merken
PLUS Sachsen

13. Februar: „Werden wir morgen noch leben?“

Sie sind achtzig Jahre und älter, haben den Krieg erlebt. Wie geht es ihnen jetzt in der Corona-Zeit? Fünf Menschen erzählen von Entbehrungen, Ängsten und Hoffnungen.

Dieter und Rosemarie Seidlitz, 86 und 83 Jahre alt, trotzen der Corona-Zeit in ihrer Dresdner Wohnung mithilfe von guten Büchern.
Dieter und Rosemarie Seidlitz, 86 und 83 Jahre alt, trotzen der Corona-Zeit in ihrer Dresdner Wohnung mithilfe von guten Büchern. © Thomas Kretschel

Helga Skoczowsky, 85: Die Februartage sind immer schwierig, obwohl seit der Bombardierung Dresdens 76 Jahre vergangen sind. Ich war neun Jahre alt, und dennoch sehe ich alles ganz genau vor mir. Beim ersten Angriff am 13. Februar waren wir im Keller unseres Hauses in Striesen, meine Mutter, meine sechsjährige Schwester und ich.

"Entschuldigen Sie, dass ich weine"

Mein Vater war im Krieg. Nach dem Angriff sind wir raus. Wir wohnten im vierten Stock, und das Haus war bis zum ersten Stock weg. Wir hatten auf einen Schlag alles verloren. Meine Mutter dachte fieberhaft darüber nach, wo wir hinsollen. Aber egal, wo wir hingehen wollten, überall waren Trümmer, Schutt, Brände, Rauch, schreiende Menschen, Chaos.

Anzeige
Zeig dein Können und sei dabei!
Zeig dein Können und sei dabei!

Sport-Asse, Anfänger, Neugierige: der Moritzburger Schlosstriathlon bietet Strecken für Jedermann. Und Sponsor LandMAXX verlost Startplätze.

Bitte entschuldigen Sie, dass ich weine. Je älter ich werde, desto mehr erinnere ich mich, gerade an die schlimmen Dinge. Und jetzt, in diesen Corona-Zeiten, ist es für mich noch schwieriger. Es gibt wenig, das einen ablenkt. Ich wohne in einem Pflegeheim und komme derzeit kaum aus meinem Zimmer. Meine Schwester darf mich seit Wochen nicht besuchen. Ich habe sonst niemanden mehr. Mein Lebensgefährte ist vor einigen Jahren gestorben, ich habe keine Kinder.

Helga Skoczowsky, 85, wohnt in einem Pflegeheim in Dresden.
Helga Skoczowsky, 85, wohnt in einem Pflegeheim in Dresden. © kairospress

Mit dem Rollator kann ich mich noch einigermaßen bewegen. Ich laufe ein bisschen im Zimmer hin und her bis zu meinem Balkon. Zum Glück habe ich einen Balkon, mit Blick auf einen Park. Es wäre schön, wenn ich draußen noch ein bisschen herumrennen könnte.

Nein, ich will nicht jammern, ich bin hier gut versorgt, ich sitze in einer warmen Stube und habe zu essen. Ich mache gern Kreuzworträtsel, lese, sehe fern. Jeden Morgen wird mir meine Sächsische Zeitung gebracht. Mit meiner Schwester telefoniere ich täglich zweimal. Das sind meine Verbindungen zur Welt. Ich will wirklich nicht jammern, aber es befremdet mich, wenn ich im Fernsehen sehe und höre, wie schwierig das alles heute für die Kinder und deren Eltern sein soll. Es heißt, dass sie psychisch extrem belastet sind. Es mag vieles schwierig sein für sie, aber eine extreme Belastung ist etwas anderes, finde ich. Mein Großvater hat sich unmittelbar nach dem Bombardement das Leben genommen. Meine Großmutter hat das nicht verkraftet, sie starb 1947. Mein Vater kam nicht mehr aus dem Krieg. Er ist am 10. Mai 1945 gestorben.

Meine Mutter hat es zweieinhalb Jahre später erfahren. Sie hatte intensiv gesucht, gebangt und gehofft, und eines Tages saß sie am Küchentisch, mit dem Brief des Suchdienstes in der Hand, und weinte. In den Jahren nach 1989 habe ich erstmals sein Grab besucht. Er liegt in Westdeutschland auf einem Soldatenfriedhof, mit vielen anderen.

Natürlich gab es auch schöne Zeiten in meinem Leben. Ich habe als Sekretärin in der Direktion eines Kombinats gearbeitet. Die Arbeit hat mir große Freude gemacht. Was mir sehr viel Kraft gegeben hat, war die Kultur. Ich bin in jede Ausstellung gegangen, ins Kino und in Konzerte. Ich habe sehr gern getanzt. Außerdem habe ich mich bei der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945 engagiert. Ich war Schriftführerin und habe geholfen, die Treffen der Zeitzeugen zu organisieren. Ich habe dabei gute Freunde gefunden. Viele sind jedoch inzwischen verstorben.

Geblieben sind die Glocken. Jedes Jahr am 13. Februar lausche ich um 21.50 Uhr dem Geläut. Wenn ich es höre, denke ich an das, was ich erlitten habe, an die Verstorbenen. Und daran, dass die Deutschen nie mehr einen Krieg beginnen dürfen, der dann zu solch schrecklichen Dingen führt. Auch diesen Sonnabend werde ich auf meinem Balkon stehen, den Glocken zuhören und still gedenken.

"Musik macht vieles leichter"

Dieter und Rosemarie Seidlitz, 86 und 83 Jahre alt, trotzen der Corona-Zeit in ihrer Dresdner Wohnung mithilfe von guten Büchern, Musik und Humor. Wir haben das Ehepaar interviewt:

Viele Menschen klagen über die Einschränkungen in der Corona-Zeit. Geht Ihnen das auch so?

Er Ich empfinde die Einschränkungen bisher als erträglich. Wir können noch spazieren gehen und das Nötige einkaufen. Meine Frau ist 83, ich bin 86. In unserem Alter muss man sich ohnehin einschränken. Wir sind nicht mehr so beweglich wie einst, das setzt Grenzen.

Sie Wir haben genügend Bücher, können Musik hören und bekommen regelmäßig unsere Rente. Und unseren Humor haben wir noch nicht verloren.

Rosemarie und Dieter Seidlitz.
Rosemarie und Dieter Seidlitz. © Thomas Kretschel

Er Wir haben außerdem in unserem Leben schon andere Einschränkungen kennengelernt. Ich würde sagen, das war keine schlechte Schule.

Haben Sie den 13. Februar 1945 in Dresden miterlebt?

Sie Nein, obwohl ich in Dresden geboren wurde und aufgewachsen bin. Meine Mutter hatte mich im Oktober 1944 zur Sicherheit aufs Land zu meiner Großmutter gebracht. Mein Vater war als Soldat eingezogen. In der Nacht des 13. Februar weckte mich meine Großmutter und zeigte mir den blutroten Himmel. „Dresden brennt“, sagte sie. Meine größte Sorge galt zunächst meinem Puppenhaus, das in unserer Wohnung in Johannstadt geblieben war. „Ist mein Puppenhaus auch verbrannt?“, fragte ich immer wieder. Eine Woche lang hörten wir nichts von meiner Mutter. Schlimme Tage voller Bangen vergingen, dann endlich sahen wir sie wieder. Sie hatte sich aus dem brennenden Haus retten können und kam zu Fuß ins Erzgebirgsdorf.

Er Ich stamme aus Lauchhammer. Nach Dresden kam ich in den 1950er-Jahren zum Architekturstudium. Ich glaube, das meiste im Krieg hatten unsere Eltern und Großeltern zu tragen, aber wir haben gelernt, unter problematischen Bedingungen zurechtzukommen. Meine Frau und ich haben 1962 geheiratet. Unsere erste gemeinsame Wohnung war ein achteinhalb Quadratmeter großer Raum unter dem Dach, das nicht gedämmt war. Wir hatten nicht viel, aber wir hatten viele Freunde. Es gab einen festen Zusammenhalt, der über vieles hinweghalf.

Sie Nach dem Angriff war alles weg. Mein Vater kam heil aus dem Krieg. Er bekam bald eine Stelle als Beleuchter im Staatstheater. Die Spielstätte war für einige Jahre das Kulturhaus Bühlau. Die Semperoper war ja zerstört. Mein Vater nahm mich oft mit nach Bühlau, wo ich von der Beleuchterempore meine ersten Opern hörte. Bald war ich erfüllt von der Musik. Ich kann heute noch ganze Opern nachsingen. Für mich ist Musik lebensnotwendig, lebensbereichernd geworden. Sie hat mich auch beruflich begleitet. Ich war Lehrerin für Musik und Russisch.

Singen Sie noch?

Sie Ja, in einem Seniorenchor. Er heißt Musika 74. Wir haben einen jungen Dirigenten, der uns mitreißt. Bis zu den Einschränkungen durch Corona haben wir jeden Donnerstag geprobt und haben Konzerte gegeben, vielfach in Pflegeheimen. Noch im vergangenen Sommer haben wir in Höfen und Gärten von Pflegeheimen auftreten können. Wir standen auf Abstand. Ohne Proben haben wir aus unserem Repertoire Mozart, Brahms, Schubert und Mendelssohn gesungen. Die Patienten saßen im Hof oder standen an den Fenstern und haben uns zugehört. Das vermisse ich sehr. Mir fehlen auch die persönlichen Kontakte zu den Chormitgliedern – und die herzlichen Umarmungen.

Empfinden Sie das ständige Zusammensein und das Fehlen von direkter Kommunikation mit anderen als belastend?

Sie Natürlich gibt es Reibereien, aber nicht wegen Corona. Das wird geglättet.

Er Wir denken lieber darüber nach, wie schön es sein wird, wenn wir den Freundeskreis wieder in größerer Runde treffen können, zum gemeinsamen Essen, Trinken und zu guten Gesprächen.

Sie Oder wenn wir wieder in die Oper, ins Theater oder in Konzerte gehen können.

Er Das direkte Erleben ist wichtig. Kontakte über technische Geräte sind es auch, aber das ist eben nur ein Ersatz.

Sie Es fühlt sich nicht lebendig an.

Er Mit unseren drei Söhnen und den Freunden sind wir ständig telefonisch, per Post oder per E-Mail in Verbindung. Die Söhne mit ihren Familien sehen wir gelegentlich. Es gibt sicher Menschen, die wesentlich mehr auszuhalten haben als wir. Ich habe großes Verständnis für Eltern mit kleinen Kindern oder alleinerziehende Mütter, die zu Hause arbeiten und Unterrichtshilfe geben müssen, und das vielleicht in einer kleinen Wohnung.

Verstehen Sie die Unzufriedenheit vieler Menschen über einen Mangel an Freiheit?

Er Das hängt davon ab, was man unter Freiheit versteht. Ich habe eine andere Auffassung von Freiheit als manche Menschen heute. Freiheit ist immer in einem. Ich habe den Eindruck, dass Freiheit mit Freizügigkeit verwechselt wird. Für mich gehört zur Freiheit auch Verantwortung und Disziplin. Verantwortung für das Wohl aller, sonst gibt es keine Freiheit.

Ärgern Sie sich manchmal über Politiker?

Sie Ich verstehe nicht, warum die Grenzübergänge nicht strenger kontrolliert wurden, als steigende Infektionszahlen im Süden von Sachsen absehbar waren.

Er Mich stören weniger Politiker, sondern die heillose Informationsflut, die seit Monaten über uns hereinbricht. Ich habe den Eindruck, dass unter den sogenannten Experten zu viele Selbstdarsteller auftreten. Das Sich-Darstellen scheint in der heutigen Zeit eine stark ausgeprägte Verhaltensweise zu sein. Ich wünsche mir mehr sachliche und ausgewogene Informationen.

Haben Sie große Angst, dass Ihnen durch Corona etwas zustoßen könnte?

Er Wir sind in einem Alter, in dem wir uns auf der Zielgeraden befinden. Vor uns liegt nicht mehr so viel Lebenszeit, auch ohne Corona.

Sie Auch ohne Corona-Einflüsse haben wir in den letzten Jahren einige gute Freunde verloren.

Er Und wir wissen, wie gut es ist, wenn der Partner, mit dem man durchs Leben gegangen ist, noch mit einem weiter auf dem Weg ist. Schwierige Situationen lassen sich so besser ertragen.

Was gibt Ihnen seelische Kraft in diesen Zeiten?

Sie Familie und Freunde. Natürlich die Musik und gute Bücher. Wir genießen es sehr, die Zeit zu haben, um lesen und Musik hören zu können. Wir greifen in die Fächer, die lange vernachlässigt wurden, vor allem zu den Klassikern. Darin ist Tiefgründiges aufzuspüren, das hilfreich sein kann.

Er Es gibt Bücher, die mich fast lebenslang begleitet haben und zu denen ich auch jetzt greife. Für mich gehört dazu der „Faust“. Ich bin oft verblüfft, weil ich immer wieder erstaunliche Bezüge zu unserer Zeit entdecke.

Sie Große Freude bereitet uns außerdem die Post. Sehen Sie den Stapel dort hinten? Das ist die Weihnachts- und Neujahrspost, die wir diesmal bekommen haben. Mein Mann gestaltet seit 1976 ein Neujahrsbriefchen mit Zeichnungen, zugehörigem Text und einigen persönlichen Zeilen. Das beschäftigt ihn immer den ganzen Dezember hindurch.

Was haben Sie für 2021 gewünscht?

Er „Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden bleibt uns nur die bange Wahl.“ Und einen sorgenfreien Durchlauf wünsche ich uns allen.

Jammern hilft nicht

Marie-Luise und Rainer Schuster, Jahrgang 1937 und 1939, in ihrer Dresdner Wohnung. „Wir haben uns und eine warme Stube“, sagen sie.
Marie-Luise und Rainer Schuster, Jahrgang 1937 und 1939, in ihrer Dresdner Wohnung. „Wir haben uns und eine warme Stube“, sagen sie. © Thomas Kretschel

Marie-Luise und Rainer Schuster, Jahrgang 1937 und 1939: Lassen Sie uns bitte etwas langsamer laufen. Ich habe neuerdings Probleme mit dem Herzen. Hier vorne kommt jetzt gleich das Vereinsheim unserer Gartensparte, da können wir uns setzen, reden und genügend Abstand halten. Es wurde gleich nach dem Krieg aus Holz gebaut. Auf den ungefähr 60 Quadratmetern haben jahrelang zwei ausgebombte Familien gelebt. Hier über das Gelände führte die sogenannte Trümmerbahn, die Schutt aus dem Zentrum in Richtung Leuben transportierte. Wo immer ein Loch war, wurden Ziegel hineingefüllt. Als ich mein Spargelbeet angelegt habe, habe ich sechs Schubkarren voller Ziegel aus der Erde geholt. Wann immer man hier gräbt, findet man Steine aus dem zerbombten Dresden. Damit habe ich meine Kompostieranlage gebaut.

Meine Frau und ich stammen aus Leipzig. So etwas Dramatisches und Schlimmes wie die Dresdner am 13. und 14. Februar 1945 haben wir nicht erlebt. Aber ich erinnere mich an eine Bombennacht. Wir knieten auf dem Boden vor Angst, auch alle Erwachsenen. Man hörte Einschläge. Unser Haus wackelte. Das Haus links von uns war weg, rechts auch. Unseres stand noch. So haben wir überlebt.

Mein Vater kam aus dem Krieg zurück, aber meine Eltern verstanden sich nicht mehr und haben sich getrennt. Wir haben ihn im Prinzip nie mehr gesehen. Wir lebten dann in einer ziemlich bescheidenen Bude mit Plumpsklo. Etwas Kleidung und Geschirr bekamen wir geschenkt. Alles war zusammengestoppelt. Ich habe heute noch keine Geschirrspülmaschine, weil ich es genieße, unser schönes, vollständiges Geschirr mit der Hand zu spülen.

Meine Mutter war Krankenschwester, so konnte sie arbeiten und die Familie durchbringen. Sie hatte so viel auszuhalten, aber sie war freundlich und liebevoll und hat sich mit Würde durchgekämpft. Das hat mich sehr geprägt. Sie kam nur nicht zurecht mit dem Humor meines Bruders und von mir. Wir haben wohl die ironische Art unseres Vaters geerbt. Nur einmal, da war sie schlagfertig. Sie forderte mich auf, Kohlen aus dem Keller zu holen. Ich sagte: „Ich habe keine Lust.“ Daraufhin sie: „Dann holst du sie eben ohne Lust.“ Ich lachte und ging in den Kohlenkeller.

Leider ist sie schon in ihren Fünfzigern verstorben, an Krebs. Aber ich hatte inzwischen eine junge Frau mit wundervollen schwarzen Haaren kennengelernt. Marie- Luise. Irgendwie hab ich den Mut aufgebracht und sie gefragt, ob sie mal mit mir ausgeht. 1958 haben wir geheiratet und sind nach Dresden gezogen. Ich hatte nach der Schule mit 14 Jahren Stahlbauschlosser gelernt und dann ein Stipendium bekommen. So konnte ich Flugzeugbau studieren, wurde Ingenieur und bekam eine Stelle bei der Flugzeugwerft. Als wir zum ersten Mal aus dem Dresdner Hauptbahnhof traten, hatte man freien Blick bis zum Altmarkt, alle Häuser waren weg. 1959 kam unsere Tochter zur Welt, sieben Jahre später unsere andere Tochter.

Und schwupp, plötzlich sind 63 Jahre herum! Sie staunen, warum ich so häufig lache? Ja, das ist doch das Beste, was man machen kann, oder? Wir finden fast immer etwas, worüber wir lachen können. Glauben Sie nicht, dass unser Leben immer heiter und einfach war. Da gibt es schon Dinge, die uns Sorgen machen oder tief verletzt haben. Aber wir haben uns und sind Glückspilze, weil wir eine gute Rente bekommen. Dreißig Jahre mussten wir jeden Groschen dreimal umdrehen, haben viel selbst gemacht, gebaut, genäht. Ich habe jahrelang jedes Wochenende geschippt, um an eine Genossenschaftswohnung zu kommen. Das war Anfang und Mitte der 1960er-Jahre. Wir Männer haben den Schutt der Bombennacht beräumt, die Frauen haben die Ziegel gesäubert.

Jetzt genießen wir es, dass wir uns auch mal ein paar kleine Dinge leisten können. Wir haben eine warme Wohnung. Wir lesen viel. Gelesen haben wir schon immer viel, meist mit dem Atlas neben uns, um zu sehen, wohin wir im Kopf gerade reisen. Nein, das Reisen hat uns zu DDR-Zeiten nicht gefehlt. Wir konnten ein paar Mal zum Campen an den Schwieloch-See, das war so schön da. Und ich bin immer viel Rad gefahren. Die Familie sehen wir momentan selten. Wir gucken gern Fernsehen, vor allem Sport, das ist uns lieber als die ständigen Corona-Berichte. Für mich ist die Sache klar: Gegen das Virus hilft vermutlich nur der Impfstoff, und wir haben momentan nicht genug davon. Da hilft kein Gejammer, da müssen wir durch, bis es genügend Impfstoff gibt. Und bis dahin muss man sich eben vorsehen, auch wenn man, so wie ich, Masken nicht mag.

Dieses Jammern hat mich schon vor Corona gestört. Eigentlich haben alle alles oder zumindest sehr viel, und dennoch wird gemeckert. Ich muss manchmal an das Alte Rom denken. Die schwammen im Wohlstand und waren dennoch unzufrieden. Ich denke, daran ist das Römerreich letztendlich zugrunde gegangen. Deshalb habe ich Angst um unsere Welt.

Zum Glück wird jetzt bald wieder Frühling, und dann können wir in den Garten. Meine Frau pflanzt immer viele Bohnen und Blumen. Wir hängen an unserem Garten. Und das, obwohl meine Frau früher absolut keinen wollte. Was haben wir gelacht, als wir doch plötzlich einen bekamen. 1978 war das. Dieses Jahr behalten wir ihn noch. Wie es danach wird, werden wir sehen. Wissen Sie, so haben wir immer gehandelt: Nicht gefragt, was alles falsch gelaufen und nicht gut ist. Sondern versucht, uns einzustellen auf die neue Situation. Und das versuchen wir auch jetzt.

Erinnerungen geben Kraft

Dieter Weser, Jahrgang 1939, im Garten seines Hauses in Freital.
Dieter Weser, Jahrgang 1939, im Garten seines Hauses in Freital. © Thomas Kretschel

Dieter Weser, Jahrgang 1939. Neulich las ich, dass sich Eltern und Großeltern Sorgen um ihre Kinder machen. Weil sie durch Corona ihre Spielkameraden mal nicht sehen können. Drei Generationen in Deutschland haben das Glück, in Frieden und Wohlstand aufgewachsen zu sein. Dankbarkeit dafür bemerke ich selten. Stattdessen betrachten viele Frieden und Wohlstand als einklagbares Recht. Das ist es aber leider nicht. Sie sollten einmal den Blick richten darauf, was ältere Generationen erlebt haben und wie andere Menschen heute leben müssen, in Syrien zum Beispiel. Wenn man das nicht macht, verliert man das Gefühl für Verhältnismäßigkeit.

Ich bin in Dresden aufgewachsen. Meine Eltern wurden noch im Krieg geschieden. Mein Bruder und ich kamen zum Vater, unsere Schwester zur Mutter. Mein Vater war im Krieg. Deshalb wurde ich bei meinem Onkel auf dem Land geparkt, in der Lausitz. Er hatte einen kleinen Hof. Im Februar 1945 kam die Front immer näher. Wir mussten mehrmals flüchten. Wir zogen mit dem Ochsenkarren in kilometerlangen Trecks auf Landstraßen, ohne zu wissen, wo wir uns abends zum Schlafen legen dürfen. Über uns flogen russische Flugzeuge und warfen Bomben auf die Trecks. Da stand nicht die Frage nach den Freunden. Sondern: „Werden wir überleben? Werden wir zurückkönnen? Wird unser Vater jemals wiederkommen?“

Wir konnten zurück, während viele andere ihre Heimat nie wiedersahen. Mein Vater überlebte. Ich bin zu ihm nach Dresden gezogen. Der Anblick der zertrümmerten Stadt war schrecklich. Im Herbst 1945 wurde ich eingeschult. Die Aufgaben machten wir abends bei Kerzenlicht, weil häufig der Strom ausfiel. Kohlen gab es auch keine. Gehungert habe ich nicht, mein Vater sorgte gut für uns. Aber ich erinnere mich an Zeiten, als selbst die Kartoffelschalen ausgekocht wurden. Meine Mutter war im Westen, ich habe sie selten gesehen.

Nach acht Jahren Schule habe ich Stuckateur gelernt. Später, als ich verheiratet war und Familie hatte, durfte ich neben der Arbeit noch ein Studium machen. Nach der Wende machte ich mich selbstständig, habe im Baubereich gearbeitet. Dadurch konnte ich uns noch etwas erarbeiten, wir konnten reisen. Wir sehen jetzt oft unsere Urlaubsfilme an. Diese schönen Erinnerungen geben mir Kraft.

Weiterführende Artikel

So war der 13. Februar in Dresden

So war der 13. Februar in Dresden

Trotz des Lockdowns fanden am Samstag viele Veranstaltungen statt. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Der Newsblog.

Multimedia-Essay: Dresden, 13. Februar 1945

Multimedia-Essay: Dresden, 13. Februar 1945

Die größte Katastrophe der Stadt samt Vor- und Nachgeschichte: Hier erzählen wir sie in Bildern, Texten und Interviews mit Zeitzeugen.

13. Februar: Corona macht das Erinnern stiller

13. Februar: Corona macht das Erinnern stiller

Keine Großkundgebung, kein Großprotest: Die Gedenkkultur des 13. Februar in Dresden wäre ein Top-Kandidat für den Titel „Unesco-Kulturerbe“ - ein Leitartikel.

99-Jährige schildert den 13. Februar 1945

99-Jährige schildert den 13. Februar 1945

Käthe Häntzschel hat die Bombardierung Dresdens überlebt. Die Erlebnisse beschäftigen die Sebnitzerin bis heute. In einem Video erzählt sie davon.

Selbst wenn man in Zukunft wieder reisen darf, werden wir nicht mehr so viel wegfahren. Wir sind zu betagt. Aber so ist das eben. Alles hat seine Zeit. Ich bin dennoch zufrieden. Natürlich ist Corona keine einfache Zeit. Auch ich wünsche mir, dass sich die Dinge normalisieren. Mir tun vor allem die Leute leid, die jetzt nicht arbeiten können, deren Existenz in Gefahr ist. Aber ich glaube, für viele von uns ist Corona kein Weltuntergang. Hauptsache, man kommt gesund durch diese Zeit. Mit ein wenig Verständnis können wir doch die Einschränkungen der Corona-Krise wegstecken, meine ich.

Mehr zum Thema Sachsen