merken
PLUS Dresden

Corona-Nachtstreife im Dresdner Szenekiez

Normalerweise ist die Neustadt in keiner Nacht ruhig. Jetzt ist das anders. Doch nicht jeder kennt die neuen Regeln schon. Auf Corona-Streife mit der Polizei.

Corona-Streife im Szeneviertel: Auch Eric Piesk und Isabell Werner haben die Neustadt noch nie so leer gesehen.
Corona-Streife im Szeneviertel: Auch Eric Piesk und Isabell Werner haben die Neustadt noch nie so leer gesehen. © Sven Ellger

Dresden. Das Klacken der Ampel ist an diesem Abend überdeutlich zu hören. Kein Automotor übertönt es, keine Geräusche von Feiernden dämpfen das Signal, das Blinden zeigen soll, wo die Ampel steht und was sie anzeigt. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Es ist 22.30 Uhr, der erste Abend, an dem die Corona-Ausgangssperre greift.

Die Neustadt-Kreuzung Louisenstraße/Rothenburger Straße, auch als "Assi-Eck" bekannt, ist verwaist. Wenn ein Auto vorbeikommt, ist es fast immer der VW-Transporter mit den Kollegen von Eric Piesk und Isabell Werner. Eine Polizeistreife auf Kontrolltour, so wie das Duo aus dem Revier Dresden-Nord, das an diesem Abend zu Fuß unterwegs ist.

Imbiss schließt verspätet

22 Uhr haben sie sich auf dem Albertplatz auf den Weg gemacht. Zuerst auf der Alaunstraße bis zur Louisenstraße. So einen Abend haben auch die zwei jungen Polizeibeamten noch nicht erlebt, eine Ausgangssperre mussten sie noch nie überwachen. "Die Regeln sollten bekannt sein, Verstöße werden jetzt konsequent geahndet", sagt Piesk. "Inzwischen müssen die Leute wissen, was erlaubt ist und was nicht."

Anzeige
Hier wird die Zukunft entwickelt
Hier wird die Zukunft entwickelt

Spitzenforschung und Lehre auf hohem Niveau gibt es auch außerhalb von Großstädten und Ballungszentrum: nämlich an der Hochschule Zittau/Görlitz.

Damit beschreibt er, was für die Dresdner Polizei insgesamt gilt in dieser Zeit. Menschen, die sich an die Corona-Regeln halten, sollen durch solche Einsätze in ihrem Verhalten bestärkt werden. Und Menschen, die sich nicht daran halten, müssen unmittelbar mit Konsequenzen rechnen.

Zehn Minuten sind vergangen, als Eric Piesk und Isabell Werner in Höhe der Scheune auf einen Imbiss aufmerksam werden. Hinten diskutieren vier Männer, vorn am Tresenfenster stehen Bierflaschen verkaufsbereit auf einer Glasplatte. Darunter liegen mehrere angeschnittene Pizzen. Eigentlich sollte der Laden seit wenigstens zehn Minuten geschlossen haben.

Eric Piesk fragt nach. "Unser Chef hat uns das nicht gesagt", erklärt ein Mitarbeiter, warum der Imbiss noch geöffnet hat. "Wir wussten das nicht." Dann ruft er seinen Chef an und gibt sein Handy dem Polizisten. Piesk spricht mit dem Mann, verweist dabei auf die bereitliegenden Pizzen und schreibt sich schließlich die Daten des Geschäfts auf. Sie werden später ans Ordnungsamt der Stadt geschickt, das dann entscheiden muss, ob eine Strafe fällig wird.

Auch nach 22 Uhr werden hier noch Getränke und Pizza feilgeboten. Ein Verstoß gegen die aktuellen Corona-Regeln.
Auch nach 22 Uhr werden hier noch Getränke und Pizza feilgeboten. Ein Verstoß gegen die aktuellen Corona-Regeln. © Sven Ellger

Der Strafen-Katalog ist zuletzt gewachsen. 150 Euro kostet ein Verstoß gegen das Verbot, jetzt noch Alkohol auszuschenken. 60 Euro sind fällig, wird man beim Bier- oder Glühweintrinken in der Öffentlichkeit erwischt. Genau so viel wie die vergessene Schutzmaske und ein Verstoß gegen die Ausgangssperre.

Auf der Görlitzer Straße kommt den zwei Polizeibeamten ein Paar entgegen. Ein älterer Mann und eine junge Frau, ohne Maske. Sie ziehen schnell ihre Schals vors Gesicht, als sie von Eric Piesk angesprochen werden. Es sind Manfred Hesel und seine Tochter. "Wir haben noch für ihren Bachelor gelernt", sagt der Vater, "wir kommen von der Erlenstraße und ich bringe meine Tochter nach Hause".

Eigentlich finden Piesk und seine Kollegin den Begleitservice gut. Aber die beiden verstoßen gegen die Ausgangssperre ab 22 Uhr. Auch ihre Namen werden notiert und später ans Ordnungsamt weitergeleitet. Greift die Stadtbehörde durch, bekommen sie Rechnungen über je 60 Euro.

Keine Maskenpflicht auf leeren Straßen

Dass Manfred Hesel und seine Tochter ohne Mund-Nase-Schutz unterwegs waren, ist dagegen kein Problem. Denn der muss nur getragen werden, wenn man mit mehreren Fremden zusammentrifft. Zum Beispiel vor dem Eingang eines Geschäfts, an einer Haltestelle, an einer Kreuzung. Die Polizei hätte sich eine genauere Regelung gewünscht, denn in der Corona-Verordnung des Freistaats steht nichts darüber, was "mehrere" wirklich bedeutet.

In dieser Nacht ist das aber kein Thema, denn die Straßen sind fast leer. Wer jetzt noch unterwegs ist, zum Beispiel von der Arbeit kommt oder zur Arbeit will, sollte das mit einem Schreiben seines Arbeitgebers belegen können, sagen die Polizisten. "Triftige Gründe" seien nötig, wenn man trotz Ausgangssperre draußen ist.

Dazu gehört auch die "unabdingbare Tierversorgung", liest Rico Piesk in seiner Mappe, in der er einen Ausdruck der Corona-Regeln liegen hat. Ein paar Meter weiter ist eine Frau mit ihrem Hund unterwegs. Gassi-Gehen ist erlaubt.

Auf der Sebnitzer Straße schleppt ein Pärchen mehrere zusammengefaltete Umzugskartons durch die Nacht. "Wir wohnen hier und wollen zu einem Freund", erklären sie ihren Weg. Es ist inzwischen 22.40 Uhr. Offenbar wollen sie ihm die Kisten vorbeibringen. Das ist aber kein triftiger Grund für den nächtlichen Neustadt-Spaziergang. Die zwei Studenten haben nicht mal ihre Ausweise dabei. Piesk schreibt sie ebenfalls auf, dann drehen sie um und gehen wieder nach Hause.

Nicht jedes Detail der Corona-Regeln haben die Beamten im Kopf. Gibt es Zweifel, wird nachgelesen.
Nicht jedes Detail der Corona-Regeln haben die Beamten im Kopf. Gibt es Zweifel, wird nachgelesen. © Sven Ellger
Dieses junge Paar schleppte mehrere Umzugskisten durch die Neustadt. Zu spät, es war lange nach 22 Uhr.
Dieses junge Paar schleppte mehrere Umzugskisten durch die Neustadt. Zu spät, es war lange nach 22 Uhr. © Sven Ellger
Zu Fuß und im Streifenwagen überwacht die Polizei jetzt die Ausgangssperre wie hier auf der Louisenstraße.
Zu Fuß und im Streifenwagen überwacht die Polizei jetzt die Ausgangssperre wie hier auf der Louisenstraße. © Sven Ellger
Alles richtig gemacht: Dieses Lokal auf der Görlitzer Straße hatte rechtzeitig geschlossen.
Alles richtig gemacht: Dieses Lokal auf der Görlitzer Straße hatte rechtzeitig geschlossen. © Sven Ellger

Der Kontrollgang führt auf der Alaunstraße noch einmal am besagten Imbiss vorbei. Drinnen brennt noch Licht, das Fenster vor dem Tresen ist inzwischen geschlossen. "Wir hoffen, dass das hilft", kommentieren die zwei Polizisten die Ausgangssperre mit Blick auf die Corona-Zahlen. "Eigentlich wünschen wir uns die Neustadt so, wie sie normalerweise ist", sagt Piesk. Das Flair des Viertels hat es ihm angetan und er mag es im Dienst genauso, wie danach. "Schließlich gehen Polizisten auch gern mal in eine Bar."

Bei den Corona-Kontrollen werden er und seine Dresdner Kollegen jetzt von einem Zug der Bereitschaftspolizei unterstützt. Die etwa 30 Beamten sind auf die vier Dresdner Polizeireviere verteilt. Tagsüber und nachts helfen sie, die aktuellen Regeln durchzusetzen. "Unser Arbeitsschwerpunkt hat sich etwas geändert", sagt Piesk. Mehr Corona, weniger allgemeine Kriminalität?

Mehr Corona ja, weniger allgemeine Kriminalität kann er nicht bestätigen. "Wir nehmen genau so viele Kellereinbrüche auf, wie sonst auch", meint der Polizeioberkommissar. Das bestätigt auch Polizeisprecher Marko Laske. "Ein signifikanter Rückgang von Straftaten und Verkehrsunfällen ist derzeit nicht festzustellen", sagt er. Ob es so weitergeht, bleibe abzuwarten.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

23 Uhr setzen sich Piesk und seine Kollegin in ihren Streifenwagen. Den haben sie nahe der Böhmischen Straße abgestellt, wo früher das Neustadt-Revier war. Die Fußstreife ist zu Ende, jetzt sind sie wieder mit dem Auto unterwegs. Die Neustadt behalten sie dabei weiter im Blick.

Doch auf den Straßen ist es inzwischen so ruhig, dass man das Klacken der Ampel im Zentrum des Viertels nun noch besser hört. Lange vor Mitternacht sind die Straßen in Dresdens sonst so belebtem Szeneviertel menschenleer. Das haben Polizeioberkommissar Eric Piesk und seine Kollegin Isabell Werner so noch nie gesehen.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

Weiterführende Artikel

Dresden: Maskenkontrollen jetzt in zivil

Dresden: Maskenkontrollen jetzt in zivil

Die Stadt hat die Überwachung der Corona-Regeln verschärft. Um Maskenmuffeln keine Chance zu lassen, wird jetzt auch ohne Uniform kontrolliert.

Geldstrafe für Maskenmuffel in Dresden

Geldstrafe für Maskenmuffel in Dresden

Ausreden gelten nicht mehr: Ab sofort werden beim ersten Verstoß gegen die Maskenpflicht 60 Euro fällig. Was die Maskenprüfer auf Streife erleben.

Polizei kontrolliert Maskenpflicht in Dresden

Polizei kontrolliert Maskenpflicht in Dresden

Zum ersten Mal prüfen Ordnungsamt und Polizei gemeinsam, ob die Dresdner in den Bahnen Masken tragen. Die SZ war beim Einsatz dabei.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden