vergangenen Monaten hochgeschnellt sind, musste Doreen Geweiler in der Altmarktgalerie zusehen, wie immer weniger Kunden kamen, um bei DM einzukaufen. "Es waren kaum Menschen in der Innenstadt unterwegs, das haben wir deutlich gespürt."

Also hat das Unternehmen die Zeit genutzt, um die Filiale komplett umzugestalten. Neuer Fußboden und neue Regale kamen rein, die Mitarbeiter haben jetzt weitere Aufenthaltsräume und neue Toilettenanlagen. Vom 5. Februar bis 25. März war deshalb geschlossen, die Mitarbeiter halfen in anderen Filialen aus. "Zur Wiederöffnung am 26. März haben die Kunden Schlange gestanden und gratuliert, das war toll", sagt die Filialleiterin. Auch das Schuhgeschäft Deichmann hat während des Lockdowns umgebaut.

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Trotz der schwierigen Situation in Dresden sieht Manager Boll die Altmarktgalerie ganz vorn im Ranking der ECE-Einkaufscenter. "Durch ihre Lage mitten im Zentrum Dresdens ist sie unser Premiumstandort." Für Centermanager Jens Preißler zeigt sich das auch in neuen Interessenten für die leerstehenden Läden. "Natürlich unterschreibt mir zum jetzigen Zeitpunkt keiner einen Vertrag. Aber wir haben eine gute Nachfrage und gute Gespräche", sagt er.

H&M hat nach eigenen Angaben die Geschäfte mit aktueller Ware bestückt und an der Präsentation gearbeitet. "Umbaumaßnahmen haben wir keine vorgenommen", so die Sprecherin.

Doreen Geweiler leitet die DM-Filiale im Untergeschoss der Altmarktgalerie. Weil nur wenige Kunden kamen, nutzte das Unternehmen die Zeit und gestaltete das Geschäft neu.
Doreen Geweiler leitet die DM-Filiale im Untergeschoss der Altmarktgalerie. Weil nur wenige Kunden kamen, nutzte das Unternehmen die Zeit und gestaltete das Geschäft neu. © René Meinig

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