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Corona: Die Dankesbriefe der Heimleiterin

Antje Gietzelt leitet zwei Heidenauer Altenheime. Obwohl die fast verschont blieben, macht sie sich Gedanken - und setzt ein Zeichen.

Antje Gietzelt leitet die zwei Heidenauer Altenheime. Sie und die Mitarbeiter stehen unter enormem Druck. Trotzdem und gerade deshalb findet sie jetzt Zeit für besondere Briefe.
Antje Gietzelt leitet die zwei Heidenauer Altenheime. Sie und die Mitarbeiter stehen unter enormem Druck. Trotzdem und gerade deshalb findet sie jetzt Zeit für besondere Briefe. © Daniel Schäfer

Als ob Antje Gietzelt nichts Wichtigeres zu tun hätte. Hat sie. Doch die Briefe, die sie jetzt unterschreibt, sind genau so wichtig. Und wenn sie nichts anderes zu tun hätte, bräuchte sie auch die Briefe nicht schreiben. Die Leiterin der beiden Johanniter-Alteneinrichtungen in Heidenau übergibt die Dankesbriefe an die über hundert Mitarbeiter im Stift auf der Burgstraße und im Heim auf der Friedrich-Engels-Straße.

Die beiden Johanniter-Einrichtungen tauchen bisher fast nie in den Corona-Übersichten auf. Fünf von 163 Bewohnern und einige Mitarbeiter erkrankten bisher. Niemand ist an bzw. mit Corona gestorben. Mitarbeiter mussten nicht massenhaft in Quarantäne geschickt werden. Der Fakt, dass die beiden Häuser bisher weitgehend verschont blieben, ist ein Grund für die Briefe. "Es ist ein Stück Glück, dass es so ist, vor allem aber ist es den Mitarbeitern zu verdanken", meint Antje Gietzelt. "Wir gehören zu der der systemrelevanten Berufsgruppe, aber manchmal lässt die Anerkennung von außen zu wünschen übrig", sagt sie und deshalb sagt sie jetzt Danke.

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Hochwasser, Bombenfund, Corona

Antje Gietzelt ist eine erprobte Krisenmanagerin, auch wenn sie das so nicht hören will. Doch zwei Hochwasser, der Heidenauer Bombenfund und die damit verbundene Evakuierung im November 2017 haben sie Erfahrungen machen lassen, die ihr nun helfen. Auch wenn Corona mit nichts vergleichbar ist. Nicht von der Intensität, nicht von der Dauer, nicht von den Auswirkungen und Konsequenzen.

Die Heidenauer Heime haben bisher das gemacht, was auch alle anderen gemacht haben, sagt sie. Strikte Regeln fürs Besuchen zum Beispiel. In den Zimmern dürfen nur Bewohner besucht werden, die nicht mobil sind oder im Sterben liegen. Für die Besucher gibt es Räume, in denen Besucher und Bewohner noch einmal durch Plexiglasscheiben getrennt sind. Auch "Fensterbesuche" werden praktiziert. Besucher müssen sich für Zeiten anmelden, werden schnellgetestet. Alles wird mit eigenem Personal geleistet, sagt Antje Gietzelt. Eine organisatorische Herausforderung für sie, die Pflegedienstleitung und alle Mitarbeiter. Viele Angehörigen fanden die Konsequenz und Transparenz der Regelungen richtig. Einige haben sich aber auch aufgeregt und beschwert. Mit denen wurde geredet. Am Ende sagten sie dann oft: „Da haben sie recht, so habe ich das noch gar nicht gesehen.“ Viele Außenstehende würden und könnten gar nicht verstehen, wie die Situation in den Heimen ist. Die Bewohner jedoch würden das alles besser verkraften als gedacht, sagt Antje Gietzelt.

Im Heim auf der Friedrich-Engels-Straße leben 74 Menschen.
Im Heim auf der Friedrich-Engels-Straße leben 74 Menschen. © Daniel Schäfer

So froh Antje Gietzelt darüber ist, dass es ist wie es ist, so sehr sitzt sie auf einem Pulverfass. Jeden Tag kann es sich ändern. Wen es als Heim trifft, der ist nicht schuld, so wie es nicht der Verdienst dessen ist, der verschont bleibt, sagt Antje Gietzelt. Wenn es einmal im Heim ist, könne man sich kaum wehren. Einrichtungen mit massenhaften Corona-Ausbrüchen mit dem Makel, da ist was nicht in Ordnung, zu versehen, hält Antje Gietzelt für falsch. "Wir haben heute darüber geredet, dass wir bisher verschont blieben, morgen kann es schon ganz anders sein." Es ist nicht vergleichbar zum Beispiel mit dem Norovirus. Der hat die Leute drei bis fünf Tage im Griff. "Da musste man durch und wusste, in zwei, drei Wochen haben es alle gehabt und es ist vorbei", sagt Antje Gietzelt. Jetzt ist kein Ende abzusehen.

Enormer Druck und erste Corona-Impfungen

Der Druck auf die Leiterin und die Mitarbeiter ist enorm. Neben dem in der täglichen Arbeit ist es der psychische Druck. Ja nichts einzuschleppen, ja nichts zu übersehen. Unvorstellbar der Druck, wenn es dann doch passiert ist. Dann kommen Fragen wie "war ich es?" oder "was habe ich nicht beachtet?" hinzu. Und das alles bei all den Fragen und Problemen, die jeder noch zuhause hat. Es gibt kaum jemanden, an dem das alles spurlos vorübergeht. Dass die Mitarbeiter so mitdenken, so engagiert sind, sich so rücksichtsvoll verhalten, indem sie außerhalb des Heimes ihre Kontakte reduzieren, das ist ein Grund für den Brief, den Antje Gietzelt ihnen jetzt schreibt. Denn sie kann das Heim innen so viel wie sie will abschirmen, draußen geht jeder einkaufen, hat Familie und Kontakte, die nicht reduziert werden können.

Am Wochenende werden auch in den beiden Heidenauer Heimen die ersten Bewohner und Mitarbeiter geimpft (Symbolbild).
Am Wochenende werden auch in den beiden Heidenauer Heimen die ersten Bewohner und Mitarbeiter geimpft (Symbolbild). © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/POOL/dpa

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Am Wochenende werden die ersten Bewohner und Mitarbeiter der beiden Heime geimpft. Ein großer Teil habe sich dafür angemeldet, sagt Antje Gietzelt. Auch wenn das kein Ende und keine absolute Sicherheit, es bedeutet für alle eine Hoffnung. Für Antje Gietzelt ist das Glas immer halbvoll. So hat sie die bisherigen Krisen mit und für ihre Heime gemeistert. Zum Dankesbrief bekommen die Mitarbeiter auch eine Flasche Wein und einen Gutschein. "In dieser außergewöhnlichen Zeit leisten Sie eine großartige Arbeit, die nicht selbstverständlich ist und großen Respekt verdient", schreibt Antje Gietzelt in ihrem Dankesbrief. Die Mühen, die Geduld, die Strapazen und die Energie werden wohl noch eine Weile gebraucht.

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