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Corona: Warum Genesene durchs Raster fallen

Viele haben unbemerkt eine Corona-Infektion durchgemacht oder keinen Beweis für die Erkrankung. Ein Dauer-Thema, auf das der Bund jetzt reagiert.

Alexandra Quill zeigt ihren Laborbericht über ihre Antikörper gegen Covid-19. Als Genesene gilt sie deshalb nicht.
Alexandra Quill zeigt ihren Laborbericht über ihre Antikörper gegen Covid-19. Als Genesene gilt sie deshalb nicht. © Martin Schneider

Alexandra Quill ist eine von vielen im Landkreis, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben - dafür aber keinen geeigneten Nachweis haben. Sie gelten nicht als Genesene, auch wenn anzunehmen ist, dass ihr Immunsystem Abwehrkräfte gegen Covid-19 gebildet hat. "Dass ich Antikörper habe, steht hier sogar Schwarz auf Bunt", kommentiert die 33-Jährige ihren Bescheid aus dem Labor. Doch das reicht nicht aus.

Im April dieses Jahres hatte sich die Frau aus Herrnhut, die mit ihrer Familie in Görlitz lebt, mit dem Virus infiziert: "Mein Schnelltest war positiv", erinnert sie sich. Da die Mutter zweier Kinder mit ihrem jüngsten gerade in Elternzeit war, verzichtete sie auf den Gang zum Arzt für einen PCR-Test: Mit zwei kleinen Kindern allein zum Arzt für eine Gewissheit, die sie schon hatte - das wollte sie sich ersparen. "Ich habe mich und die Kinder aber ganz regelkonform 14 Tage isoliert", betont sie.

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Der Laborbericht von Alexandra Quill: "Immunität ist anzunehmen" steht geschrieben. Sicher genug ist das dem Gesetzgeber nicht.
Der Laborbericht von Alexandra Quill: "Immunität ist anzunehmen" steht geschrieben. Sicher genug ist das dem Gesetzgeber nicht. © Martin Schneider

Ähnlich ist es einer Herrnhuter Freundin von Alexandra Quill ergangen. "Da die Schule zu war, ich ohnehin keiner systemrelevanten Berufsgruppe angehöre und mein Partner gerade Urlaub hatte, haben wir uns vorschriftsmäßig isoliert", sagt die Frau, die ihren Namen lieber nicht öffentlich nennen will. Beim Arzt waren auch sie alle nicht, weil niemand einen schlimmen Verlauf hatte. So haben sie jetzt ebenfalls nur den Antikörper-Nachweis in der Hand.

Kreis: In zweiter Welle nicht jeder getestet

Beim Landkreis Görlitz ist man sich bewusst, dass es einige solcher Fälle gibt. Allein schon, weil wegen Lieferengpässen in den Laboratorien vor allem in der zweiten Welle die Testkapazitäten eingeschränkt waren, bestätigt Kreissprecherin Julia Bjar. Niedergelassene Ärzte durften deshalb nur eine vorgegebene Anzahl an täglichen Testungen einreichen. "Dies betraf auch die Gesundheitsämter", fügt Frau Bjar hinzu. Bekannt ist auch, dass niedergelassene Ärzte bei mehreren Erkrankungsfällen in einem Hausstand nicht alle Mitglieder getestet haben. Vor Augen halten müsse man sich aber, dass diese Engpass-Zeit inzwischen rund sechs Monate zurückliege und der per Gesetz zugestandene Immunschutz für Genesene ohnehin auslaufe.

Damit steht für beide Frauen die Frage nach einer Impfung: Beide beantworten sie ähnlich. Sie trauen einerseits den mRNA-Impfstoffen nicht ausreichend und sehen mit Blick auf ihre Antikörper, die ja vorhanden sind, keinen Grund, sich zu schützen. Doch hier liegt der Knackpunkt bei Corona: Einen ausreichenden Antikörper-Titer - also einen Schutzschwellenwert - hat die Wissenschaft bei Corona mangels Erkenntnissen nicht festgelegt. Es ist ohnehin nicht sicher, ob es einen solchen einheitlichen Wert überhaupt geben kann. Sonst wäre es so wie bei anderen Erkrankungen: Unterschreitet man einen gewissen Wert, ist der Schutz nicht mehr vorhanden und eine Impfung wird empfohlen.

Normalität nicht ohne Impfung

Bislang akzeptiert das Bundesgesundheitsministerium Antikörpertests aus mehreren Gründen nicht: Der Nachweis und die Menge der Antikörper allein lasse keinen sicheren Rückschluss auf den Schutz vor einer Infektion zu. Die Antikörper könnten auch durch Kontakt mit einem anderen Coronavirus - und nicht mit Covid-19 - entstanden sein und damit im Fall des Falles nicht schützen. Auch der Zeitpunkt der Infektion lasse sich nicht mehr bestimmen. Dennoch hat das Ministerium inzwischen auf solche Fälle reagiert: Wer per "qualitativ hochwertigem Antikörpertest" vorhandene Immunabwehr nachweist, kann mit lediglich einer der üblicherweise zwei Impfdosen der bislang zugelassenen Präparate einen Status als vollständig Geimpfter erhalten, bestätigt das Bundesgesundheitsministerium auf Nachfrage. Das war bislang so nicht möglich. Diese Regelung gelte seit 22. September. Da hat das Paul-Ehrlich-Institut diese Regelung veröffentlicht. Zugleich ermuntert das RKI Genesene, sich impfen zu lassen: Es gebe keine Hinweise, dass eine Impfung nach durchgemachter Infektion problematisch oder gefährlich wäre.

Dennoch zögern viele. "Ich bin generell kein Impfgegner oder Verweigerer", betont Frau Quill, die wie ihre Freundin lieber auf einen konservativ hergestellten Impfstoff wartet. Die Kinder erhielten alle nötigen Impfungen und auch gegen Grippe habe sich die Familie im vergangenen Jahr immunisieren lassen. Ganz ähnlich beschreibt es ihre Freundin in Herrnhut. "Ich halte mich an alles: Abstand, Maske, Desinfektion, meine Arbeit kann ich mir sogar so einteilen, dass ich wenig Kontakt zu anderen habe", fügt sie hinzu. Ihre Freundin, die in der Altenpflege gearbeitet hat, betont ebenfalls, dass sie sich und ihre Kinder zu Hause regelmäßig selbst teste.

PCR-Test für Roland-Kaiser-Konzert

Dass sie gegebenenfalls nicht in Konzerte oder ins Kino gehen könne, sei für sie kein Problem. "Ich habe die Lockdown-Zeit eher als entspannend empfunden", sagt die Herrnhuterin. Ihre Freundin hat hingegen zu spüren bekommen, wie stark sie als Ungeimpfte eingegrenzt wird: "Wir hatten Karten für ein Roland-Kaiser-Konzert - unsere Dreijährige ist ein großer Fan", erzählt Frau Quill. Kurz vor dem Konzert hat der Veranstalter aber die Regeln geändert. Ihr Mann habe dann auf eigene Kosten - über 100 Euro - einen PCR-Test gemacht, damit die Kleine hinfahren kann.

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Verbittert oder wütend sind die beiden Frauen nicht, gerecht sei das Ganze aber nicht. "Ich hatte gehofft, dass Gesundheitsminister Spahn hier doch noch reagiert", sagt Frau Quill. Sie könne gut verstehen, dass andere, denen es ähnlich geht wie ihr, inzwischen genervt sind: "Ich habe mehrere Kollegen und Bekannte, die eine symptomlose Infektion durchgemacht haben und vor den gleichen Problemen stehen."

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