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Impfstellen: "Verbale Ausfälle und Handgreiflichkeiten"

Der Fackel-Protest vorm Haus von Petra Köpping ist erschreckend. Hassausbrüche bekommen längst auch Dresdner Einrichtungen und Politiker zu spüren.

Von Julia Vollmer & Andreas Weller
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Impfen spaltet. Das bekommen auch die Dresdner Impfteams zu spüren.
Impfen spaltet. Das bekommen auch die Dresdner Impfteams zu spüren. © Marion Doering (Symbolbild)

Dresden. Es ist ein Tabubruch: Am Freitag versammeln sich laut Polizei-Angaben etwa 30 Kritiker der Corona-Maßnahmen vorm Privathaus von Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) in Grimma. Sie tragen Fackeln, halten Plakate und rufen laut. Als die Polizei eintrifft, flüchten sich die Teilnehmer in Autos und fahren davon. Doch nicht nur Köpping ist Beleidigungen und Anfeindungen ausgesetzt. Auch Dresdner Mediziner, Politiker und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten von Handgreiflichkeiten und Beschimpfungen.

"Du sozialistisches Miststück"

"Leider gibt es immer wieder vereinzelte Hass-Botschaften an den Oberbürgermeister oder andere Verantwortungsträger in der Landeshauptstadt, es handelt sich aber nicht um ein Massen-Phänomen", sagt Rathaussprecher Kai Schulz auf SZ-Anfrage. Auffällig sei, dass die Kommentierungen auf der städtischen Facebook-Seite an Schärfe und sprachlicher Aggression zugenommen hätten. "Beleidigende Beiträge und Fake-News löschen wir schnellstmöglich, ansonsten versuchen wir durch die Moderation Mäßigung zu erreichen", betont Schulz.

Dresdens SPD-Chef, der Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas, kennt das. "Die wachsende Radikalisierung und der Hass dieser lauten Minderheit begegnet mir an vielen Stellen, vor allem im digitalen Raum." Das gehe bei beleidigenden Kommentaren los und reiche bis zu Drohungen gegen seine Person. So musste er schon Mails wie diese lesen: "Treten Sie alle sofort zurück und überlassen Sie dem sächsischen Volk seine Eigenverantwortung. Wir können das und schaffen das besser ohne eine korrupte Regierung. Gehen Sie, solange noch Zeit ist!" Zum Glück wurden aus den Worten bisher keine Taten.

Bereits im September 2020 erhielt Linke-Stadtrat Christopher Colditz eine Mail, die keinesfalls mehr nur als kritische Auseinandersetzung bezeichnet werden kann. "Ich hab mich in dem Zeitraum zu einer Querdenken-Demo in Berlin auf Twitter geäußert." Er vermute, der oder die Täter verfolgten über sein Twitter-Profil den Weg zum Kontaktformular auf seiner Website. In der Nachricht war vom "Gnadenschuss" die Rede. Er wurde als "sozialistisches Miststück", "faschistes Stück Dreck" und "kleiner faschister Milchbubie" bezeichnet. Er zeigte die Nachricht an.

Bedrohungen auch auf der politischen Gegenseite

Auch Grünen-Stadträtin Andrea Mühle kennt die Schattenseiten der sozialen Netzwerke. "Nach einem Treffen mit dem Ministerpräsidenten für sichere Schulen tauchte mein Name in rechten bzw. Querdenkenden-Chatgruppen auf. Und auch auf Facebook und Instagram gibt es unterirdische Antworten auf entsprechende Posts", erzählt sie. Auf ihren letzten Aufruf für einen solidarischen Lockdown erhielt sie sowohl entrüstete, aber auch den Holocaust verharmlosende, anonyme E-Mails. "Das macht mich fassungslos, auch wenn es bisher nur einzelne sind", sagt Mühle.

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Bedrohungen gibt es allerdings auch auf der Gegenseite. "Querdenken 351"-Organisator Marcus Fuchs berichtet von mehrfachen Morddrohungen gegen ihn. "Mir haben Leute im Internet geschrieben: Wir erschießen dich und wir bringen dich um", so Fuchs. Er werde auch häufig auf der Straße als Arschloch beschimpft. "Oder die Leute rufen 'Hau ab'." In einem Fall sei eine Flasche vor seinem Wohnhaus mit einer Hassbotschaft abgelegt worden, als Fuchs und seine Familie nicht da waren. "Das ist ein Level, das unter die Gürtellinie geht", sagt Fuchs. Seitdem habe er Sicherheitsleute engagiert, die vor und nach größeren Demonstrationen sein Haus absichern. "Da geht es um den Schutz meiner Familie", erklärt der zweifache Vater. "Mich persönlich tangiert das nicht, ich habe mir da ein dickes Fell angeschafft."

Handgreiflichkeiten gegenüber Impfteams

Kai Kranich, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das in Dresden das Impfzentrum betreibt, sagt: "Es gab Drohungen per Mail, Post und telefonisch. Verbale Ausfälle gegenüber den Impf-Teams sind fast täglich zu verzeichnen." Auch sei es schon zu Handgreiflichkeiten gekommen. In den sozialen Netzwerken werde sich aus unterschiedlichen Motiven, auch wegen Frusts über die Organisation, in "nicht gebührlicher und beleidigender Art und Weise Luft verschafft", so Kranich.

Ágnes Zirkel, Chefärztin der Klinik für Geburtshilfe im Diakonissenkrankenhaus, erlebt keine Anfeindungen, aber immer wieder Debatten: "Auf unserer Geburtsstation gibt es vereinzelt Diskussionen, vor allem mit den Begleitpersonen. Einige Väter tragen die Maske nicht korrekt oder kommen von vornherein mit einem ärztlichen Attest, das sie vom Tragen einer Maske befreit." Da die Regeln von Einzelnen nicht eingehalten wurden, musste man zum Leidwesen aller auch für die Geburtsstation ein generelles Besuchsverbot verhängen.

Sicherheitsdienst im Krankenhaus

Im Krankenhaus St. Joseph-Stift gibt es einen Sicherheitsdienst. "Wir haben bisher 'nur' verbale Auseinandersetzungen und Anfeindungen erlebt, die sich häufig vor Ort klären lassen. Zudem wird unser Personal in den Eingangsbereichen von einem Sicherheitsdienst unterstützt, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten", so Sprecherin Christine Herzog.

Das Wichtigste zu Corona aus Dresden:

In Prohlis war Ende November sogar ein mobiles Corona-Impfteam mit einem Feuerwerkskörper angegriffen worden. Die Mitarbeiter befanden sich laut Stadtverwaltung im Bürgersaal an der Prohliser Allee, als eine unbekannte Person das Team attackierte und anschließend flüchtete. Die Impfaktion musste abgebrochen werden. Verletzt wurde niemand. Die Polizei ermittelt.