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Corona setzt Orgelbauern Jehmlich zu

Die Dresdner Orgelbauerfamilie wartet auf Impfungen für ihre Mitarbeiter, die auf Montage müssen. Das ist nicht das einzige Problem dieser Zeit.

Fünfte und sechste Generation: Senior Horst und Junior Ralf Jehmlich. Seit mehr als 200 Jahren baut die Familie Orgeln.
Fünfte und sechste Generation: Senior Horst und Junior Ralf Jehmlich. Seit mehr als 200 Jahren baut die Familie Orgeln. © Sven Ellger

Dresden. Diese Aufmerksamkeit können Jehmlichs gut gebrauchen. Und mit ihnen all ihre Berufskollegen in ganz Deutschland. Der Deutsche Musikrat hat die Orgel zum Instrument des Jahres 2021 gewählt, was auch die Orgelbauer einmal mehr ins Gespräch bringt.

Corona hat ihnen zugesetzt. Das mehr als 200 Jahre alte Familienunternehmen "Jehmlich Orgelbau Dresden" baut und restauriert Orgeln auf der ganzen Welt - vorausgesetzt die Mitarbeiter können auf Montage reisen, die Kirchen haben genug Geld, Kommunen stehen finanziell gut da und Sponsoren realisieren ihre Herzensprojekte.

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Horst Jehmlich läuft quer über den Hof vom Hinter- zum Vorderhaus an der Großenhainer Straße. "Ich will mal nach der Baustelle sehen", murmelt er und überlässt es seinem Sohn Ralf, aus der langen Geschichte des Traditionsbetriebes zu erzählen. Letztlich ist damit auch verbunden, was gerade im der Straße zugewandten Gebäude passiert. Dort gab es schon früher Wohnungen für die Angestellten des Orgelbauunternehmens. Saniert wurde das Haus in den 1990ern bereits, aber jetzt sollen seine Jugendstilelemente noch viel hochwertiger restauriert werden.

Porzellan zum Klingen bringen

Bereits in der sechsten Generation entwerfen, fertigen, warten und reparieren Jehmlichs Orgeln, jedes neue Instrument ein Unikat, handgefertigt in der Werkstatt hinter besagtem Wohnhaus. Insgesamt 1.165 Orgeln hat die Familie mit ihren Mitarbeitern im Laufe der Jahrhunderte schon gebaut, angefangen 1808. Seit 1897 ist das Unternehmen in Dresden am jetzigen Standort ansässig.

Dort wohnen auch Junior Ralf Jehmlich mit seiner Familie und Senior Horst. "In einem Familienbetrieb ist das sinnvoll. Da fallen außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten Aufgaben an, um die wir uns so viel besser kümmern können", sagt Ralf Jehmlich.

Gerade haben er und sein Team von 15 Angestellten die Restaurierung der Orgel in der Frauenkirche Meißen beendet. "Wenn nach einer langen, aufwändigen Bauzeit zum ersten Mal der Klang der Orgel ertönt, sind das ganz besondere Momente", sagt er. In diesem Fall vor allem deshalb, weil Jehmlichs das erste Klangwerk aus Porzellan in eine Kirche eingebaut haben.

Naheliegend aus Meissener Porzellan. Orgelpfeifen aus diesem Werkstoff zu bauen, ist ein langwieriges und extrem teures Unterfangen. Denn Porzellan lässt sich nicht so selbstverständlich zum Klingen bringen wie Metall. Ralf Jehmlich wiegt eine mehr als einen Meter lange, armdicke Pfeife in beiden Händen und erklärt: "Diese allein kostet rund 6.000 Euro. Aus Metall bekommt man zu diesem Preis ein ganzes Register."

Die restaurierte Orgel wurde im Februar wieder in die Frauenkirche Meißen eingebaut. Zu Pfingsten war das Mammutprojekt beendet: "Ein ganz besonderer Moment!"
Die restaurierte Orgel wurde im Februar wieder in die Frauenkirche Meißen eingebaut. Zu Pfingsten war das Mammutprojekt beendet: "Ein ganz besonderer Moment!" © Claudia Hübschmann

In der Lutherkirche Apolda neigt sich die Restaurierung der Orgel ebenfalls dem Ende zu. Die Montage ist abgeschlossen, nun geht es ans Stimmen. In Gönnsdorf kümmern sich die Fachleute unterdessen um eine Welte-Philharmonieorgel, die in einer Privatvilla steht. "Sie hat eine Selbstspielautomatik. Sogar die dazugehörigen Lochstreifen-Papierrollen sind noch erhalten", erzählt Ralf Jehmlich begeistert. Laut dem Technikmuseum Speyer gelten Welte-Orgeln als die aufwändigsten mechanischen Musikinstrumente, die jemals entwickelt wurden. Nur sechs davon seien weltweit gebaut worden.

Im mecklenburgischen Groß Salitz setzen die Orgelbauer ein zwar kleines, aber historisch sehr bedeutendes Instrument wieder instand. Über ein halbes Jahr lang haben sie daran in der Werkstatt gearbeitet. Dieser Tage beginnt die Montage vor Ort.

Reisen gehört zur Arbeit der Jehmlich-Orgelbauer genauso wie die langwierige, hoch konzentrierte Fertigung in der Werkstatt. Dort stehen zwar inzwischen auch einige moderne Maschinen. Bestimmte Arbeitsgänge jedoch lassen sich heutzutage nicht anders vollziehen als zu Zeiten der Gebrüder Gotthold und Gottlieb Jehmlich Anfang des 19. Jahrhunderts. Einzelanfertigung bleibt Einzelanfertigung, da geht nichts maschinell oder gar von der Stange.

Holz- und Zinnpreise explodieren

Sobald es jedoch so weit ist, dass eine Orgel in ihren unzähligen Einzelteilen verladen und von Dresden aus zum Ort ihres künftigen Klanges gebracht werden soll, stehen Horst und Ralf Jehmlich seit mehr als einem Jahr vor großen Herausforderungen. Die hängen an einem Hemmnis, das so viele Unternehmen zu spüren bekommen: Corona.

"Die Montage am Bestimmungsort übernehmen vorwiegend unsere jüngeren Mitarbeiter, und die gehören keiner Priorisierungsgruppe an", sagt Ralf Jehmlich. Dass mit dem 7. Juni in Sachsen die Priorisierungen zur Coronaschutzimpfung aufgehoben sind, hilft wenig, solange Impfstoff fehlt. Geimpft oder nicht - die Reisebestimmungen in vielen Ländern sind nach wie vor ebenso unterschiedlich wie undurchsichtig. Wenn hier oder da Quarantäne drohen, lassen sich Montagen, Reparaturen oder Restaurierungen nicht umsetzten.

Lea Jehmlich spielt eine kleine Orgel, die einst für die Unterkirche der Frauenkirche gebaut wurde. Die 18-Jährige gehört zur siebenten Generation des Familienunternehmens.
Lea Jehmlich spielt eine kleine Orgel, die einst für die Unterkirche der Frauenkirche gebaut wurde. Die 18-Jährige gehört zur siebenten Generation des Familienunternehmens. © Sven Ellger

Dabei drängt die Zeit - ganz besonders, wenn sich der Holzwurm in ein Instrument frisst. Jehmlichs sind dafür bekannt, dass sie so schonend wie möglich restaurieren und nur so viel neues Material wie nötig dabei verwenden. Schließlich soll die Historie einer jahrhundertealten Orgel so weit es geht erhalten bleiben. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr originales Holz wird unbrauchbar.

"Allerdings stagnieren Aufträge zusätzlich, weil nötige Entscheidungen gerade nicht getroffen werden", sagt Ralf Jehmlich. Kirchen büßen seit Monaten Gelder ein, die über Konzerte eingespielt werden sollten. Kommunen und Gemeinden müssen auf Sparprogramm schalten. Sponsoren kürzen ihr Engagement, weil sie selbst in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind.

Und ist ein Förderantrag nach langer Wartezeit endlich bewilligt, kommt die Finanzierung wieder ins Wanken, weil die Preise für Bauholz und Metalle rasend schnell steigen. "Holz lagern wir über Jahre ein, damit es trocknet. In dieser Hinsicht leben wir noch von älteren Beständen. Aber allein das Zinn kostet innerhalb eines Jahres fast doppelt so viel."

Siebente Generation im Gleichklang

All das sind drängende Probleme für Jehmlich Orgelbau Dresden. Doch die Familie bleibt optimistisch: "Wir haben auch schon andere schwere Zeiten überstanden", sagt Horst Jehmlich. Er bleibe zuversichtlich.

Die Zuversicht ist gerade 18 Jahre alt geworden und hat lange braune Haare. Sie sitzt an einer Miniatur-Orgel, die von der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche zurück in Jehmlichs Obhut gegeben wurde, und spielt. Lea ist Ralf Jehmlichs jüngere Tochter. Mit seiner Frau Evelyn hat er außerdem Sohn Emil. Sie sind die siebente Generation unter diesem Dach. Schon jetzt sei seine Familie die älteste Orgelbauerfamilie der Welt, deren Unternehmen lebendig ist, sagt Horst Jehmlich stolz. Das soll es bleiben.

Anlässlich des Jahres der Orgel fördert der Sächsische Musikrat 2021 Veranstaltungen rund um das Thema Orgel mit 250 Euro. Die Kosten tragen das Sächsische Kultusministerium und die Arbeitsstelle Kirchenmusik der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Anträge können noch beim Sächsischen Musikrat gestellt werden. Ein entsprechendes Formular und weitere Informationen sind hier zu finden.

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