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Telefon-Dating für Singles im Lockdown

Auch jüngeren Menschen droht Vereinsamung. Der Dresdner Günter Kuhr bringt Alleinstehende zusammen. Doch Corona verlangt dafür neue Ideen.

Einsame Spaziergänge haben ihren Reiz. Damit das Alleinsein jedoch nicht zur seelischen Belastung wird, bietet die offene Gruppe "Freizeit Dresden" Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu finden.
Einsame Spaziergänge haben ihren Reiz. Damit das Alleinsein jedoch nicht zur seelischen Belastung wird, bietet die offene Gruppe "Freizeit Dresden" Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu finden. © Sven Ellger

Dresden. Vor über zehn Jahren hat Günter Kuhr seinen ganz privaten Lockdown erlebt. Da war von Corona noch keine Spur, und um ihn herum ging, anders als heute, das pralle Leben weiter. "Meine Frau hatte als Psychologin zur Aushilfe in Boston gearbeitet und wollte dort nicht mehr weg", erzählt der 58-Jährige. Für Günter aber kam es nicht infrage, in den USA zu leben. Auch die gemeinsamen Kinder - beide noch Teenager - wollten lieber in Dresden bleiben.

"Nahezu zur gleichen Zeit zogen unsere beiden, engstens befreundeten Pärchen nach München, um dort als Zahnärzte eine Praxis zu eröffnen." Von heute auf morgen gab es das fröhliche Sechsergespann, das sich an Wochenenden zum Reisen, Wandern, Grillen, für Kino- oder Konzertbesuche traf, nicht mehr. Vorbei die Zeit, als sich Ideen für die gemeinsame Freizeit ganz von selbst ergaben.

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Die Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 20. Januar 2021, in virtuellen Räumen statt.

"Das war erst einmal wie ein Totschlag", sagt Günter Kuhr. "Euer Papa muss sich jetzt kümmern", habe er zu seinen Kindern gesagt - und es getan. Schlimm genug, so ungewohnt allein zu sein. Einsam wollte er nicht werden. Früher oder später würden Tochter und Sohn das Haus verlassen. Als verbitterter alternder Mann zurückzubleiben, das konnte sich der lebenslustige Endvierziger nicht vorstellen.

Flirt mit Maske - aussichtslos!

Mehr als die Hälfte aller Dresdner leben allein. Die Zahl stieg zwischen 2011 und 2019 um 1,4 Prozent an. Davon sind rund 40.400 Einwohner in einem Alter, wie Günter Kuhr es bei der Trennung von seiner Frau war oder heute ist: zwischen 45 und 64 Jahren alt.

Vereinsamung ist nicht nur ein Thema alter Menschen. Die Pandemie wirft auch viele Jüngere auf sich zurück. Früher trafen sie sich in Sportvereinen und Fitnessstudios, in Chören und Theatergruppen. Die Kollegen auf Arbeit waren ein täglicher sozialer Kontakt, jetzt sitzen zahlreiche Singles im Homeoffice.

Und wie sollen sich neue Beziehungen ergeben, wenn das oberste Gebot der Stunde lautet: Bleibt daheim, trefft euch mit niemandem, stellt euer soziales Leben ein? Vom Lächeln hinter der Maske ganz abgesehen. So hat kein Flirt eine Chance, weder in der Straßenbahn noch beim Bäcker nebenan. Clubs und Kneipen sind ohnehin geschlossen.

Wenn Günter Kuhr Singles Tipps geben soll, braucht er nicht weit auszuholen. Sein eigenes Tun ist der beste Ratschlag. Um gar nicht erst in der Abgeschiedenheit zu verkümmern, gab er in der Sächsischen Zeitung ein Inserat auf: Suche Gleichgesinnte für gemeinsame Freizeitunternehmungen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

"Als ich an den vereinbarten Treffpunkt am Ullersdorfer Platz kam, standen da rund 15 Leute, die mit mir auf Wanderung zur Heidemühle gehen wollten", erinnert sich der gelernte Fotograf und Leiter einer Fotoagentur. Im strömenden Regen zog die Gruppe los, unterwegs lichtete sich der graue Himmel und die Sonne kam heraus. Dieses Erlebnis berührt ihn noch heute.

Rund zehn Jahre leitet er nun die offene Gruppe "Freizeit Dresden". Fast 300 Frauen und Männer im Alter zwischen 45 und 55 Jahren sind dort angemeldet und nehmen an den verschiedenen Wanderungen zu Fuß oder per Rad teil. Rund 80 Prozent sind alleinstehend. Im Schnitt bleiben die Teilnehmer der Gruppe drei bis vier Jahre treu. Dann verändert sich für viele das Leben, eine neue Partnerschaft führt sie auf andere Wege.

Ein Foto aus leichteren Zeiten: So wie in den früheren Jahren wieder mit seiner Freizeit-Gruppe auf Radtour zu gehen, das erhofft sich Günter Kuhr (r.) für den kommenden Sommer.
Ein Foto aus leichteren Zeiten: So wie in den früheren Jahren wieder mit seiner Freizeit-Gruppe auf Radtour zu gehen, das erhofft sich Günter Kuhr (r.) für den kommenden Sommer. © Sven Ellger

"Es haben sich aber auch in unserer Gruppe schon etliche Paare gefunden", sagt Günter. Besonders gern erinnert er sich an eine Frau und einen Mann, die in der gleichen Jacke zur Wanderung erschienen. "Ich dachte fälschlicherweise, sie gehören zusammen und habe sie freundlich als Paar begrüßt. Am Ende unseres Ausfluges waren sie das dann auch. Jedenfalls hat es bei ihnen gefunkt."

Auch wenn sich Günter Kuhrs Angebot an Singles richtet, sind Paare nicht ausgeschlossen. "Es gibt sogar Paartherapeuten, die unsere Unternehmungen empfehlen, wenn es in der Beziehung knirscht." Schließlich sind sie eine gute Gelegenheit für einen Perspektiv- und Tapetenwechsel. "Ich habe schon erlebt, dass sich zwei Partner in der Gruppe plötzlich wieder ganz hinreißend umeinander bemühen."

Telefon-Dating statt Rad-Tour

Gemeinsame Wanderungen fallen nun leider aus. Auch die traditionelle Silvesterfahrt konnte nicht stattfinden. Eigentlich wollten 20 Freizeitfreunde im Riesengebirge feiern. Um das Gruppenleben dennoch aufrecht zu erhalten, musste sich Günter Kuhr etwas einfallen lassen. "Freizeit Dresden übernimmt Verantwortung und beschränkt die Kontaktmöglichkeiten auf das Anrufen", schrieb er deshalb in einer Mitteilung auch an die Presse. Bereits im Dezember lud er an zwei Tagen zum "Telefon-Dating" ein.

"Die Resonanz war super", sagt er. Die Interessenten melden sich bei ihm an und erhalten die Telefonnummern der jeweils anderen. Dann obliegt es ihnen, sich telefonisch zu treffen, kennenzulernen und vielleicht zu verabreden. So lange sich zum Schutz vor Corona keine Gruppen treffen und draußen unterwegs sein können, ist das immerhin eine Alternative, um Kontakte zwischen Singles zu vermitteln oder auch den Austausch von Paaren mit anderen Dresdnern zu unterstützen.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Günter Kuhr selbst hat sein Glück schneller gefunden als gesucht. Am Rande eines Ausfluges mit der Freizeitgruppe begegnete er einer Frau, "die so wunderschön war, dass ich sie ansprechen musste", erzählt er. Sie rief ihn tatsächlich kurz darauf an, und nun sind die beiden schon seit neun Jahren zusammen.

Sie sucht ihn. Er sucht sie. Sie sucht sie. Er sucht ihn. Solche Rubriken in den Kleinanzeigen von Tageszeitungen und Magazinen gehören in eine frühere Welt. Längst haben sich Online-Partnervermittlungen durchgesetzt. Was sie nicht bieten können, ist die Liebe auf den ersten Blick. Profile und Suchmasken ersetzen nicht den Moment, in dem ein Mensch dem anderen sekundenschnell sympathisch wird. Deshalb will Günter Kuhr auch weiterhin Menschen zusammenbringen - trotz Corona und Digitalisierung.

Das nächste Telefon-Dating startet am 9. Januar 2021. Anmeldungen sind über www.freizeitdresden.de möglich.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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