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Zwei Schwestern, zwei Corona-Welten

Während die Dresdnerin Ivonne Ranisch in ihrer Wahlheimat Australien strengen Regeln folgt, steht ihre Schwester Doreen hinter Schwedens lockerem Sonderweg.

Ivonne (l.) und Doreen Ranisch trennen derzeit 16.000 Kilometer - und wahre Corona-Welten.
Ivonne (l.) und Doreen Ranisch trennen derzeit 16.000 Kilometer - und wahre Corona-Welten. © privat

Dresden. Der Eisladen direkt am Wasser lief wie geschmiert. "In diesem Jahr habe ich hier mehr Eis verkauft als letztes Jahr", sagt Doreen Ranisch. Coronakrise? Ja klar, das sei ein Problem, aber hier auf ihrer Insel sei die Welt noch in Ordnung. 

Vor fünf Jahren wanderte die 41-Jährige zusammen mit ihrem Mann in dessen Heimat nach Schweden aus. 

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Gemeinsam haben sie einen dreijährigen Sohn. So wie ihre beiden Schwestern, wuchs Doreen in Dresden auf, wo heute noch ihre Eltern wohnen und gerade den nächsten Lockdown erleben.  

Im Eisladen von Doreen Ranisch an der schwedischen Westküste lief es dieses Jahr wie geschmiert.
Im Eisladen von Doreen Ranisch an der schwedischen Westküste lief es dieses Jahr wie geschmiert. © privat

Doreen betreibt heute auf Orust an der schwedischen Westküste neben dem Eisladen noch ein Hostel mit sechs Doppelzimmern, das den Sommer immer voll belegt war. "Wir sind hier sehr touristisch, aber in diesem Jahr kamen fast nur Einheimische", sagt sie.

Die wenigen Deutschen, die trotz der internationalen Berichterstattung über das "Virusland Schweden" gekommen seien, hätten es genossen, endlich mal wieder ohne Maske einkaufen gehen zu können. Doreen hatte noch nie so einen ominösen Mund-Nasen-Schutz und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, einen tragen zu müssen. Immerhin habe sie aber jetzt auch eine Plexiglasscheibe in ihrem Laden. Das muss reichen.

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Rund 16.000 Kilometer entfernt geht es unterdessen langsam auf den Sommer zu. Doreens große Schwester Ivonne zog vor 17 Jahren mit ihren großen Liebe nach Australien und baute sich in Sydney ein Leben auf. 

"Die Australier haben Corona von Anfang an sehr ernst genommen", sagt die 44-Jährige. Die Grenzen seien dicht, der internationale Flugverkehr sei eingestellt. 

Sogar ein Brief, den ihre Mutter ihr schicken wollte, ist jüngst mit dem Hinweis zurückgekommen, dass es momentan keinen Postversand nach Australien gebe. Schon vergleichsweise geringe Infektionszahlen reichten aus, um ihre australischen Mitbürger in Panik zu versetzen. 

Ivonne Ranisch und ihre Familie dürfen in Australien seit Monaten nicht reisen.
Ivonne Ranisch und ihre Familie dürfen in Australien seit Monaten nicht reisen. © privat

Nachdem die Kurve im Juli leicht nach oben ging, setzte beispielsweise der Bundesstaat Victoria einen knallharten 111-tägigen Lockdown durch, mit Ausgangssperren ab 20 Uhr.

Auch im Rest von Down Under sind die Corona-Regeln härter als in anderen Ländern. Das Ergebnis: Vergangene Woche konnte der australische Gesundheitsminister vermelden, dass es erstmals seit fünf Monaten im ganzen Land keine neuen Positiv-Tests gab.

Zwar lebt Ivonne im Bundesstaat New South Wales, wo die Beschränkungen nicht so hart wie in Victoria waren. Dennoch sagt sie: "Dieser konsequente Umgang mit dem Virus ist der einzige, der erfolgreich sein kann." 

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Allerdings müsse man auch die unterschiedlichen Mentalitäten beachten. Während in Australien nur die Regeln befolgt würden, deren Missachtung mit Strafen geahndet werden, sei das in Schweden ganz anders.

Das bestätigt ihre Schwester Doreen gern. Geldstrafen drohten den Bürgern hier auch jetzt noch keine. "Bei uns ist es viel entspannter. Die Schweden vertrauen ihrer Regierung und die Regierung vertraut ihren Bürgern."

Das sei der Grund für den so oft zitierten "Sonderweg", von dem die schwedische Regierung noch immer nicht abweichen will. Zwar steigen auch in Schweden die Infektionszahlen gerade rasant an, doch die Nordeuropäer setzen weiter auf den gesunden Menschenverstand statt auf harte Beschränkungen. Nach dem Motto: Haltet ihr bitte Abstand? Ja, machen wir gern.

Und was sagt die Mama?

"So sind die Schweden eben", sagt Doreen und lacht. "Herzlich, aber vernünftig. Immer ein bisschen langsamer, aber dafür auch weniger empfänglich für Panikmache." 

Die derzeitigen Lockdowns überall sonst auf der Welt hält Doreen - anders als ihre Schwester - für wenig erfolgversprechend. "Wir werden doch sowieso alle mit dem Corona-Virus leben müssen", sagt sie. 

Im Juni kommenden Jahres werden ihre Eltern in Dresden goldene Hochzeit feiern. Eigentlich wollte dann auch Ivonne mit ihrer Familie mal wieder in die Heimat fliegen, aber das hält sie im Moment für kaum realistisch.

 Um dem Virus so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen (und weil sie keine Lust mehr auf Großstadt hatten), zog Ivonne mit ihrer Familie im Mai aufs Land in ein Dorf mit 500 Einwohnern. 

Und was sagt die Mutter in Dresden? Die hätte dieses Jahr schon gern Schweden besucht, traute sich aber nicht. Und nach Australien war kein Reinkommen. 

"Ich finde das schon richtig, dass die Regeln jetzt wieder etwas strenger werden", sagt Karin Ranisch. "Irgendwas muss ja geschehen, damit die Zahlen nicht noch weiter steigen." Ob der Lockdown am Ende auch etwas bringe, das sei allerdings eine ganz andere Frage. 

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