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Die Corona-Festung von Dresden

Ein Studentenwohnheim steht unter Quarantäne, weil ein Bewohner aus Indien nach einer Corona-Infektion gestorben ist. Sein Tod wirft viele Fragen auf.

Ein Absperrband zieht sich um das Studentenwohnheim an der Hildebrandstraße in Dresden-Strehlen: Bis einschließlich Dienstag müssen 150 bis 200 Studenten, die hier leben, in Quarantäne bleiben.
Ein Absperrband zieht sich um das Studentenwohnheim an der Hildebrandstraße in Dresden-Strehlen: Bis einschließlich Dienstag müssen 150 bis 200 Studenten, die hier leben, in Quarantäne bleiben. © Jürgen Lösel

Dresden. Er hatte eigentlich noch viel vor. Dass es sein letztes Mal in Indien sein würde, konnte der Mann nicht ahnen. Ende April verließ er das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land, in dem die Coronavirus-Variante Delta tobt. Einen guten Monat später, am 1. Juni, starb er. Nicht in der südindischen Technik-Metropole Bangalore, wo er hergekommen sein soll, sondern in Dresden.

Sechs Tage lang hatte er in einem Klinikum verbracht. Vergebens. „Dieser sehr schnelle Verlauf bei zunächst gutem Allgemeinzustand begründet den Verdacht, dass die Infektion auf eine Virusvariante zurückzuführen ist“, heißt es am Freitag von der Stadt. Nach Angaben eines Mitbewohners war der Mann 28 Jahre alt. Er lebte in einem 15-Geschosser an der Hildebrandstraße in Dresden-Strehlen. Seit zwei Jahren arbeitete er in der sächsischen Landeshauptstadt, die Wohneinheit soll er sich mit fünf weiteren Menschen geteilt haben.

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Im Laufe des Freitags wurden alle Bewohner des Studentenwohnheims mit PCR-Tests auf eine mögliche Coronavirus-Infektion getestet. Positiv-Fälle werden sequenziert, also auf Virusvarianten überprüft.
Im Laufe des Freitags wurden alle Bewohner des Studentenwohnheims mit PCR-Tests auf eine mögliche Coronavirus-Infektion getestet. Positiv-Fälle werden sequenziert, also auf Virusvarianten überprüft. © Jürgen Lösel

In dem Studenten-Wohnheim herrschen jetzt am Freitag durch seinen Tod Verunsicherung, Trauer und Angst. Polizei, Gesundheitsamt und Heilsarmee tummeln sich um das Gebäude, Menschen mit Eiern, Brot und Paprika huschen an Briefkastenreihen vorbei in den gläsernen Eingang. Die etwa 150 bis 200 Bewohner, die in dem privat betriebenen Gebäude leben, sind in Quarantäne. Aushänge auf Deutsch und Englisch informieren sie darüber.

Am Donnerstag war die Nachricht über den Tod des Mannes öffentlich geworden. Am selben Abend umzingelt Polizei das Haus. Ganz plötzlich wird das Wohnheim zur Festung, die niemand mehr verlassen darf. „Wir haben eine E-Mail bekommen, zwei Stunden später kam die Polizei und hat uns verboten, nach draußen zu gehen“, sagt eine Studentin, die aus Indiens Hauptstadt Delhi stammt. „Wir haben verstanden, dass das Gebäude versiegelt wird. Die Polizei war hilfreich und fürsorglich, hat uns gut behandelt.“

„Wer einmal hier reingeht, kommt so schnell nicht wieder raus“

Rund 80 Prozent der Bewohnenden kommen nicht aus Deutschland. Ob der Verstorbene sich in Indien infiziert hat, ist noch nicht klar. Ein Test vor seiner Rückkehr wies ihm dort ein negatives Ergebnis aus. Er könnte sich auch nach seiner Rückkehr in Dresden angesteckt haben.

Doch die Furcht vor der in Indien grassierenden Mutante hängt wie ein düsterer Schatten über dem Wohnheim. Elf Fälle der Variante aus Indien hat das Robert-Koch-Institut bisher in ganz Sachsen registriert. Ein Massenausbruch zöge fatale Folgen nach sich.

Das Gesundheitsamt orchestriert ein Team, das am Freitagmorgen zum Testen anrückt. Für alle Bewohnerinnen und Bewohner ist ein PCR-Test Pflicht. Die Deutsche Knochenmarkspende (DKMS) unterstützt das Amt an den drei Teststellen vor dem Haus. Vor Ort seien neben der Polizei zehn Mitarbeiter des Amtes, sechs Beschäftigte der DKMS und Dolmetscher, die Fragen auf Hindi, Englisch und Arabisch beantworten.

In meterweitem Abstand stehen die Bewohner in der Schlange, geben ihr Formular ab und öffnen den Mund zum Stäbchentest. Die Stadt bittet, den Bereich um die Hildebrandstraße 7 weiträumig zu meiden, damit die Ermittlungsarbeit nicht behindert wird. Gegen 16 Uhr packt das Test-Team zusammen. Bis einschließlich Dienstag müssen die Bewohner in Quarantäne bleiben. Über das Wochenende sequenziert ein Labor die Tests, will so auch herausfinden, um welche Corona-Variante es sich bei Positiv-Fällen handelt.

Frank Bauer, der Leiter des Amtes für Gesundheit und Prävention, informierte am Nachmittag über den Fall und beantwortete Fragen.
Frank Bauer, der Leiter des Amtes für Gesundheit und Prävention, informierte am Nachmittag über den Fall und beantwortete Fragen. © René Meinig

Alarmiert ist auch das Studentenwerk. Es betreibt ein Wohnheim am gegenüberliegenden Zelleschen Weg. „Wir sind natürlich informiert und in Habachtstellung“, sagt eine Sprecherin. Im Laufe des Tages weisen mehrere Hochschulen Gerüchte von sich, der Mann könnte bei ihnen studiert haben. Ob Angehörige der Technischen Universität Dresden mit ihm in Verbindung standen, sei allerdings nicht bekannt, so eine TU-Sprecherin.

Ein rot-weiß gestreiftes Absperrband zieht sich derweil um das Haus, an jeder Ecke kontrollieren je zwei Polizisten das Gelände. „Wer einmal hier reingeht, kommt so schnell nicht wieder raus“, sagt ein Polizist. Ein 28-Jähriger versucht es. Er wartet auf einen Kollegen, der ihm einen Arbeitslaptop vorbeibringen soll.

Seinen Abschluss als Ingenieur hat der in Ägypten geborene Mann bereits in der Tasche. Eigentlich arbeitet er nicht mehr im Homeoffice, nun muss er sich aber wieder in seinem Zimmer aufhalten. „Jetzt wird endlich schönes Wetter, und wir müssen drinnen bleiben.“ Generell sei die Stimmung entspannt im Wohnheim, nur an Essen fehle es. „Ich hab nichts mehr da“, sagt er. Zum Frühstück hatte er nur eine Banane.

Wie ihm geht es vielen. Die Ereignisse, sie überrollen, kamen so unvorhersehbar, dass viele, die jetzt festsitzen, keine Chance hatten, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Seit dem Vormittag kursieren auf sozialen Medien Solidaritäts-Aufrufe. Studierende unterstützen die Feuerwehr, organisieren eine Einkaufshilfe für die Betroffenen. In ein digitales Formular können sie eintragen, was sie brauchen. Das Gesundheitsamt Dresden streckt das Geld möglicherweise vor. Auch psychische Unterstützung will der Studentenrat der TU Dresden den Festsitzenden über ein Hilfetelefon bieten.

Am Nachmittag rückt die Heilsarmee mit einer Ladung Lebensmittel an – aus zwei Fahrzeugen schleppt das Ehepaar Scharf kistenweise Eier, Brot, Gemüse in das Gebäude. „Und Süßigkeiten für die Seele“, ergänzt Helfer Gert Scharf. 150 Portionen hat der Landesverband der sächsischen Tafeln an die Heilsarmee gespendet, um die Bewohner zu versorgen. „Das machen wir jetzt täglich, bis die Quarantäne vorbei ist“, so Scharf.

Gert Scharf von der Heilsarmee bringt Lebensmittel in das Studentenwohnheim, darunter jede Menge Eier.
Gert Scharf von der Heilsarmee bringt Lebensmittel in das Studentenwohnheim, darunter jede Menge Eier. © SZ/Luisa Zenker

Davinder Bansal dreht Runden auf der hochgewachsenen Wiese vor dem Hochhaus. Im Schlepptau Hund Tibu. Bansal wohnt seit zehn Monaten in dem Gebäude, studiert Logistik. „Ich hab Glück, dass ich ganz unten wohne“, sagt der aus Indien stammende Student. So könne er wenigstens ab und zu mit seinem Hund vor die Tür. Die Quarantäne-Tage über werde er lernen, für ein Examen am Montag. Angst vor der Mutation habe er nicht.

Davinder Bansal nutzt die Zeit zum Lernen für ein Examen am Montag.
Davinder Bansal nutzt die Zeit zum Lernen für ein Examen am Montag. © SZ/Luisa Zenker

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Damit ist die indische Mutante vermutlich das erste Mal in der Stadt übertragen worden. Wie das Gesundheitsamt nun weiter vorgehen will.

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Im Quarantäne-Hochhaus an der Hildebrandstraße in Dresden warten die Bewohner auf die Laborergebnisse. Die Furcht, sich im Haus anzustecken, ist groß.

Anders geht es jenen, die den Verstorbenen kannten. Eine Person erzählt, dass er den Rettungswagen gerufen habe, als er sich krank fühlte. Der habe ihn ans Testzentrum verwiesen, das ihm nach der Positiv-Testung häusliche Quarantäne verordnet hat. Einige Tage später sei er mit Atemproblemen zusammengebrochen. Ein Mitbewohner des Verstorbenen ist nach Angaben einer Hausbewohnerin bereits ebenfalls nachweislich positiv. Sicher aber ist all das nicht. Bislang gibt es zum Covid-Tod des Mannes mehr Fragen als Antworten.

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