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"Gefährdung des Kindeswohls ist ein Riesenthema"

Prof. Reinhard Berner erforscht, welche Folgen Corona für Kinder hat - mit und ohne Infektion. Die Lage sei dramatisch. Zahlen soll nun eine Befragung liefern.

Erforscht zusammen mit seinem Team und Medizinern in ganz Deutschland, wie sich Corona auf Kinder auswirkt: Professor Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik am Uniklinikum Dresden.
Erforscht zusammen mit seinem Team und Medizinern in ganz Deutschland, wie sich Corona auf Kinder auswirkt: Professor Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik am Uniklinikum Dresden. © Sven Ellger

Dresden. Für die ersten von Corona Betroffenen zu Beginn der Pandemie liegt die Infektion schon Monate zurück. Doch für manche von ihnen gehören die Beschwerden nicht der Vergangenheit an. Im Gegenteil: Sie fühlen sich plötzlich schlecht, obwohl sie die Erkrankung überstanden haben, etliche sogar ohne nennenswerte Symptome.

Der Begriff Long-Covid-Syndrom geistert durch die Fachwelt, Medien greifen das Phänomen auf. Mediziner beobachten Langzeitfolgen auch bei Kindern.

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Die Halbjahresnoten glattgebügelt und der Vorsatz, nochmal richtig Gas zu geben, zeigen es!

Die SZ spricht mit Professor Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Dresden über Erkenntnisse, offene Fragen sowie Sinn und Unsinn der Massentestungen an Schulen.

Professor Reinhard Berner, im Juni des vergangenen Jahres begann unter Ihrer Leitung die erste Studie zur Verbreitung von Corona an Dresdner Schulen. Wie viel schlauer sind Sie ein Dreivierteljahr später?

Wir hatten damals die Vermutung, dass Kinder sehr viel weniger ansteckend sind als Erwachsene. Heute wissen wir: Sie sind etwa um die Hälfte weniger infektiös. Das haben wir aus unseren eigenen Erhebungen ableiten können, und das entspricht auch den Erkenntnissen der Forschungen weltweit. Wir wissen außerdem, dass Infektionswellen bei Kindern bisher zeitversetzt zu den Erwachsenen verlaufen. Baut sich bei Erwachsenen eine Infektionswelle auf, folgen die Kinder wenige Wochen später. Andersherum ist es beispielsweise bei der Virus-Grippe Influenza. Da stecken sich zuerst die Kinder an und bei ihnen dann die Eltern, Großeltern, Lehrer, Erzieher, Trainer.

Jetzt schwingt sich die dritte Welle auf, und es scheinen extrem viele Kinder betroffen zu sein. Warum?

Weil sie mit der Schulöffnung nun viel häufiger als im Lockdown getestet werden. Die Zahlen des Robert-Koch-Institutes zeigen eindeutig, dass der enorme Anstieg der Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit den vermehrt durchgeführten Tests steht. Es gibt nicht mehr infizierte Kinder. Die sogenannte Positivitätsrate, das heißt der prozentuale Anteil positiver Tests bei Kindern, ist sogar leicht gesunken. Die hohen Fallzahlen entstehen ausschließlich durch die gestiegene Zahl der Tests. Das wirkt sich dann auch unmittelbar auf die Gesamtzahlen aus.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Virusvarianten?

Für die steigenden Fallzahlen spielt das im Moment keine Rolle. Wie gesagt: Die Positivitätsrate bei Kindern sinkt sogar. Grundsätzlich besteht kein Zweifel daran, dass die sogenannte britische Variante infektiöser ist. Hinzufügen möchte ich aber, dass die Hygienemaßnahmen AHA-L trotzdem genau so wirksam sind.

Was bedeutet das für die Sieben-Tage-Inzidenz als Grundlage für die Einschätzung der Pandemieentwicklung?

Die 7-Tage-Inzidenz ist noch weniger als vorher geeignet, davon nötige Maßnahmen abzuleiten. Wenn sich die Teststrategien ändern, sind die Inzidenzzahlen nicht mehr vergleichbar. Und die Teststrategien ändern sich durch die Schnelltests derzeit massiv. Es gibt ergänzende Kennzahlen, wie zum Beispiel die Test-Positiv-Rate, die aussagt, wie hoch der Anteil der infizierten Menschen unter den Gentests ist. Oder die Ermittlung der Rate der Testpositiven unter den über 60-Jährigen, weil diese Risikogruppe erfahrungsgemäß schwerere Krankheitsverläufe hat. Von dieser Personengruppe hängt wesentlich ab, wie belastet unser Gesundheitssystem ist.

Aber auch Langzeitfolgen spielen eine Rolle. Was weiß man inzwischen darüber?

Als Kinderarzt bin ich nicht geeignet, um über das Problem Long-Covid bei Erwachsenen zu sprechen. Ich kann nur etwas dazu sagen, was die Kinder betrifft - und da ist unser Wissenstand bisher noch recht gering. Zwar registrieren wir hier am Universitätsklinikum Dresden seit genau einem Jahr alle Fälle von Kindern, die aufgrund einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden mussten. Mehr als 200 von den insgesamt etwas über 300 Kinderkliniken Deutschlands melden uns ihre Fälle und Erfahrungen.

Wie viele Fälle haben Sie auf diese Weise gezählt?

Rund 1.000 Kinder bundesweit kamen mit einer Corona-Infektion in ein Krankenhaus, wenige davon waren schwer krank. Etwa fünf Prozent mussten auf der Intensivstation behandelt werden - also rund 50 Kinder in einem Jahr in ganz Deutschland. Wir führen auch ein Register über die Kinder, die an PIMS erkrankt sind. Die Abkürzung steht für Paediatric inflammatory multisystem syndrome. Das ist eine sehr schwere Entzündungsreaktion im Körper, die mit hohem Fieber einhergeht und alle Organsysteme betreffen kann. Kinder erkranken daran etwa vier Wochen nach einer Corona-Infektion. Es ist fest davon auszugehen, dass das miteinander in Zusammenhang steht. In ganz Deutschland wissen wir von rund 250 solcher Fälle.

Ein Viertel der schwer erkrankten Kinder?

Nein, PIMS kann auch Kinder betreffen, die keinen schweren Krankheitsverlauf hatten, vielleicht sogar symptomfrei waren. Die Zahl bezieht sich also auf alle bisher mit dem Coronavirus infizierten Kindern bundesweit.

Was wissen Sie über Long-Covid-Syndrom bei Kindern und Jugendlichen?

Wie gesagt, sind wir da noch nicht sehr weit. Wir beobachten und bekommen von Kinderärzten und anderen Kinderkliniken gemeldet, dass Kinder plötzlich blaue Zehen bekommen. Die Flecken erinnern an Erfrierungen. Das und weitere Hautauffälligkeiten sind sichtbare Symptome, anders als Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Schlaf- und Einschlafprobleme, Erschöpfungszustände und Konzentrationsprobleme, von denen uns ebenfalls berichtet wird.

Wie viele Kinder betrifft das?

Noch haben wir davon keine konkrete Vorstellung, weil die Eltern mit ihren Kindern ja nicht auf geradem Weg in die Klinik kommen, sondern zunächst zum Kinderarzt gehen. Außerdem sind nicht sichtbare Beschwerden wie Kopfschmerzen und Schlafstörungen schwer von postpandemischen Problemen zu unterscheiden. Unterschätzen sollte man die Sache jedenfalls nicht. Daher eröffnen wir in diesen Tagen hier in Dresden auch für diese Fälle ein bundesweites Register.

Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht Folgen der Pandemie, die nicht unmittelbar mit einer Corona-Erkrankung zu tun haben?

Ich nehme die psychischen Folgen für Kinder und Jugendliche sehr ernst. Damit umzugehen, wird eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre und aus meiner Sicht ein Riesenthema für die Politik. Denn diese Nachwirkungen werden viele Ressourcen und natürlich auch Geld erfordern, um Kindern und Jugendlichen ausreichend Angebote zu machen, die ihnen dabei helfen, die Folgen der Lockdown-Monate zu überwinden.

Was konkret befürchten Sie?

Nur ein paar Beispiele: Hunderte Kinder lernen das Schwimmen nicht. Das lässt sich nicht einfach im nächsten Jahr aufholen, denn dann sind die nächsten Jahrgänge im Schwimmunterricht der Schulen dran. 18 Kinder im Vorschul- und fünf Kinder im Grundschulalter starben 2020 bundesweit im Wasser. Circa 60 Prozent der unter Zehnjährigen können nicht sicher schwimmen. Die DLRG hat die größte Sorge, dass sich die Situation weiter verschärft. Eine Leipziger Studie belegt, dass Kinder in allen Altersgruppen im Laufe der Corona-Zeit durchweg dicker geworden sind. Vielleicht essen nicht alle mehr als zuvor, aber es fehlt ihnen Bewegung. Von den seelischen Belastungen durch fehlende Kontakte zu Freunden, Homeschooling und Stress in den Familien ganz abgesehen. Kindeswohlgefährdung ist ein Riesenthema.

Auf welche Weise können Sie mehr über psychische oder physische Langzeitfolgen bei Kindern erfahren?

Gerade eröffnen wir das erwähnte neue Register, in dem wir Daten zu solchen Symptomen nach Corona-Infektion sammeln. Außerdem starten wir, parallel zum dritten Teil unserer Studie zur Verbreitung von Corona an Schulen und der Infektiosität von Kindern, eine Erhebung zu den Langzeitfolgen. Über die Auswertung von Fragebögen wollen wir erfahren, welche Beschwerden Kinder haben und wie viel davon auf eine durchgemachte Corona-Infektion und wie viel alleine auf den Lockdown zurückzuführen ist. Ich bin sicher, diese Untersuchung wird uns sehr viel Aufschluss geben.

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