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Corona: „Eltern müssen sich keine Sorgen machen“

Manches wird in der Krise dramatisiert, findet Dr. Hannes Bielas, Chefarzt im Krankenhaus Arnsdorf. Was er Familien im Umgang mit den Corona-Belastungen rät.

Dr. Hannes Bielas ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Chefarzt im
sächsischen Krankenhaus Arnsdorf.
Dr. Hannes Bielas ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Chefarzt im sächsischen Krankenhaus Arnsdorf. © Sven Ellger

Arnsdorf. Seit über einem Jahr leben wir mit der Corona-Pandemie und deren Folgen, wie Beschränkungen im sozialen Miteinander, Kita- und Schulschließungen. Kinder und Jugendliche sind dadurch besonders belastet und benötigen teils professionelle Hilfe. Das gilt mitunter auch für ihre Eltern. Im Interview mit Sächsische.de erklärt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Chefarzt im
sächsischen Krankenhaus Arnsdorf, Dr. Hannes Bielas,
dass eine gedrückte Stimmung normal ist, wie sich die Corona-Auswirkungen seit einem Jahr verändert haben und wie Familien mit den Belastungen umgehen können.

Herr Dr. Bielas, Sie hatten im Vorfeld dieses Gesprächs erzählt, dass es neue Studienergebnisse zu Auswirkungen des Corona-Lockdowns gibt. Was sind die zentralen Erkenntnisse?

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Es ging dabei um die Corona-Realität der Kinder. Das sind allerdings Daten aus der ersten Welle, da diese ja erst gesammelt und dann noch ausgewertet werden mussten. Im Kern kann man sagen, dass die erste Lockdown-Welle vor einem Jahr keine negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Erwachsenen oder auf Paarbeziehungen hatte. Es mag banal klingen, aber man hatte sonnige, warme Tage und konnte spazieren gehen.

Aber das ist doch irgendwann gekippt, oder?

Erst ab Herbst gab es für anfällige Menschen Schwierigkeiten. Man könnte sagen, dass sich die Idee von einigen Immunologen, eine kurze und schnelle Bremse zu machen, besser eignet. Dann hätte man einen überschaubaren, abgegrenzten Rahmen gehabt im Gegensatz zu dem anhaltenden „Lockdown light“. Kurze Lockdowns sind wahrscheinlich besser zu verkraften für sensible, anfällige Patienten-Gruppen. Dann hätte man wahrscheinlich nach kurzer Zeit mit Stillstand auf allen Ebenen wieder bessere Zahlen, und das wäre für die psychische Gesundheit besser, auch weil Sportstätten, Schulen und so weiter schneller wieder zugänglich wären.

Hälfte der Kinder mit depressiver Verstimmung

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Seit November geht mit diesem langen Lockdown eine allgemeine gedrückte Stimmung einher, mitbedingt durch die Wetterlage, die sich nicht dauerhaft in Richtung Frühling oder Sommer entwickeln mag. Da bildet sich eine Ermüdungserscheinung auf vielen Ebenen ab. Laut der Copsy-Studie (Corona und Psyche, Anm. d. Red.) sagen 80 Prozent der Kinder, dass sie belastet sind. Die Hälfte gibt eine depressive Verstimmung an, was noch keine psychiatrische Diagnose ist. Das ist eher wie ein Blues, wenn es mal nicht so rund läuft, was typischerweise innerhalb von zwei Wochen erledigt ist. Durch die lange Beschränkung und den fehlenden Ausblick wird das als Belastung eher wahrgenommen als noch 2020.

Wer ist davon besonders betroffen?

Ich finde es erstaunlich, dass die allermeisten Kinder und Jugendlichen sagen, ja ich bin belastet, aber ich komme damit zurecht. Unsere Arbeit ist recht unverändert, ähnlich viele ambulante Fälle wie noch 2019. Im letzten Jahr kam es deutschlandweit auch nicht zu erhöhten Zahlen im Bereich Kinderschutz. Den Kindern, die keine guten sozialen, familiären Beziehungen haben, fehlen allerdings Drittkontakte nach draußen.

Diese Risikofamilien machen etwa zehn Prozent aus, und für die wird es schwieriger, weil die Eltern selbst über die Maße belastet sind und noch weniger ausgeglichen auf die ohnehin schon bestehenden schwierigen Verhaltensweisen ihrer Kinder reagieren können. Das gilt auch für Einrichtungen der Jugendhilfe. Die Personaldecke ist durch Quarantänemaßnahmen eher dünner, und damit machen sich Ermüdungserscheinungen bei den Menschen breit. Eigentlich alterstypisches Verhalten, was mit Provokation, Wildheit oder Beziehungstestung einhergeht, wird dann rascher als zu viel eingeschätzt.

Keine Sorge über langfristige psychische Schäden

Welche Hilfen sind im Moment am wichtigsten?

Im Moment geht es darum, die Eltern zu stützen, damit sie nicht dekompensieren. Und manche Familien brauchen eine intensivere Betreuung durch die Jugendämter. Diejenigen, die schon wenig Ressourcen hatten, brauchen klares Coaching. Wichtig ist, den Eltern zu sagen, dass diese Belastung eine adäquate Reaktion ist. Ein Kind, das mit einer Belastung und einer gedrückten Stimmung auf die Corona-Realität reagiert, ist normal.

Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen, dass ihr Kind jetzt einen langfristigen psychischen Schaden entwickeln wird. Gemeinsame Tätigkeiten wie Außensport, Spaziergänge, Backen oder Basteln schaffen Bindungen und sind wichtig. Diese Erfahrung - wir schaffen das gemeinsam – gepaart mit einer gewissen Zuversicht ist wichtig, der Schulterschluss mit den Kindern, das Zutrauen in den Verzicht auf gesellige Partys oder andere Aktivitäten. Und Eltern sollten ihre Kinder trösten, wenn es mal schwierig ist.

Man sollte diese schwierige Situation also eher als Chance begreifen?

Wichtig ist, dass die Eltern sich über ihre eigenen Ängste klarwerden. Diese diffusen Ängste oder Sorgen sind Bewertungen ihrerseits. Es ist nicht zwingend notwendig, dass man Angst haben oder besorgt sein muss. Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, ist hier ein wichtiges Stichwort. Studien zeigen, dass Kinder, Erwachsene oder auch Tiere dann resilienter werden, wenn sie Herausforderungen gemeistert haben. Wir werden widerstandsfähiger, wenn wir das als Familie meistern.

"Man muss aus der Opferrolle herauskommen"

Aber nicht bei jedem klappt das, sonst hätten Sie keine Patienten zu behandeln. Und gerade bei Schülern gibt es mitunter massive Zukunftsängste und Ziellosigkeit.

Auf politischer Ebene muss man sich Gedanken machen, wie man mit der schulischen Wissenslücke umgehen will. Das Entscheidende ist ja häufig nicht, ob jeder alle Fächer mitgenommen hat, sondern ob die Fähigkeit und die Motivation zum Lernen geblieben sind. Mit Abstrichen müssen wir leben. Über die Medien und manche Eltern erfolgt allerdings auch eine Dramatisierung, wie schlimm es allen geht - finde ich zumindest.

Es ist richtig, dass wir uns dessen bewusst sind. Aber wichtig ist, wie wir damit umgehen. Man muss das Ganze als Herausforderung für sich annehmen und aus der Opferrolle herauskommen, und nur dann kann man daran wachsen. Dann kann es sogar eine Stärkung für die Psyche sein, weil man kompetent mit der Situation umgegangen ist.

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