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Bei Anruf Krankenschein

Ärzte finden das Angebot prinzipiell gut. Es entlastet Praxen, Patienten und das System. Dennoch gibt es abweichende Regelungen.

Diagnose und Krankschreibung per Telefon zwischen der Behandlung der Patienten in der Praxis: So sieht der Alltag derzeit bei Berit Rasche in Stolpen aus.
Diagnose und Krankschreibung per Telefon zwischen der Behandlung der Patienten in der Praxis: So sieht der Alltag derzeit bei Berit Rasche in Stolpen aus. © Steffen Unger

Wer derzeit einen Arzt braucht, braucht zuerst mal Glück. Einen zu erwischen, der keinen Urlaub hat und wenn er denn da ist, dass er Zeit hat. Denn wer da ist, macht grad die Vertretung für die, die im Urlaub sind - und dann kommt noch die Erkältungszeit dazu. Bis zu diesem Punkt ist dieses Jahr nicht anders als andere. Doch Corona, mehr Vorsicht und der Krankenschein auf Anruf machen die Zeit eben doch anders. 

Statt Wartezimmer voller hustender und schniefender Patienten, gibt es den Krankenschein jetzt wieder auf Anruf. Wie schon im Frühjahr sollen damit eine Überforderung der Ärzte und ein Ansteckungsrisiko verhindert werden. Seit 19. Oktober ist es wieder möglich,  dass Ärzte Patienten mit leichten Erkrankungen der oberen Atemwege telefonisch bis zu sieben Tage lang krankschreiben dürfen. Eine Verlängerung um weitere bis zu sieben Kalendertage ist einmalig möglich. Diese Regelung ist zunächst bis Ende 2020 befristet und gilt auch für Kinder. 

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Bei Fremden eher zurückhaltend

Der Höckendorfer Allgemeinarzt Jan Gregurek hat am ersten Tag nach seiner Urlaubswoche bereits zwei Patienten auf diesem Weg krankgeschrieben. Er hat sich für ihre Anamnese genauso viel Zeit genommen, wie wenn sie vor ihm gesessen hätten und hatte am Ende keine Bedenken. Weder, dass die Patienten ernsthafter krank sind noch dass sie krankfeiern wollen. Der Krankenschein wird per Post geschickt oder es kann ihn auch ein Angehöriger abholen, so wie bei den meisten Ärzten. "Es hilft dem Patienten und anderen, sich nicht anzustecken", sagt Gregurek. Angst, dass er eine schlimme Krankheit übersieht, hat er nicht. Ihm hilft es, die richtigen Fragen zu stellen. Am Ende ist der Aufwand fast genau so hoch, wie wenn der Patient in die Praxis kommt. Um seine Chipkarte muss der sich keine Sorgen machen. Die kassenärztliche Vereinigung vertraut dem Arzt. Außerdem ist ja über den Krankenschein die Rückkopplung vorhanden, dass der Patient tatsächlich krank ist.

Im Unterschied zu Jan Gregurek will der Gohrischer Arzt Tobias Clauß seine Patienten, die er per Telefon krankgeschrieben hat, doch noch einmal sehen. Wenigstens beim Abholen des Krankenscheines. Nicht weil er seiner Ferndiagnose oder den Patienten nicht vertraut, sondern um auf Nummer sicher zu gehen. Ansonsten ist auch für den Gohrischer Mediziner die telefonische Krankschreibung "keine dumme Sache".

Von mehreren im Landkreis befragten Ärzten lehnt diese Vereinfachung kein Arzt prinzipiell ab. Jedoch gibt es Einschränkungen. Die Stolpener Ärztin Berit Rasche praktiziert diese Form nur bei Patienten, die sie kennt. Bei allen anderen möchte sie sich persönlich ein Bild machen. Ähnlich läuft es bei Ute Ziege in Borthen. Prinzipiell handhaben beide Ärztinnen den "telefonischen Krankenschein" eher großzügig, um eben Infektionsketten zu unterbrechen, auch wenn es "nur" eine Erkältung ist. Dabei wollen ihn eher Jüngere, während Ältere lieber persönlich mit dem Doktor reden möchten. 

Fünf Tipps für den Arztbesuch 

  • Vorher anrufen: Es kann zwar dauern, bis man in der Praxis telefonisch durchkommt, doch lieber warten als einfach in der Tür stehen. Die Schwestern organisieren in den Praxen dann alles Weitere, damit sich möglichst wenige Patienten im Warteraum treffen. Wer nicht unbedingt eine Begleitperson benötigt, sollte darauf verzichten. Auch das minimiert Kontakte.
  • Symptome schildern: Weder herunterspielen noch schlimmer machen als es ist, hilft einem als Patient und dem Arzt bei der Diagnose.
  • Termine wahrnehmen: Wer als chronisch Kranker regelmäßige Termine beim Arzt hat, soll sie auch wahrnehmen. Der Schaden, der sonst entsteht, könnte viel größer sein als die Angst, sich anzustecken.
  • Hinweise befolgen: Das gilt eigentlich immer, doch jetzt ganz besonders. Das betrifft das Einhalten des Termins, das Warten im zugewiesenen Bereich und die allgemeinen Hygieneregeln.
  • Freundlich bleiben: Wenn das Telefon beim Arzt lange klingelt, ewig niemand ran geht, wenn der Termin später als gewünscht ist - erstmal Luft holen, bevor man schimpft. 

Wie es jeder Arzt im Einzelnen handhabt, ist seiner fachlichen Expertise und Verantwortung überlassen, sagt Dr. Sylvia Krug, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen und selbst HNO-Fachärztin. Sie sieht die telefonische Krankschreibung als sinnvolle und pragmatische Maßnahme zur Pandemiebekämpfung. Die Praxen entlastet es nur begrenzt, denn sie haben mehr organisatorischen Aufwand. 

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Viele Ärzte haben ihren Praxisbetrieb seit dem Frühjahr umgestellt.  Wer die räumlichen Möglichkeiten hat, trennt akute von chronischen Patienten. Die Borthener Ärztin Ute Ziege nimmt die Abstriche für den Corona-Test schon mal auf dem Hof - unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen. Etwa zehn bis 15 solche Abstriche macht sie täglich, fünf Prozent davon sind positiv, weisen also eine Infizierung mit dem Virus nach. Viele dieser Patienten haben leichte oder gar keine Symptome. Manchmal veranlasst sie den Test auch einfach, um die Leute zu beruhigen. Die Folge der mehr werdenden Tests ist die Wartezeit: War das Ergebnis am Anfang nach 24 Stunden da, dauert es jetzt bis zu drei Tage. Drei Tage, die für die Getesteten Unsicherheit und Quarantäne bedeuten. 

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